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30 Days of Night (2007)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 6 / 10)
eingetragen am 06.10.2008, seitdem 573 Mal gelesen



Es hätte der beste Vampirfilm der letzten Jahre werden können. Es wurde leider nur der beste der schlechten Vampirfilme der letzten Jahre.

Es hätte auch eine der besten Comic-Verfilmungen der letzten Jahre werden können. Auch daraus wurde leider nichts.

Aber nun der Reihe nach:

Das Genre des Vampirfilms stirbt nicht aus. Von Nosferatu über Bela Lugosi, Christopher Lee, Andy Warhol und Roman Polanski, die Neudefinitionen der 80er (Near Dark, Lost Boys, The Hunger) und den neoromantischen Bram Stoker's Dracula von Coppola und Interview with the Vampire von Neil Jordan, bis zu den neueren Vampiren von Rodriguez und Carpenter und jetzt 30 Days of Night haben sich die bissigen Untoten immer wieder einer Aktualisierung ihres Erscheinungsbildes und ihrer Lebensphilosophie erfreut. Kaum eine andere Horrorfigur, nicht der Werwolf und auch nicht die Zombies, ist derart präsent wie der Vampir. Mal ist das Blutsaugen romantisch, mal erotisch oder obszön. Mal sind die Vampire geplagte Leidwesen der Unsterblichkeit, mal hemmungslos animalische Monster, mal psychopathologische Einzelgänger, mal Teil eines soziopathischen Kollektivs.

Was hat nun 30 Days of Night dem Vampirfreund von heute zu bieten? Ein Rudel Vampire, deren Anzahl groß genug ist, um unübersichtlich zu sein, und die einem Alpha-Vampir folgen, dem es vorbehalten bleibt, die wichtigsten Entscheidungen zu treffen und hin und wieder seine Todes-Philosophie zu verbreiten. Seine Sprache ist archaisch und guttural, seine Schreie markerschütternd, seine Augen verraten ständiges Überlegen und Abwägen der Situation. Seine Witterung ist allerdings nicht übermenschlich unfehlbar, so dass den menschlichen Protagonisten immernoch Möglichkeiten bleiben, die Vampire auszutricksen. Diese Untoten sind sehenswert in ihrer Zielgerichtetheit und unbedingten Fokussierung, mit ihren raschen, von jeder unnützen Fahrigkeit abstrahierten Bewegungen und ihrem todschicken Look. Und sie sehen tatsächlich der gezeichneten Comic-Vorlage sehr ähnlich.

Damit hat sich aber auch die Comichaftigkeit dieser Verfilmung. Wo z.B. Hellboy es schafft, mit Farben und Licht eine Nähe zum gezeichneten Originalstil zu erreichen, verliert sich die Bildästhetik von 30 Days of Night größtenteils in zweitklassigen oder zumindest nicht weiter ungewöhnlichen Bildern. Das Breitbildformat wird kaum erzählerisch ausgenutzt und das Highlight bleibt eine Aufnahme aus der senkrechten Vogelperspektive über dem Ort Barrow, in dessen Straßen die Vampire gerade ein eindrucksvolles Blutgemetzel in den Schnee metzeln. Einige weitere inszenatorische Ideen sind gut, überraschend und verblüffend, aber sie sind dünn gesäht und machen noch keinen guten Vampirfilm.

Die Ideen sind gut, wie gesagt, aber sie stammen zum Teil bereits aus dem Comic. Allein die Grundidee des weltabgeschiedenen Ortes Barrow, der im nördlichsten Alaska ein wörtliches Ende der Welt darstellt, isoliert im Schnee und einmal im Jahr einen ganzen Monat ohne Sonnenlicht, ist hervorragend. Die Einheit des Ortes wird zur Unentrinnbarkeit des Ortes, ähnlich der Forschungsstation in Carpenters The Thing. Leider wird aus diesem Ort zu wenig gemacht. Stimmungsvollere Bilder dieses Unortes, ähnlich denen in Silent Hill, kommen leider nicht zustande. Darüber hinaus verliert der Film dadurch stark an Dichte und Überzeugungskraft, dass die Einheit der Zeit zwangsläufig flöten geht, ohne dass die Zeitraffung der 30 Tage und Nächte irgendwie motiviert ist. Wir sehen vor allem den ersten, den siebten und den letzten Tag des sonnenlosen Monats. Dazwischen passiert anscheinend gar nichts ausser Warten. (Übrigens werden auch die Bärte nicht länger, ein 28-Tage-Bart ist das jedenfalls nicht, was Josh Hartnett da ab dem siebenten Tag trägt.) Diese unmotivierten Zeitsprünge stören auch den Rythmus des Films, der so ungeschlacht vor sich hin wankt. Die Psychologie der um ihr Überleben besorgten Figuren wird, abgesehen von den üblichen kleinen Streitigkeiten zwischen Männern der Tat und besonneneren Anführern, vernachlässigt, der love-interest reicht gerade für eine Beschwörung des Zusammenhalts der Familie.

Da helfen nurmehr die Splatter-Effekte, Aufmerksamkeit auf den Film zu ziehen. Da werden Körper geschreddert, Köpfe mehr als halb weggeschossen oder abgetrennt und - nicht zu vergessen - da werden natürlich Kehlen zerbissen. Nicht am laufenden Band, aber an den entscheidenden Stellen extrem blutig und sehr gut getrickst. Was leider ebenfalls noch keinen guten Vampirfilm macht.

Überzeugend ist die Tonspur: sowohl die subtile Musik als auch die Soundeffekte bieten eine bedrohlich-düstere Stimmung Oft ist der Film auch einfach still, wie es nur im Schnee still ist. Und dass kein poppiger Vampir-Rocksong im Abspann läuft, ist ebenfalls erfreulich.

Ein Wort noch bezüglich der Bärte: der Film zeigt eine Menge Dinge, die man nur als Fehler bezeichnen kann. Die unnatürliche Beleuchtung (viel zu viel Licht in dem taglosen Monat; orangefarbener Sonnenuntergang in der einen, wesentlich hellere Dämmerung in der folgenden Szene - liegt das an der blauen Stunde?) und das im wochenlangen Versteck mit Fön und Lipgloss gepflegte Äußere der Protagonisten kann vielleicht nur ein Korinthenkacker bemängeln. Aber dass einer der widerlichsten Vampire, nachdem er ein paar Szenen zuvor aber sowas von definitiv zersemmelt wurde, im Showdown grausig wie eh und je herumsteht und sogar zwei close-ups bekommt, ist doch mehr als ein verzeihlicher Fehler ( - man möge mich benachrichtigen und berichtigen, wenn ich das falsch gesehen habe, aber es handelt sich um den einzigen und deshalb markanten Glatzkopf im gesamten Film). Eigentlich kümmern mich derartige Unstimmigkeiten nicht, wahrscheinlich stoßen sie mir hier besonders auf, weil der Film seine Illusion mithilfe der oben genannten Schwächen in der Erzählweise selbst zerstört.

Man kann sich den Film ruhig ansehen, bekommt dann neue Vampire und ein paar heftige Action- und Splatter-Sequenzen. Seine durchaus vorhandenen Möglichkeiten schöpft der Film aber nicht aus.

PS.: Ich werde mich der Comicvorlage nähern...


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