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Katze, Die (1988)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 8 / 10)
eingetragen am 16.06.2017, seitdem 176 Mal gelesen



„When I think of all the good times that I’ve wasted having good times...“ Mit dem 1967 erschienenen Song „Good Times“ von Eric Burdon & the Animals kickstartet dieser Kino-Thriller von Dominik Graf. Parallel dazu geben sich Götz George und Gudrun Landgrebe mit schwitzenden Leibern ganz ihrem Liebesspiel hin, während daheim der gehörnte Gatte, offenbar von der Affäre seiner Frau wissend, vor sich hinschluchzt, stetig hart unterbrochen von den Vorspanntiteln.

Damit ist auch gleich die Richtung vorgegeben: In „Die Katze“ läuft einiges anders, als man es als Ottonormalzuschauer gewohnt ist. Zumindest 1988, noch einige Jahre vor einem „Pulp Fiction“, der das Kino gewaltig auf den Kopf stellte, muß es noch frisch gewirkt haben, einen Film nicht mit einem eigens komponierten Musikstück einzuleiten, sondern auf einen seit zwei Dekaden erhältlichen Popsong zurückzugreifen. Freilich verortet Andreas Köbners in klassischer John-Carpenter-Tradition minimalistischer und dröhnender Score (der auch mindestens schon einmal zuvor in Grafs „Tatort: Schwarzes Wochenende“ verwendet wurde) dieses Werk schnell als Kind der 80er, aber darüber hinaus entwickelt es eine Dynamik, die auch 30 Jahre später noch einwandfrei funktioniert. Der damalige Erfolg in Deutschlands Kinosälen (über 1 Million Zuschauer) ist auf jeden Fall kein Zufall.

Als Ausgangslage bedient sich das Drehbuch der populären Geiselnehmerthematik in Tradition von „Hundstage“, gestaltet aber typische Elemente reizvoll um. Die mit großem öffentlichen Interesse verfolgte Geiselnahme von sechs Bankangestellten ist nicht die unbeabsichtigte Folge eines gescheiterten Bankraubs, sondern war einkalkuliert, um noch mehr Geld zu erpressen – und wichtiger: Die beiden Geiselnehmer Junghein (Heinz Hoenig) und Britz (Ralf Richter) werden von außen gesteuert, nämlich von Probek (George), der im gegenüberliegenden Hotel mit entsprechenden Gerätschaften wie Funkgerät und Fernglas ausgestattet den Überblick über das gesamte Szenario behält und die Polizei ein ums andere Mal übertölpeln kann.

Zusätzlichen Pfeffer erhält die Situation dadurch, daß der Filialleiter der Bank der besagte gehörnte Ehemann Ehser (Ulrich Gebauer) und seine Frau Jutta (Landgrebe) diejenige ist, die mit Probek diesen Plan ausgeheckt hat. Wie dieser genau aussieht, erfährt der Zuschauer zunächst nicht. Konsequent bleibt er auf einer Wissensebene mit Einsatzleiter Voss (Joachim Kemmer) und seinem Team und bekommt die Bausteine immer erst dann serviert, wenn sie ausgesprochen werden. Das hält das Interesse aufrecht, zumal die Flucht aus dem von Scharfschützen belagerten Bankgebäude einem Himmelfahrtskommando gleichen würde und man sich mehr als einmal die Frage stellt, wie es Junghein und Britz überhaupt schaffen wollen, aus der Lage wieder herauszukommen.

Wodurch sich „Die Katze“ dabei besonders auszeichnet, ist sein gnadenloser Realismus. Die Polizeiarbeit sieht hier wie gute Polizeiarbeit aus, unerwartete Rückschläge müssen erst einmal verarbeitet werden, bevor man einen Plan B aus der Schublade ziehen kann. Wenn Probek notgedrungen zu diversen Harakiri-Aktionen gezwungen wird, wird zwar der eine oder andere Schauwert wie eine Explosion, waghalsige Kletteraktionen und Schießereien frei Haus mitgeliefert, aber er bleibt dabei stets Mensch, der danach schwer schnaufend Minuten braucht, um sich von seinem Kraftakt zu erholen. Es kann daher eigentlich nur als augenzwinkernd betrachtet werden, wenn im finalen Shootout urplötzlich jeglicher Realitätsanspruch über Bord geworfen wird und einer der Protagonisten in bester Hollywood-Manier („Scarface“ wäre ein naheliegendes Beispiel) zu Klump geschossen wird und das trotzdem überlebt. Hier haut Graf so richtig auf den Putz und man ist geneigt zu glauben, daß er an der Inszenierung des Finales einen Riesenspaß hatte – der sich im Übrigen auch auf den Zuschauer überträgt. Das ist wahrlich Comic- und keine schockierende Gewalt mehr. Schön darüber hinaus die Schlußszene, die noch einmal zwei Figuren zusammenbringt, mit denen man eigentlich gar nicht gerechnet hätte, und die offen läßt, wie es nun weitergehen soll.

Bis dahin wurde die Spannungsschraube konsequent angezogen und hat sich das Blatt gleich mehrfach gewendet, so daß sich auch das Verhältnis der Figuren zueinander ständig ändert. Durchgängige Sympathien kann so für keinen der Akteure entwickelt werden, schon gar nicht für die Hauptfiguren: Probek wirkt arrogant und in seinem Anzug plus Sonnenbrille nicht selten lächerlich, wohingegen Jutta ein Eiszapfen ist. Aber auch auf der guten Seite tut man sich schwer: Ehser ist ein jämmerlicher Schwächling, der allerdings immer mehr an Profil gewinnt und mit einigen unerwarteten Geistesblitzen aufwartet. Voss hingegen wird mehr und mehr von dem Rachegedanken getrieben, Probek endlich dingfest zu machen, nachdem der ihm schon einmal entwischt ist. So bleiben am Ende eigentlich nur Junghein und Britz übrig, denen man die Daumen drückt. Die behandeln ihre Geiseln zwar, wenn nötig, sehr ruppig, bleiben aber menschlich und haben nie vor, auch nur einer davon wirklich ein Haar zu krümmen.

Nebenbei bleibt Platz für beiläufigen, beinahe abseitigen Humor, der vor allem auf das Konto von Voss geht, etwa wenn der nach einem Rückschlag erst seine gesamte Belegschaft zusammenscheißt, um im nächsten Moment zu fragen, wer von seinen – abgezählten! – Nüssen gegessen hat – und sich anschließend selbst darüber zu amüsieren.

Technisch genügt „Die Katze“ dabei hohen Ansprüchen und muß sich auch hinter Großproduktionen aus dem Ausland keinesfalls verstecken: Die beklemmende Situation rund um das Düsseldorfer Hotel Nikko an einem heißen Sommertag wird gut herübergebracht, die Kamera pendelt dynamisch zwischen den Schauplätzen hin und her und liefert dabei einige bemerkenswerte, mitunter gar regelrecht experimentell anmutende Extras wie den aus Sicht des Fallenden aufgenommenen Sturz in ein Glasdach inklusive Spiegelung des angsterfüllten Gesichts.

Der bemerkenswerte Cast füllt seine Figuren mit viel Leben: George gefällt auch als reiner Bösewicht, Landgrebe bleibt beabsichtigt kalt-geheimnisvoll, Hoenig und Richter dürfen sich schön austoben und Kemmer – mit seinem rauhen Organ vor allem auch als Synchronsprecher u.a. für Humphrey Bogart und in Disney-Filmen aktiv – überzeugt in der knorrigen Rolle des Einsatzleiters Voss.

Dominik Graf zeigt also, daß Deutschland, wenn man nur will, auch durchaus schnörkellose Actionthriller ohne viel Charakterdrama und Sozialkritik hervorbringen kann, wenn die Geldgeber nur etwas mutiger wären, auch darin zu investieren. So bleibt „Die Katze“ mit wenigen anderen Produktionen, z.B. „Lola rennt“, ziemlich allein auf weiter Flur als eines der Highlights der letzten Jahrzehnte im reinen Spannungsunterhaltungssektor. Man würde es Graf wünschen, daß er sein Talent auch mal wieder außerhalb des Fernsehens beweisen dürfte, dem er ja so manche Sternstunde bescherte. 8/10.


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