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Mad Max - Jenseits der Donnerkuppel (1985)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 6 / 10)
eingetragen am 25.09.2015, seitdem 251 Mal gelesen



Mad Max (1979), Mad Max 2 (1981), Mad Max: Fury Road (2015) von George Miller
Mad Max Beyond Thunderdome (1985)
von George Miller & George Ogilvie


Da sitzt [Achtung: Spoiler!] ein Cop und erzählt von einem Unfallopfer, das zweimal durch eine Glasscheibe gekracht sei und bei seinem Eintreffen am Ort des Geschehens mit weggerissenem Gesicht zu schreien versucht habe; derselbe Cop wird nach einem eigenen Unfall schwer verbrannt und verstümmelt im Krankenhaus liegen, sein Freund und Kollege Max Rockatansky wendet sich zwar mühsam gefasst, aber durchaus im Innersten verstört & berührt ab. "Mad Max" war seinerzeit durchaus ein überzogen harter Film, ein Film, in dem Frau und Kind der Titelfigur gewaltsam und teilweise langsam ihr Leben lassen müssen, ein Film, dessen Held sich im schmerzhaften Finale seine Glieder zerschießen und mit Motorrädern überrollen lassen muss (und dennoch am unversehrtesten aus dem Showdown hervorgeht, in welchem er sich grausam, aber ohne Lust rächt). Abgemildert wird diese Härte durch einen nicht sonderlich subtilen Humor: Cops streiten sich um das Vorrecht, am Steuer sitzen zu dürfen, sie erschrecken im Freien kopulierende Paare, indem sie Flinten auf diese anlegen, die Schurken reißen wenig charismatische Halbstarken-Sprüche, die jede Menge Zeitgeist atmen, und grimassieren teilweise über die Grenze zum Overacting hinaus, während sich Anwälte als schmierige, feige und selbstgerechte Rechthaber präsentieren. Sogar cartoonartige Gags, etwa die hervorquellenden Augen eines Unfallopfers, die in der Serie bzw. bei George Miller generell bis heute wiederkehren sollten, sind vorhanden. Und dann ist da noch Max Rockatansky, der italowesternmäßig überhöhte, wütende Held der Reihe: die Kamera beobachtet bei seinen ersten Auftritten vor allem seine Stiefel in Großaufnahmen, gekleidet ist er ganz in Schwarz und es ist vielleicht auch kein Zufall, dass das Überrollen seiner Glieder gegen Ende viel mit dem Schicksal des Titelhelden aus "Django" (1966) gemeinsam hat, dem man seinerzeit vor dem letzten Duell die Hände von galoppierenden Pferdehufen zerschmettern ließ - aus den Pferden werden hier freilich Autos in diesem frühen Endzeitfilm mit perfekt beherrschter Italowestern-Ikonologie.
Die Fahrzeuge sind den Männern (und etwas seltener auch den Frauen) das, was die Pferde ihnen im Western waren: naturgemäß ist hier die Nähe zu Biker-Filmen und Verfolgungsjagd-Klassikern kaum zu übersehen. "Hell Drivers" (1957) stand in vielen Einstellungen während der Rennszenen Pate; und was hier an Geschwindigkeit und Technik-Faszination aufgeboten wird, muss sich hinter den Höhepunkten aus "Bullitt" (1968), "Vanishing Point" (1971), "The French Connection" (1971), "Two-Lane Blacktop" (1971) oder "The Driver" (1978) ganz und gar nicht verstecken.
Unübersehbar ist "Mad Max" ein popkultureller Mix, der recht unbekümmert zwischen Action, Komödie, Drama, Sci-Fi, Western und Thriller wechselt, vor allem aber krude Gewalt, reinrassige Action, platte Satire und comicartige Überzeichnung verschmilzt: Verhoeven mag in "Robocop" (1987), wo der Titelfigur ebenfalls sehr übel & schmerzhaft mitgespielt wird, davon inspiriert gewesen sein. (Und was die reine Leidensfähigkeit betrifft, dürften sich spätere Action-Ikonen von Rambo bis John McClane auch ein Scheibchen abgeschnitten haben... ganz zu schweigen natürlich von "Mad Max"-Star Mel Gibson in diversen Rollen, allen voran "Lethal Weapon"-Antiheld Martin Riggs: und nachdem ihm in "Mad Max" ein gewisser Toecutter als Hauptfiesling gegenüberstand, werden ihm in "Payback" (1999) sogar tatsächlich die Zehen von folternden Schurken mit dem Hammer zerschlagen.)

Die Rachegeschichte, die "Mad Max" erzählt, hat wenig gemeinsam mit den Eastwood- oder Bronson-Selbstjustiz-Reißern der 70er Jahre: es ist nicht einfach bloß eine Hauptfigur, die Freund & Kollegen, Frau & Kind verliert und sich an den Schuldigen rächt und dabei das Feld moralischer Fragwürdigkeit betritt, die hier im Zentrum steht, sondern es ist die dystopische Gesellschaft selbst, die Recht und Ordnung nicht mehr aufrecht erhalten kann. "Mad Max" ist noch nicht der postapokalyptische Endzeitfilm, den erst "Mad Max 2" aus dem Boden stampfen sollte, aber seine Gesellschaft am Rande oder Ende der Zivilisation hat mehr mit jenen Gesellschaften aus Kubricks Sci-Fi-Satire "A Clockwork Orange" (1971) oder Hills leicht futuristischem Action-Klassiker "The Warriors" (1979) gemeinsam als mit jenen ziemlich gewöhnlichen Gesellschaften, durch die sich Dirty Harry oder Paul Kersey bewegten: Australiens Landschaft kam George Millers Entwurf eines Randes der Zivilisation dabei sehr entgegen - vollständig genutzt wird sie allerdings erst im Sequel. Dass sich in solch einer Gesellschaft, die geographisch wie sozial die Grenze zur Wüstnis erreicht hat, ein Geschwindigkeits- und Technik-Kult entwickelt hat, der Fahrzeuge zu Waffen und Fetischen gleichermaßen geraten lässt, der die Errungenschaften der Technik in Werkzeuge der Aggression mutieren lässt,[1] ist ein Gedanke, den Miller sicherlich seinem Landsmann Peter Weir und dessen "The Cars That Ate Paris" (1974) verdankt, dem er in "Mad Max: Fury Road" schließlich in aller Deutlichkeit huldigen wird. Auch in "Death Race 2000" (1975) aus der Corman-Schmiede darf man ein Vorbild vermuten.

Nachdem sich "Mad Max" als immenser Knüller herausgestellt hatte, der Miller langfristig zum wichtigsten Regisseur Australiens neben Weir avancieren ließ - und es war Miller, nicht Weir, der (etwas verspätet) zur Feier des 100. Geburtstags des Kinos "40,000 Years of Dreaming" (1997) über Australiens Filmgeschichte anfertigte! -, war eine Fortsetzung freilich nur eine Frage der Zeit. Knapp zwei bis drei Jahre nach Millers Debüt kam dann "Mad Max 2": größer, schneller, monströser, apokalyptischer und vor allem teurer. Bei "Mad Max 2" war sich Miller der Größe seines Erstlings (ganz selbstbewusst) bewusst - dementsprechend leistet er es sich hier, Max Rockatansky gleich zu Beginn von einem Erzähler zur Legende, zum Mythos verklären zu lassen, der im Folgenden nacherzählt werden würde. Die postapokalyptische Welt der Zukunft ähnelt nun - bis auf die motorisierten Gefährte und die letzten Überbleibsel sonstiger Technik - vollends dem Western und auch dem Barbarenfilm. (Ein Mix, der den "Star Wars"-Blockbustern seiner Zeit nicht gänzlich unähnlich ist.) Max Rockatansky bewegt sich nun als Einzelgänger auf der Suche nach Treibstoff durch eine Endzeit-Wüstenlandschaft, in der sich marodierende Punks unter der Leitung des despotischen Humungus austoben und auch die 'Bewohner' einer alten Raffinerie belagern, auf die Mad Max bei seiner Suche alsbald stößt. Die Stimmung ist von Misstrauen geprägt, letztlich aber gelingt es Max, das Vertrauen zu gewinnen, ein Zugfahrzeug für einen Treibstofftank zu besorgen und zu einem Endzeit-Moses zu mutieren, der seine Schützlinge aus Humungus' Fängen in die Freiheit überführt - wenngleich nicht ohne Gesinnungswechsel, wie man sie auch von eigennützigen Italowestern-Helden kennt.
Das 'mehr' & 'größer' betrifft auch den Humor, der hier noch deutlicher zutage tritt: Max verfügt im Laufe des Films über einen als comic relief dienenden Sidekick, der als schlaksiger Tölpel in erster Linie Feigheit und mangelndes Durchsetzungsvermögen zum Besten geben darf. Ein etwas verwildertes Kind, das geschickt mit dem Bumerang hantiert, und ein treuer Hund, der im richtigen Augenblick das Richtige zu tun versteht, bieten weit mehr Unterstützung und betonen nochmals die comicartige Überzeichnung dieses wüsten Popkultur-Mixes: glaubwürdig soll hier nichts mehr sein, weder das Funktionieren der letzten Technik in dieser wieder barbarisch gewordenen Gesellschaft, noch die einzelnen Charaktere; beides folgt einer wild wuchernden Fantasie, der am Realismus wahrlich nicht gelegen ist. Dafür kennen Witz und Einfallsreichtum kaum Grenzen: Fahrräder werden zu Beförderungsmitteln zusammenmontiert, Fahrzeuge jeder Art werden zu neuen, ganz individuellen Gefährten zusammengebaut, die im Idealfall sogar ihrem Besitzer ähneln: ein Fettwanst mit rosa Bart fährt beispielsweise einen rosa Cadillac, Humungus - halb Punk, halb Gladiator - fährt eine Art martialischen Streitwagen, und der schlaksige Sidekick verfügt über eine recht zerbrechlich wirkende, altertümliche Flugmaschine... da mag womöglich der Bond-Film "You Only Live Twice" (1967) als Vorbild gedient haben, zumal die mit Gimmicks ausgestatteten Gefährte dieser Reihe im "Mad Max"-Kosmos durchaus nachhallen.
Die Schlichtheit der Handlung - die nur noch über die gemächlichen Annäherungen der Figuren aneinander, über das langsam aufkommende Vertrauen und den Widerstreit zwischen Egoismus und Aufopferungsbereitschaft eine Tiefe besitzt, während Verfolgungsjagden, Stunts, Unfälle und Kämpfe als oberflächliches Spektakel den Film dominieren - und der Raum für fantasievolle Ausschmückungen gaben natürlich eine hervorragende Schablone für künftige Plagiate ab, die nach diesem enorm erfolgreichen Teil der ursprünglichen Trilogie nicht lange auf sich warten ließen. Gerade in Italien, wo 1982 auch die von "Conan" (1982) inspirierte Welle kostengünstiger Barbarenfilme entstand, hagelte es mal mehr, mal weniger gelungene Kopien - die sich auch an Carpenters "Escape from New York" (1981) orientierten -, an deren Anfang Enzo G. Castellaris "I Nuovi Barbari" (1982) stand: ein passender Titel, der genau wusste, dass Endzeit-Filme und Barbarenfilme über vielerlei Gemeinsamkeiten verfügten. Die postapokalyptische Zeit ähnelt der vorzivilisatorischen Zeit, das war auch schon in Cormans "Teenage Caveman" (1957) so: "Mad Max 2" und die italienische Welle an Endzeit- und Barbarenfilmen haben das bloß in aller Deutlichkeit bebildert. Und der Endzeitfilm, den es ab "Five" (1951), "Teenage Caveman", Stanley Kramers hervorragendem "On the Beach" (1959) oder "Panic in Year Zero!" (1962) im Grunde schon gab, hat dabei eine entscheidende Prägung erfahren, die er nicht mehr loswerden sollte.

Vielleicht liegt darin der Grund, dass "Mad Max Beyond Thunderdome" - für den sich Miller noch George Ogilvie als Co-Regisseur holte, als er nach dem Tod eines Freundes in eine Trauerphase geriet - beim Publikum weniger gut ankam. Wer sich einen Film erhoffte, der wie die italienischen Plagiate die Eigenschaften von "Mad Max 2" wiederholte - und dabei über immenses Budget verfügen konnte -, musste sich enttäuscht sehen: der dritte Teil spielt viele Jahre nach seinem Vorgänger, an Treibstoff und motorisierte Fahrzeuge ist kaum noch zu denken. Verfolgungsjagden, Crashs und aufgemotzte Karossen werden hier kaum zu sehen sein. Und Max, der in den Vorgängern durchaus als guter Mensch präsentiert worden ist, den die Umstände zu Mitleidlosigkeit und Grausamkeit nötigten, setzt seine Rolle als Moses-Kopie etwas feinfühliger, einfühlsamer und weniger selbstsüchtig fort: vielleicht, weil er sich in den letzten Jahren wieder vermehrt an seine Vergangenheit als aufrichtiger Cop erinnert hat - im Gespräch mit Entity deutet er sowas zumindest an.
Rockatansky wird in "Mad Max Beyond Thunderdome" eine Gruppe von Kindern - irgendwo zwischen Gouldings "Lord of the Flies" (1954) und James Matthew Barries verlorenen Jungs angesiedelt! - in ein eventuell besseres Leben führen, nachdem diese in ihm ihren auf einer Höhlenmalerei abgebildeten Erlöser zu erkennen glauben. Vorher jedoch zieht es den bestohlenen Mad Max ins monströse, methangasbetriebene Bartertown, wo er mit der Herrscherin Aunty Entity (Tina Turner) den Pakt schließt, im Kampf in der Donnerkuppel den riesigen Blaster zu besiegen, den kräftigen Handlanger des intelligenten, kleinwüchsigen Master, der Entitys Macht regelmäßig beschneidet, indem er Bartertown mit einem Energie-Embargo belegt. Als Max gewinnt und trotzdem wortbrüchig wird, schickt man ihn ins Exil, wo er auf die Gruppe von Kindern stößt, die er nach anfänglichen Bedenken in die letzten Reste der Zivilisation führt, dabei jedoch an Aunt Entity gerät.
Der Italowestern-Charakter, der die Vorgänger in unterschiedlichem Ausmaß durchzogen hat, geht nun verloren: bezeichnenderweise treten zu Beginn nicht Rockatanskys Stiefel in Großaufnahme ins Bild, sondern seine nackten Füße. Und es ist dann kurioserweise der surreale Ausnahme-Western "El Topo" (1970), an dem sich Miller entlanghangelt: hier wie dort wird ein gescheiterter Kämpfer in der Mitte des Films von einer Gruppe gehandicapter Außenseiter gerettet und von ihnen als Erlöser vergöttert, bis er schließlich ihren Aufstand anführt. Und Master-Blaster - der Zusammenschluss des cleveren Kleinwüchsigen, der sich auf die Schultern des tumben Hünen schnallt - gleicht sicher nicht zufällig einem der vier Meister aus Jodorowskys Gegenkultur-Midnight-Movie: dort ist es ein Beinloser, der sich einem Armlosen auf den Rücken schnallt, um mit diesem als Einheit zu agieren. Kommt bei Jodorowsky die Läuterung nach dem Zweikampf (bzw. Dreikampf) zu spät, so setzt sie hier quasi während des Zweikampfes ein: Mad Max reißt dem Gegner seinen Helm vom Kopf und erkennt einen geistig zurückgebliebenen Jüngling, ein großes Kind im Männerkörper, unschuldig lächelnd und Mitleid erbittend. Und Master, der kluge Kopf des Gespanns, zeigt (durchaus nicht aus purer Berechnung) echte Gefühle, wenn sein Partner vom Tod bedroht ist, verweist auf dessen Unschuld und Naivität. Wenn Max dann ins Exil geschickt wird, weil er den Kontrahenten nicht getötet hat, reitet er rücklings auf einem Pferd - das erste & einzige im "Mad Max"-Kosmos! - in die Wüste, gefesselt und mit einer gigantischen, auf seinen Kopf gestülpten Maske verunziert: ein surreales Bild, dass El Topos Ritt durch die Wüste mit aufgespanntem Sonnenschirm nicht unähnlich ist in seiner bizarren Wirkung.
"Mad Max Beyond Thunderdome" reduziert seine Grausamkeiten - etwa indem Mad Max seinen Gegner in der Donnerkuppel mit einer Trillerpfeife in die Knie zwingt - und gibt sich ausgesprochen moralisch. Es ist nicht verwunderlich, dass das Lexikon des internationalen Films erstmals positive Worte für einen Teil der Reihe übrig hatte: "Technisch perfekt inszeniertes Endzeitspektakel, das weniger selbstzweckhafte Gewalttätigkeiten als die beiden ersten Teile aufweist und in der Geschichte um den Kinderstamm eine Dimension der Hoffnung aufbaut."[2] Erst gegen Ende tauchen dann ein paar motorisierte Wagen auf - erneut fantasievoll ausstaffiert! -, die Max und die Kinder auf ihrer Reise in einem Zug verfolgen. Statt Schusswaffen & Stichwaffen werden nun auch mehrfach Pfannen zweckentfremdet, die Gewaltsamkeit tritt nur noch sehr abgeschwächt auf; zudem fallen die Schurken weit ambivalenter aus: Blaster ist ein kindlicher, naiver Behinderter, Master ein letztlich hilfloser, kleiner Mann, der viel Liebe übrig hat und bloß zu machtgierig war, Aunt Entity hegt für Max durchaus Sympathien und will nur verteidigen, was sie nach langen Jahren des Entbehrens geschaffen hat. All dies konnte Fans harter Action kaum begeistern; dabei ist "Mad Max Beyond Thunderdome" beileibe kein schlechter Film. Er ist lediglich weniger innovativ als seine Vorgänger, verfehlte die Erwartungshaltungen des Publikums und packte die im Grunde simple Handlung bloß in ein etwas verworrenes, holpriges Drehbuch, anstatt sie mit dem Krawall des direkten Vorgängers zu übertönen.

War "Mad Max Beyond Thunderdome" die familientauglichere "Mad Max"-Version mit moralischem Bewusstsein, das sich über "El Topo" direkt aus der einstigen Gegenkultur zu speisen schien, so ging der lange hinausgezögerte vierte Teil wieder andere Wege. Seit Ende der 90er Jahre über viele Jahre hinweg regelmäßig - aus weltpolitischen Gründen zunächst, dann aufgrund von Mel Gibsons Ausstieg! - verschoben, kam nun endlich eine Fortsetzung in die Kinos: zu einer Zeit, in der ohnehin viele einst erfolgreiche Kultreihen ihre Wiederbelebungen erfahren haben.
"Mad Max: Fury Road" bietet alles, was Fans des zweiten Teils lieben: nur noch größer, noch schneller, noch krawalliger und eindimensionaler.[3] Dabei schießt Miller jedoch über das Ziel hinaus und liefert auch den mit Abstand reaktionärsten und konservativsten Film der Reihe ab - wobei reaktionäre & konservative Mainstream-Blockbuster derzeit gut im Kurs liegen, Christopher Nolan beweist das jedes Mal aufs Neue mit seinen Kassenerfolgen.

Der auf moralische Größe pochende dritte Teil kam damals wahrlich nicht aus dem Nichts. Hatten die ersten beiden Teile zwar noch ganz eindimensional gezeichnete Schurken geboten, so ist Blaster zumindest ein konsequenter Nachfolger der körperlich auffälligsten Figur aus dem ersten Teil: dort ist es der behinderte Sohn der Nachbarin, ein großes Kind, vor welchem Rockatanskys Frau zwar erschickt, welches aber durchweg harmlos ist. Blaster und auch Master waren im dritten Teil ebenfalls die mit Abstand körperlich auffälligsten Figuren, denen dennoch oder gerade deshalb die Sympathie gelten sollte. "Mad Max: Fury Road" hingegen bindet seine Entstellungen nun an die Schurkenfiguren - und diese sind alles mögliche, aber nicht ambivalent gezeichnet. Immortan Joe - gespielt vom Toecutter-Darsteller des ersten Teils - ist fett, hat einen Blasen schlagenden Hautauschlag und benötigt beim Atmen technische Unterstützung. Ein anderes Mitglied seiner Sippe ist ein verwachsener Kleinwüchsiger, der mit verdrehten Gliedern und großer Narbe auf der Brust in einer Schaukel auf der Aussichtsplattform des gemeinsamen Reiches baumelt. Und der Spieler der feuerspeienden E-Gitarre, der vor Joes Kriegszug geschnallt für gute Laune sorgt, ist im Gesicht schwer entstellt, während einer der wichtigsten Geschäftspartner an Elephantiasis zu leiden scheint. Eine reinrassige - oder besser: inzestuös verkümmerte - Freakshow, die wirklich so gar nichts mehr von den hochmoralischen Freakshows der Gegenkultur besitzt und stattdessen auf die Freakshows der Zirkusse im frühen 20. Jahrhundert zurückgeht.
Furiosa, eine der positiv konnotierten Figuren des Films, die sich mit Mad Max nach anfänglichem Zwist zusammenraufen wird, hat zwar den linken Unterarm verloren, ist aber zweifelsohne bildschön: immerhin wird sie von Charlize Theron gespielt. Da hilft es auch nichts, dass die von Immortan Joe gemolkenen Muttermilch-Spenderinnen allesamt ausgesprochen adipös sind; schließlich geben sie bloß einen skurrilen Blickfang ab und bleiben ansonsten neutral, sind zwar keine Schurkinnen, allerdings auch keine Sympathieträgerinnen, während hingegen die aus dem Reich des Despoten geschmuggelten Sympathieträgerinnen & wichtigen Nebenfiguren ausgerechnet Immortan Joes Lustsklavinnen sind: ein halbes Dutzend Frauen, eine schöner als die andere, edel in den Charakterzügen.
Die Frauenfiguren sind hier auch so eine Sache für sich: Furiosa ist gewiss ein hartes Mannsweib, weil der gemeine Mainstreamfilmemacher spätestens seit "Aliens" (1986) glaubt, dass Mannsweiber das Ziel der Emanzipation sind. Die Lustklavinnen, die Furiosa hier aus Joes Reich retten will, sind dagegen ganz traditionell hübsch und zart und feinfühlig und herzensgut. Und ein paar greise Mütter, die man später auf der langen Flucht aufgabeln wird, wissen sich zwar zu wehren, haben aber den größeren Gerechtigkeitssinn als die Männer dieses Films. Diese sind - oder versuchen zu sein - was man von ganzen Männern erwartet: Mad Max ist grimmiger und wahnsinniger als jemals zuvor, die Despoten sind machtgeile oder nüchterne Machtmenschen, die sich sogenannte Warboys heranziehen, welche sich Silberfarbe ins Gesicht sprühend und Walhalla schreiend im ehrenvollen Kampf beweisen wollen. Das soll Satire sein (zumindest auf tumbe Männlichkeitsrituale, vielleicht auch auf Selbstmordattentäter), ist aber Heuchelei, wenn der Film an Kampf und Chaos und Krawall doch letztlich mehr, viel, viel mehr Interesse hat als an der Utopie des friedvollen, grünen Platzes, auf den die Frauen (vergeblich) hoffen; dass einer der Warboys eine Wandlung durchmacht und sich zum verletzlichen Sympathieträger entwickelt, der letztlich den Heldentod immerhin für die richtige Seite stirbt, ist ein eher schwacher Trost. Traditioneller und überholter kann das Bild von Männlich- & Weiblichkeit kaum ausfallen, da hätte man schon mindestens 30 Jahre Action-Kino komplett übersehen müssen, um auch noch gänzlich auf toughe, maskuline Frauen zu verzichten (die zwar besser als gar nichts, aber sicherlich nicht das Endziel von Gleichberechtigungsbestrebungen sind). Umso bizarrer, dass sich auch noch Zuschauer(innen?) finden, die in "Mad Max: Fury Road" den Einzug von 'Gender-Terror' in den Mainstreamfilm erblicken.

Man muss sich damit arrangieren können, um etwas Freude zu haben am neuen "Mad Max"-Beitrag, der davon handelt, dass Imperator Furiosa die begehrten Frauen des Despoten Immortan Joe aus seinem Reich in das Land der vielen Mütter schmuggeln will und dabei von den Schergen des Schurken verfolgt wird. Unter ihnen macht sich der anfangs gefangengenommene Mad Max als Universalspender der Warboys mit auf die Reise, kann sich aber im Laufe der Verfolgungsjagd befreien, Furiosa stellen, sich dann jedoch überzeugen lassen, gemeinsam mit ihr und den Frauen die Flucht fortzusetzen, bis man bemerken muss, dass das gesuchte Utopia schon gar nicht mehr existiert. Also macht man sich wieder zurück zum inzwischen unbewachten Ausgangsort, um Immortan Joes Reich zu erobern, in welchem er als Besitzer der knappen Wasservorräte seine Macht behauptet.[4] Die Charakterisierung der Figuren fällt hier noch schwächer aus als in früheren Filmen, zumal relativ wenig gesprochen wird. Die Stärken liegen hier definitiv im Knalleffekt, der es dafür wahrlich in sich hat: die Verfolgungsjagd beginnt in der 15. Minute und endet - unterbrochen von einer kurzen Ruhephase - in der 105. Minute. In dieser Zeit springt man bei voller Fahrt von Auto zu Auto, erschießt und lässt explodieren, was manchmal rasant, manchmal gefällig hübsch aussieht. Löblicherweise hat man den CGI-Einsatz ziemlich herabgefahren, aber wenn er vorhanden ist, dann sieht man ihn durchaus. Der Schnitt, für den Miller wieder einmal Margaret Sixel verpflichtet hat, ist in den Actionszenen ganz auf Radau gebürstet und wirkt ansonsten wenig kunstvoll: Kunstvoll ist dagegen die Farbdramaturgie, die manchmal zwar die Grenze zu surrealem Tarsem Singh-Kitsch streift, die Wüstenlandschaft aber wunderschön zwischen Gelb und Blau präsentiert, durchsetzt mit knallroten Akzenten. Etwas überspannt wird der Bogen in den Nachtszenen, in denen nur noch Teile des Bildes im umgebenden Einheitsblau farbig daherkommen: eine unnötige, modische Spielerei, die neben zeitrafferartigen Montage-Spielereien und den zumeist ganz und gar auf den 3D-Effekt hin ausgelegten Bildkompositionen am ehesten nach Effekthascherei aussieht, die einen auf der großen Leinwand durchaus auch gehörig aufreiben dürfte. Gerade der aufpeitschende Soundtrack unterstützt den vereinnahmenden Krawall gehörig; das ironisch eingesetzte Verdi-Zitat - das es ohne Tarantinos "Django Unchained" (2012) womöglich gar nicht gegeben hätte - wäre allerdings nicht nötig gewesen, was noch stärker für die Musik von Eleni Karaindrous gilt: Die emotionalen Klänge von Angelopolous' Stammkomponistin werden kaum ironisch zitiert, sondern benutzt, um Emotionen ins Geschehen zu bringen, die bei solch einer Dramaturgie und Charakterzeichnung zwangsläufig auf der Strecke bleiben müssen.
Dramaturgisch und ideologisch mag dies der enttäuschendste Teil der Reihe sein, an Action, Bombast, fantasiereicher Ausstattung und überwältigenden Totalen übertrifft er seine Vorgänger hingegen mit Leichtigkeit, wirkt in seinen Bemühungen um eine stilsichere Filmsprache hingegen oftmals unbeholfen und letztlich zu modisch und zu wenig kreativ. Die Information, dass Miller noch eine s/w-Stummfilmversion im Sinn hatte - die dann als Fanprojekt im Internet hochgeladen und kurz darauf wieder gesperrt worden ist[5] -, ist daher nicht ganz uninteressant.

Ob "Mad Max: Wasteland" (als nächster von mindestens drei weiteren "Mad Max"-Filmen in nächster Zeit) noch einmal neue und womöglich auch wieder ideologisch unbedenklichere Wege einschlagen wird, oder ob er bloß ein weiteres Mal bei kaum vorhandener Tiefe alles etwas größer, lauter und schneller krachen lassen will, wird sich zeigen.
8/10 für "Mad Max", 7,5/10 für "Mad Max 2", 6,5/10 für "Mad Max Beyond Thunderdome", 6,5/10 für "Mad Max: Fury Road"...


1.) Quasi "2001: A Space Odyssey" (1968) rückwärts. Entsprechend wenig Hoffnung steht am Ende, wenn Max nach seiner Rache ziellos die Straße hinunterrast.
2.) http://www.zweitausendeins.de/filmlexikon/?wert=351&sucheNach=titel
3.) Und natürlich ist auch dieser Film nochmals teurer als seine Vorgänger - und zwar gehörig: von 650.000 über 2.000.000 und 12.000.000 ist das Budget nun auf 150.000.000 $ geklettert. Vielleicht liegt es am Umstand, dass "Mad Max: Fury Road" ein lupenreiner Hollywood-Blockbuster ist, dass die Referenzen auf die australische Kultur nun völlig auf der Strecke bleiben: keine Didgeridoos, keine Bumerangs und keine Traumzeit-Malerei. Einzig ein Aborigine ist noch zu erhaschen.
4.)
Nach den Kindern im vorangegangenen Teil sind es diesmal die Frauen, die Max (gemeinsam mit Furiosa) in eine hoffentlich bessere Zukunft führt. Frauen, die nach der Apokalypse zum Besitztum des Mannes und Anlass für gewalttätige Auseinandersetzungen werden, gab es schon vor früher im Endzeit-Kino: etwa in Cormans - kaum unterhaltsamen - "The Last Woman on Earth" (1960). Dort allerdings eher in Form eines kleinen Dramas und im Hinblick auf seine Geschlechterbilder auch nicht sonderlich interessant.
5.)
http://nerdist.com/finally-witness-a-black-and-white-cut-of-mad-max-fury-road/


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