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Deutschland. Ein Sommermärchen (2006)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 9 / 10)
eingetragen am 10.10.2006, seitdem 2325 Mal gelesen



Wie ordnet man eine Dokumentation über ein Thema ein, daß als solches nicht nur singulär ist, sondern auch in seiner Bedeutung einhellig hoch gehalten wird ?

Dokumentationen, zumal denen,die in die großen Kinosäle kommen, liegen meist kritische Themen zu Grunde, die vom Macher mit einer klaren Meinung versehen, bewußt konfrontieren oder aufrütteln sollen. Die Ausnahme bilden meist Tierfilme, die sich fast ausschließlich der Abbildung von Lebensabläufen widmen, nicht nur zu Forschungszwecken, sondern um überhaupt mal einen Blick auf diese scheuen Wesen werfen zu können.

Daran hat mich "Deutschland, ein Sommermärchen" erinnert. Wir bekommen einen kleinen Einblick auf das natürliche Verhalten dieser scheuen Lebewesen innerhalb ihres Nestbaus (hier Umkleideraum und Hotelzimmer). Doch stimmt das tatsächlich so ?

Positiv fällt erst einmal auf, daß Sönke Wortmann so lange mit der Handkamera dabei war, daß diese nicht mehr bemerkt wurde oder als natürliches Vorkommnis in der unmittelbaren Umgebung empfunden wurde. Das ist die Voraussetzung für eine Dokumentation (ähnlich zu Tierfilmen), um wirklich natürliche Bilder zu erhalten. Doch natürlich ist jedem bekannt, daß Wortmann seine knapp 2 Stunden Bildmaterial aus über 100 Stunden heraus gefiltert hat und daran muß er sich messen lassen.

Er wählt den ausschließlichen Blick aus der Nationalmannschaftsperspektive und läßt die Vorkommnisse streng chronologisch ablaufen, sieht man einmal von kurzen Interviewfetzen ab, die Jürgen Klinsmann dazu einen Monat nach dem Ereignis noch beigesteuert hat.

Auch die Begeisterung, die in Deutschland vorherrscht, ist immer nur aus der Perspektive der Spieler zu erkennen - sei es aus dem Bus heraus oder bei Auftritten an Fenstern oder Bühnen. Doch auch hier erkennt man eine prägende Handschrift - die dargestellte Begeisterung steigert sich von Spiel zu Spiel, die Menschenmassen werden immer größer und einnehmender. Das entspricht zwar der Realität, aber alleine an den Bildern könnte man das nicht erkennen, dazu waren die Menschenmengen schon von Beginn an zu groß. Indem Wortmann das geschickt steigert, läßt er den Zuschauer noch einmal den wachsenden Hype nachempfinden.

Ähnlich wie die Zuschauerbegeisterung bekommt auch das eigentliche Turnier nur eine Nebenrolle zugeschoben. Zwar werden alle Tore der Deutschlandspiele gezeigt, aber es bedarf schon einer gewissen Vorkenntnis, um die Ergebnisse nachvollziehen zu können - irgendwelche Daten werden nicht angezeigt, Spiele anderer Mannschaften kommen nicht vor.

Wortmanns Hauptgewicht liegt eben auf der Mannschaft - Abläufe beim Training, Mannschaftsbesprechungen und besonders das Geschehen in der Umkleidekabine nehmen den größten Teil ein - dazu immer wieder kleine Gespräche oder Statements einzelner Spieler, Trainer oder des betreuenden Personals. Das erinnert wieder stark an die obengenannten Naturbeobachtungen - als Zuschauer sieht man zu, aber man wird nicht Teil des Geschehens. Wortmann wahrt immer Abstand zu seinen Beobachtungsobjekten, greift nie in das Geschehen ein und ist keine Sekunde voyeuristisch.

Damit gelingt ihm etwas sehr Erstaunliches - gerade in der heutigen Epoche der Paparazzi und des völligen Verlustes des Respektes vor der Privatspähre von Prominenten. Trotz einer gewissen Nähe und der Erkenntnis, daß es sich auch bei Nationalspielern um normale Menschen handelt, bleibt die Achtung vor den Protagonisten bestehen. Niemals wirkt Irgendjemand lächerlich.

Trotz dieser Distanz kann man verschiedene Erkenntnisse aus dem Film schließen - Klinsmann ist mehr Einpeitscher als klassischer Trainer, Löw wirkt sehr kompetent und die Spieler trotz aller Emotionen durchaus abgeklärt. Manchmal hängen sie einfach nur hrerum, während Klinsmann das Rumpelstilzchen gibt - irgendwie beruhigend. Doch niemand sollte annehmen, daß das die reine Realität ist, hier ist immer die subjektive Handschrift des Regisseurs zu spüren.

Besonders gut ist das beim Einsatz der Musik zu erkennen mit der Wortmann teilweise einfach die Außengeräusche abstellt, um dadurch Emotionen zu beeinflussen. Besonders schön ist das an dem Beispiel zu erkennen als die Handkamera Schweinsteiger folgt, während er zu Fans zu einem von Polizisten abgeriegelten Bereich geht. Während er läuft sind sämtliche Außengeräusche ausgeblendet, nur eine ruhige Musik begleitet ihn. Als er dann die Fans erreicht, blendet Wortmann die Geräuschkulisse wieder ein - damit betont er genau das besonders deutlich, welches die Grundlage seiner Dokumentation bildet :

Hier die trotz aller Emotionen ruhig und professionell arbeitende Mannschaft, dort die ständig wachsende Aufregung und Begeisterung. Ohne diese Abschottung wäre eine solche Leistung der Nationalmannschaft wahrscheinlich gar nicht möglich gewesen.

Wie bei allen Dokumentationen geht es trotz der authentischen Bilder nicht wirklich um Realität, sondern immer um die Intention des Regisseurs. Wortmanns Ansatz ist unter diesem Gesichtspunkt regelrecht innovativ - er vermeidet jegliche Aufzählung, jeden Versuch einer ganzheitlichen Betrachtung des Ereignisses, ja er verschließt sich sogar irgendwelcher Geschichten- oder Anekdotenerzählungen und schafft damit - trotz der beschriebenen Begeisterung - ein zurückhaltendes, karges Werk, dem es gelingt, jegliches Klischee zu vermeiden.

Das hat allerdings zur Folge das der Film kaum Emotionen weckt, außer denen die aus der Erinnerung in uns stecken und die angesichts der Bilder wieder hervorgerufen werden. Einem Außenstehenden , der die Weltmeisterschaft nicht erlebt hat, wird sich das an Hand dieser Dokumentation nicht erschließen.

Eine abschließendes Fazit fällt deshalb schwer, weil ich Wortmanns Intention nicht ganz nachvollziehen kann. Hat er diese Vorgehensweise gewählt, um die ihm anvertrauten "Objekte" zu schützen ? - Wollte er einen Gegenpol bilden zu den wahrscheinlich später noch zahlreich zu fertigenden Lobeshymnen und Reportagen ?

Das kann ich nicht beantworten, aber wie man persönlich diese Dokumentation auch immer finden mag, in der Umsetzung ist sie absolut konsequent (9/10).


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