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Host, The (2006)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 8 / 10)
eingetragen am 29.10.2007, seitdem 633 Mal gelesen



Wenn ein Monster in deinem Vorgarten steht...

Monster Movies sind traditionell Zentrifugalkräfte. Sie greifen an einem großen Körper, der im Zentrum steht (das Monster), und von dort aus wirbelt die Dynamik die umstehenden Teilchen (die kreischenden Menschen-Ameisen) rund. Jene Teilchen versuchen dann, sich vom Körper im Zentrum weg zu orientieren. Das “fugal” in “Zentrifugalkraft” rührt nicht umsonst vom lateinischen fugere her, was so viel bedeutet wie “flüchten” - und die Flucht ist bekanntlich der wichtigste Antrieb eines jeden “Godzilla”-Filmes, aber auch schon eines amerikanischen “King Kong”.
Die Flucht misslingt jedoch stets auf Neue. Die Ameisen können rennen, so viel sie wollen, am Ende sind sie dem riesigen Ungetüm ja doch ausgeliefert. Hier kommt die Zentripetalkraft ins Spiel - eine Fliehkraft, die dafür sorgt, dass die umstehenden Teilchen in ihren zentrifugalen Bemühungen oval um den Korpus in der Mitte herumschleudern. Praktisch wider Willen werden sie an ihn gepresst. Das “petal” - man ahnt es schon - stammt vom lateinischen petere und bedeutet so viel wie “aufsuchen, anstreben”.

Eine cineastische Dynamik, die seit den frühen Dreißiger Jahren das Massenpublikum bannt und fasziniert, gibt der südkoreanische “Host” endlich, nach all den langen Jahren der japanischen Schreckensherrschaft durch Männer in Gummianzügen, die Miniaturbauten niedertrampeln, auf. Endgültig. Er ist nicht der Erste, der das macht; einige Monsterfilmmacher vor ihm wählten einen ähnlichen Weg. Selbst der aufgrund seiner fragilen Erzählstruktur verpönte “Jurassic Park 2" emanzipierte sich auf diese Weise von seinem ebenso traditionellen wie erfolgreichen Vorgänger, indem die Dinosaurier von der “InGen”-Problematik konterkariert wurden, was die CGI-Sensationen von Industrial Light & Magic ihre zentralfokussierte Position kostete. Dabei endet “Jurassic Park 2" ausgerechnet mit einer Hommage an “King Kong” (1933), einem der Archetypen des klassischen Monsterfilms.

Ohnehin noch verschleiert von typisch asiatischen Konventionen, die im Westen immer als Nachteil ausgelegt werden (Stichwort: Overacting im Trauersaal), wurden in “The Host” nun oftmals negative Dinge festgestellt, die den Streifen zu einem ambivalenten Erlebnis werden ließen: Er schwanke unentschlossen zwischen den Genres, es gebe nicht einen einzigen Surprise-Effekt, der narrative Aufbau sei brüchig und fehlerhaft und überhaupt wisse der Regisseur ja eigentlich gar nicht so genau, was er hier eigentlich erzählen wolle. Dabei sind das alles nur Begleitumstände einer nahezu revolutionären Erfrischungswelle, die das dürr gewordene Genre endlich wieder durchflutet. Auf kurze Sicht ist vielleicht noch gar nicht erkennbar, wie sehr wir diesen in seiner wissenschaftlichen Anlage noch so konservativen Monsterschinken (wieder sind radioaktiv verseuchte Gewässer Ursache für die Panik) brauchen.

Die erste große Angriffsszene lässt nicht lange auf sich warten und ihre Anatomie gibt Zeugnis davon ab, dass die mutierte Flusskreatur - eine gewöhnungsbedürftige Mischung aus Kaulquappe, Aal, Lurch, Kraken und Forelle - eher Katalysator eines anderen Korpus sein wird als selbst unmittelbarer Gegenstand der Aufmerksamkeit. “The Host” ist ein Sonnensystem mit einer Sonne, die wesentlich kleiner ist als der Jupiter, so dass man den Jupiter möglicherweise für die Sonne halten wird - der er aber nicht ist.

So ist der erste große Auftritt des Wesens von unverhohlener Art, womit dem insbesondere von Steven Spielberg propagierten Leitspruch zuwidergelaufen wird, dass dasjenige, was man nicht sieht, am Furchterregendsten ist. Ein Leitspruch, der in “Der weiße Hai” und “Jurassic Park” zur Geltung kam und den Bong Joon-ho nun mit Absicht ins Gegenteil verkehrt. Im Gegensatz zu Roland Emmerich, der auch gegen Spielbergs Leitspruch verstieß, seinen “Godzilla” jedoch aus reiner Sensationsgier so überdeutlich inszenierte, hat Joon-ho einen besseren Grund für die Offensichtlichkeit: Er überrumpelt das friedlich dahintölpelnde Leben der Flussansässigen mit einer grotesken Selbstverständlichkeit, die es gar erlaubt, dass das Monster unverhohlen am hellichten Tage unter einer Brücke ein Mittagsschläfchen hält und die Zivilisten lediglich interessiert herüberschauen.
Während der bald folgenden Attacke wird die Kreatur nun mitnichten von der präzise sitzenden Kameraarbeit ins Zentrum gesetzt, sondern irgendwie spielt das Geschehen immer abseits dessen, wo sich das Monster aufhält - und man erhascht nur mal eben den über Land rennenden und Menschen verschlingenden Fisch, der fast zufällig durchs Bild läuft. Die perspektivische Ausrichtung ist auf den von Song Kang-ho gespielten Verlierertypen Park Kang-du ausgerichtet, der nur lethargisch dabei zuschaut, wie sich das Gewässer aufwühlt, in welches die Besucher Lebensmittel werfen. Als er durch ein dumpfes Pochen abgelenkt nach rechts schaut, trampelt das Vieh bereits auf ihn zu in einer unberechenbaren Laufbahn, der auszuweichen einem Glücksspiel gleichkäme. Wo ein Emmerich nun also das majestätische und bedrohliche Auftauchen aus dem Gewässer mit pompöser Musik und klatschenden Soundeffekten als Warnung für Park Kang-du vorweggenommen hätte, wird man hier vor vollendete Tatsachen gestellt. Auch die Fressszene im abgeschlossenen Container wäre normalerweise von innen gefilmt worden, weil es wichtig gewesen wäre zu zeigen, was das Vieh anstellt - hier sieht man nur einen rumpelnden Container in der Außenansicht.
Denn wie gesagt: Das Monster ist nicht länger Zentrum der Aufmerksamkeit. Es ist ein Katalysator.

Der Katalysator ist ausgerichtet auf eine dysfunktionale Familie, die von ihren tiefsten Wurzeln aus zerrissen scheint und die in “The Host” zum Gegenstand ausgeprägter Gesellschaftskritik wird. Das Monster dient als Wachrüttler, einem Mittel, das vor allem in Katastrophenfilmen gerne zur Anwendung kommt, oft gekoppelt mit einer Umweltbotschaft, wie auch Herr Emmerich wieder wissen dürfte. Die Botschaft alleine ist aber nicht das Bemerkenswerte an der vorliegenden Arbeit, schließlich waren schon die Monsterfilme der Fünfziger Jahre eine Angstbewältigung vor Atomtests und dem Kalten Krieg, und doch drehte sich alles um Riesenameisen und Super-Taranteln, nicht etwa darum, wie sich diese Vorkommnisse auf den sozialen Status Quo in US-amerikanischen Haushalten auswirken würde. Als Unterhaltung geht der Film neue Wege, schafft innerhalb des Genres neue Alternativen, weil er eine neue Perspektive bietet.

Dabei mögen in der Darstellung der Familie einige Dinge überzogen sein; weniger im Miteinander, das abzüglich des typisch asiatischen Gewöhnungsbedarfs recht gut gezeichnet wurde, und auch die gelegentlich dargestellte gesellschaftliche Ebene, besonders ersichtlich in der Behandlung der Infizierten, passt noch. Der Umgang der Familie mit dem Monster hingegen folgt manchmal zu sehr den Mustern des klassischen Monster Movies, wenn ein tumber Faulpelz über sich hinauswächst, um seine Tochter zu retten, wenn das erste Opfer aus den eigenen Reihen das zugleich logischste ist oder wenn die im Wettbewerb noch versagende Bogenschiesserin ihre Fähigkeiten gegen die Kreatur endlich voll einsetzt und dabei zur Actionheroine mutiert.

Ansonsten wird jedoch konsequent dem Weg gefolgt, der “The Host” mit Recht zu einem Publikumsrenner im eigenen Lande machte, ungeachtet von kleineren Schwächen im Detail wie der guten, aber neueren, vergleichbaren US-Filmen wie Peter Jacksons “King Kong” meilenweit unterlegenen Computeranimation des Geschöpfes. Hierzulande wird es wesentlich mehr Einspruch geben gegenüber einer nicht zusammenpassenden Mixtur aus Drama und Komödie, einem abgehakten Erzählfluss, asiatischem Overacting, fehlender Schockszenen, generell zu wenig Monsterszenen, kurz: einem Film, der “nicht weiß, was er eigentlich will”. Das ändert jedoch nichts daran, dass man “The Host” für seine erfolgreichen Bemühungen um eine Alternative zu gelungenen (“King Kong”) und weniger gelungenen (“Godzilla”) “zentrifugalen Monster Movies” zu Dank verpflichtet sein sollte.


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