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Jay & Silent Bob schlagen zurück (2001)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 6 / 10)
eingetragen am 28.07.2005, seitdem 582 Mal gelesen



„Der Film mit den schrägen Typen aus dem AFROMAN-CLIP ‚Because I Got High‘!“

Was, nur ein einziges Ausrufezeichen?
Trotzdem: Pfui Deibel, Highlight. Dieser unübersehbare Titelzusatz thront fett am oberen Rand der deutschen DVD zu Kevin Smiths fünftem Film. Für das Werk eines etablierten Kultregisseurs zu werben, indem man auf das Musikvideo einer pappevollgestonten Eintagsfliege des Rap-Business hinweist, ist schon ziemlich dummdreist. Kommerziell sicherlich ein gewitzter Schachzug, für jeden wahren Cineasten ist das jedoch Hohn in seiner reinsten Form. Da wird einfach mal das Gesetz der Deduktion umgedreht. Ich bewundere jeden, der es schafft, sich nicht mit einem gewaltigen Ruck des oberen Randes des DVD-Covers zu entledigen. Ihr habt meinen Respekt.

Und doch, irgendwie passt es. Denn der erste Film, in dem die „comicfizierten“ Karikaturen Jay (Jason Mewes) und Silent Bob (Director Kevin Smith) einen Film aus eigener Kraft tragen, klammert sich mit tiefster Inbrunst an den Mainstream. Und zwar nicht in dem Versuch, sich möglichst weit von ihm zu distanzieren, wie man es von einem John Waters erwarten würde. Nö, Smith schämt sich nicht seiner Anleihen an das Massenkino. Er ist sich seiner Faszination für den Kommerz bewusst und schämt sich ihrer nicht die Bohne. Sozusagen ein Kommerz-Sensibelchen.

Aber irritierend ist es schon, denn wer die Jersey-Trilogie kennt sowie die Folgewerke, der weiß, dass Kevin Smith-Filme doch was ganz Besonderes sind. Das „View Askew“-Universum glänzt auch nach „Jay & Silent Bob Strike Back“ mit himmlischer Individualität. Sei es durch die Szenenkonstruktion, sei es durch die immer wieder gleich gecasteten Schauspieler, die gewitzten Dialoge oder durch die comichaften Schauplätze; Kevin Smith ist eine Marke geworden. Und um so stärker tritt die irritierende Diskrepanz hervor, die durch die Thematisierung des Mainstream zur Geltung kommt.
Inhaltlich ist „Nr. 5“ nach den ambitioniert-anspruchsvollen „Dogma“ und „Chasing Amy“ wieder ein deftiger Rückschritt hin zu den „Mallrats“, ja eigentlich sogar über diese hinaus. Ist man auf der Suche nach einem Sinn, so stellt sich dieser zwar nicht als nicht vorhanden heraus, kann sich aber deswegen auch nicht wegen eines Nichtvorhandenseins eine meta-semantische kosmische Bedeutung aneignen. Zumindest wer will, hat dazu nämlich bei „Mallrats“ die Möglichkeit; in „Jay & Silent Bob Strike Back“ geht der Sinn aber wirklich kein Stück über die Kurzbeschreibung hinaus. Und die lautet: Jay und Silent Bob gehen nach Hollywood, um die Verfilmung des auf ihnen basierenden Comics „Bluntman & Chronic“ zu vereiteln. That's it, no shit!

Als Genre wählte man das Road-Movie, wie nicht anders zu erwarten in Kombination mit Comedy. Mit Methode wird das eigene Universum systematisch auseinandergenommen und in kausalen Handlungsfolgen auf das Endziel Hollywood hingearbeitet. Beginnend bei den „Clerks“ lassen mehrere Jump Cuts die beiden „Ladenhüter“ in Windeseile von kleinen Sesselpupsern zu erwachsenen Männern gedeihen – natürlich nur körperlich und nicht geistig. Gleichzeitig werden Jays Verhaltensweisen erklärt (seine Mutter liebte das Wort „Fuck“).
Weiter geht's mit der Mallrat Jason Lee, dann folgt der Amychaser Ben Affleck, bevor am Endziel der heilige Chris Rock als Anti-Weißen-Dogmatiker und Regisseur in das unvermeidliche Finale einmündet. Zwischendurch häufen sich gleichermaßen Filmzitate und Gaststars in Massen. Und das ist das etwas dünne Gerüst. Aber Smith ist ja ein Könner, und deswegen bläst er es so kunstvoll auf wie ein valencianischer Glasbläser.

Denn wenn der Film etwas ist, dann kurzweilig. Smith erlaubt sich bei keiner Episode einen Patzer, sondern zeigt sich stets bissig und spaßvogelig; zumindest, wenn man seine Vorgängerwerke kennt, denn ein Großteil des Humors ist enorm selbstironisch. Alleine drei- oder viermal blicken die Darsteller den Zuschauern zweideutig direkt in die Augen, was in jedem ernstgemeinten Film eine Todsünde wäre (ich erinnere mich da an Stephen Sommers, der in „Die Mumie“ digital Käfer über die Gesichter der Statisten fliegen lassen musste, damit deren grausam mimende Gesichter verdeckt werden). Und gerade zu Filmbeginn, das heißt bis nach dem Besuch bei Affleck, sind den Dialogen nur dann Witze zu entziehen, wenn man im „View Askew“-Universum ein wenig bewandert ist, denn gerade die wunderbar overactenden Ben Affleck und Jason Lee gehen in ihren alten Smith-Rollen auf und übernehmen gerne alte Insider und Running Gags, wie etwa Lees „Schoko-Hand“. Fast immer zünden die Gags, aber eben nur mit etwas Hintergrundinformation. Und selbst dann sind die Beweggründe für die Witze eher banal und nicht allzu gewitzt. Wobei man sich bei Smith nicht einmal sicher sein kann, ob das nicht womöglich als Parabel auf die Mängel des Mainstreamfilms gewertet werden kann.

Was Jays und Silent Bobs Integration in die Protagonistenrollen betrifft, kann man geteilter Meinung sein. Die Marotten sind altbekannt, kommen aber durch die angewachsene Leinwandpräsenz nun besonders gut zur Geltung. Silent Bobs vielsagende Gesichtsausdrücke sind gerade in diesem Film ein Genuss, und das beweist, dass die Verhaltenskomik weitaus tiefer ausfällt, als man ob eines ersten Anblicks der beiden schrägen Vögel erwarten würde. Während Jay eher durch seine selbstverliebten, omnipotenten Dialoge und seine rauchige Stimme auffällt, liegt Silent Bobs komplettes Kommunikationsinstrument eben in der Mimik, und Kevin Smith vermag dieses Instrument mit Bravour voll auszufüllen. Ebenso funktioniert wieder der plötzliche Sprachschwall des Silent Bob, der ja nicht zum ersten Mal vorkommt, jedoch eine Wirkung entfaltet, als sei es das erste Mal.

Das allein reichte Smith aber offensichtlich noch nicht, und so baute er noch eine mainstreamaufgeflockte Version der „Chasing Amy“-Konstellation mit ein, allerdings so subtil, dass man eigentlich gar nicht auf den Gedanken kommt: und zwar ist die Beziehung von Jay zu Shannon Elisabeths Figur in Kombination mit seiner latenten Homosexualität gemeint. Das alles ist viel plumper als das aufreibende Beziehungsdrama aus „Chasing Amy“, und wiederum sind wir beim Punkt: Smith bedient sich des Mainstreams und all seinen Gefahren. Mit Absicht. Und ist das letztendlich nicht doch wieder unkonventionell, wo Mainstreamregisseure doch in der Regel – vielleicht mal abgesehen von Michael Bay – ihrem Ruf ungewollt untergeben sind?

Nun wird der Zuschauer jenseits der Smith-Filme aber auch massenweise Anspielungen finden, welche allerdings doch recht unmotiviert kumuliert wurden und lediglich durch die gute Inszenierung zum Original werden. Zu sehen gibt es eine willkürliche Mischung aus Filmanspielungen, die Smith am Herz liegen und weitestgehend auch schon bei den „Mallrats“ verarbeitet wurden, und solchen, die den aktuellen Zeitgeist des schlechten Geschmacks der großen Masse widerspiegeln. Deswegen leitet der Film mit dem „Star Wars“-Theme ein, bevor schließlich Serien und Filme wie „Akte X“, „Planet der Affen“, „American Pie“, „Charlie's Angels“ oder „Dawson's Creek“ verarbeitet werden. Absolutes Highlight in der Hinsicht ist jedoch das Set von „Good Will Hunting 2 – Hunting Time“, das gleich in mehrerlei Hinsicht satirisch Kritik an den Mechanismen Hollywoods und deren Hang zu Sequels kommerziell erfolgreicher Filme übt. So bekommt neben Ben Affleck auch Matt Damon wieder die Gelegenheit, sich als selbstironisches Ebenbild seiner selbst zu präsentieren und den Schauspieler hinter den Kulissen zu zeigen, der manchen Film nur durch vertragliche Verpflichtungen absolviert. Was „Good Will Hunting“ betrifft, so bietet sich dieser Film ganz besonders dafür an, den Sequelwahn aufzuzeigen, was nämlich Smith die Gelegenheit gibt, den Gewaltaspekt des Originals von seinem geistigen Ursprung zu lösen und „Good Will Hunting 2“ als übertriebenen Actionfilm-No-Brainer auszulegen und damit voll am Kern der Sache vorbeizuhauen.

Allerdings wird jene Hollywoodkritik insgesamt doch eher im Vorbeilaufen erledigt und erreicht nie das Zentrum, welches bis zum Ende durch die Belanglosigkeiten von Jays und Silent Bobs Odyssee regiert wird. Das ist irgendwie schon schade, denn eigentlich hätte man da von Smith doch einen Tick mehr erwartet, zumal die professionelle Inszenierung des Geschehens nur noch weiter verwirrt. Zum Ende hin häufen sich dann auch noch die Fälle, in denen der Einbau von Stargästen und Anspielungen nicht mehr so recht funktionieren will. Joey Lauren Adams ist beispielsweise total verschenkt. Allerdings ist Mark Hamill als Darth Vader für Arme eines der Highlights des Films, nachdem schon zu Beginn eine kaum wiederzuerkennende Carrie Fisher als Nonne ihr Unwesen treibt.

Was ist nun die Moral von der Geschicht? Wenn Kevin Smith nun noch ein anspruchsvolles Prequel zu „Clerks“ dreht, haben wir ein hübsches Muster zu bestaunen: Lob, Lob, Enttäuschung, Lob, Lob, Enttäuschung. Dabei sind die beiden Enttäuschungen, nämlich „Mallrats“ und „Jay & Silent Bob Strike Back“, nie wirklich welche gewesen. Auch Smiths fünfter Film zeigt viel Klasse und offenbart den Comicfan als großen Regisseur. Weniger als erwartet macht die Hauptrolle für das anarchische Kifferduo Probleme. Wenngleich nicht jeder mit dem Zweigespann im vollen Rampenlicht klarkommt, schlägt es sich doch ganz wacker, was vor allem der Gegensätzlichkeit von Jays Redegewandtheit und Silent Bobs Mimik zu verdanken ist.
Etwas problematisch gibt sich die gut gemeinte, wenn auch sehr oberflächliche Parabel auf Hollywood, die sich nicht immer mit Smiths zielsicherem Stil verträgt. Die Filmparodien geben sich zu unmotiviert und einzelne kritische Auseinandersetzungen mit dem Thema bleiben zu vereinzelt, um vollen Eindruck zu hinterlassen. Tatsächlich entpuppt sich das Roadmovie als nicht mehr als das, was es ist: der Kreuzzug zweier Volldeppen. Das kann zufriedenstellend sein. Im Endeffekt kann man sich aber nicht des Eindruckes erwehren, gerade ein Knallbonbon gegessen zu haben.
Die Lust auf weitere Smith-Werke ist jedoch nicht vergangen.


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