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Stirb langsam (1988)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 9 / 10)
eingetragen am 14.10.2005, seitdem 1283 Mal gelesen



“Stirb Langsam” ist für das Actiongenre das, was man allgemein einen Meilenstein nennt. John McTiernans Hochspannungs-Actioner aus dem Jahr 1988 bildet einen Knotenpunkt auf dem Zeitstrahl der Actionfilmgeschichte, denn er beendet eine vorhergehende Ära durch die Einführung neuer Elemente und dient für die nachfolgende Generation immer wieder als unumgehbarer Bezugspunkt. Als John Woo 1992 “Hard Boiled” herausbrachte und seinem Star Chow Yun-Fat zum Weltruhm verhalf, wurde nicht umsonst von Presse und Publikum ständig der Bezug zum großen Bruder aus dem Westen gesucht. Die Empire tönte gar “More exciting than a dozen Die Hard’s” - und das tat sie, weil sie wusste, dass McTiernan das Nonplusultra des Actionfilms geschaffen hatte.

Dreh- und Angelpunkt ist die legendäre Figur des John McClane, die für den Schauspieler Bruce Willis bis heute prägend blieb, versuchte er doch zuletzt, Abstand vom Action-Genre zu nehmen und auf Faust- und Waffengewalt zu verzichten. Aber nicht nur für Willis, der seinerzeit vermutlich nicht einmal das immense Eigenleben der Figur im mindesten erahnen konnte, wurde John McClane zu einem Monstrum, sondern für alles und jeden, was auch nur im entferntesten mit dem Genre zu tun hatte. Die Zeiten der gestählten Muskelmaschinen, der frauenverachtenden Machos und der humorlosen Kampfkolosse waren vorbei. Geboren war eine neue Art von Held, ein grundsätzlicher Verlierertyp, der sich mit seiner Frau auseinandergelebt hat, der seine Kinder schon seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen hat und dem das Pech am sprichwörtlichen Schuh klebt. Gefragt war plötzlich ein persönlicher Hintergrund, ein Scherbenhaufen aus einem früheren Leben. Damit wurden Emotionen zurückgebracht, die im klassischen No-Brainer stets fehlten. Die Ikonen der frühen Achtziger spielten meist Einzeller, stets aber “Eindimensionäre”, denen eine menschliche Komponente fremd war. Am stärksten neigten noch Rache-Actioner (“The Punisher” folgte ein Jahr später) zu einer emotionalen Komponente, doch fiel diese meist derart plump aus, dass sie für die Identifikation mit dem Held quasi ohne Bedeutung blieb. Tatsächlich bietet sich der Archetyp des Actionhelden überhaupt nicht zur Identifikation an, weil er ein unerreichbarer Idealtypus bleibt - halt wie Superman.

Und genau dies ist das Revolutionäre an John McClane: Er behält die Coolness des klassischen Actionhelden bei, übertrifft sie sogar bisweilen - und doch fühlt sich der Zuschauer in diesen Kerl hineinversetzt. Die Figur begibt sich in eine Zweispurigkeit.
Daran hat nicht zuletzt Bruce Willis Anteil, ein Schauspieler, der bis dato einzig und allein aus einer TV-Serie (“Das Model und der Schnüffler”, 1985) und aus einer Romantik-Komödie (“Blind Date”, 1987) bekannt war. Willis, ein eher schmächtiger, wenn auch sehniger und robuster Kerl mit einer sanften Stimme (die Amis kennen keinen Manfred Lehmann) - nicht gerade prädestiniert dafür, in die Fußstapfen von Arnie und Sly zu treten. Sein Gesicht jedoch zeugt von einer Hartnäckigkeit mit stoischem Zynismus. Diese eröffnete dem Zuschauer dann auch den Zugang zum Charakter, denn die leicht ironische Herangehensweise an den Film wirkt wie ein Eisbrecher.

Willis alleine kann natürlich keine Figur zum Mythos machen, dafür bedarf es dann auch der richtigen Plattform. Und die schafft John McTiernan mit seiner nachvollziehbaren und doch kompromisslosen Regie. Ausgehend von einem Drehbuch von Jeb Stuart und Steven E. de Souza wird “Stirb Langsam” durch seine in sich geschlossene und von der Restwelt abgetrennte Location im Nakatomi-Plaza in L.A. zu einem klaustrophobischen Katz- und Maus-Spiel mit Hochspannungsgarantie. Ein kleinerer Vorlauf ist zu sehen, in dem die Verhältnisse geklärt werden. Der New Yorker Cop McClane kommt nach L.A., trifft im Taxi mit Argyle (De’voreaux White) auf ein letztes Relikt der Achtziger (die ansonsten im gesamten Filmverlauf eher gedämpft zur Geltung kommen, was den Film eine gewisse Zeitlosigkeit verleiht), bevor er im Nakatomi Plaza eintrifft. In einem Dialog mit seiner Frau erfahren wir von den Umständen seines Besuches, merken, dass es deutliche Probleme zu verzeichnen gibt, die aber zunächst unterbrochen werden, indem seine Frau Holly (Bonnie Bedelia) zur Menge gerufen wird, um eine Rede zu halten.

Und dann geht es halt ganz schnell: Die Terroristen um Hans Gruber (Alan Rickman) treffen ein und machen mit ihrer Maschinengewehr-Begrüßung der festlichen Stimmung ein jähes Ende, die im Vorspann noch mit dem festlichen “Let it snow”-Weihnachtssong begonnen wurde. Auch jene aufgesetzte Weihnachtsstimmung inmitten einer Betonhölle, die ihn warmen Farben gezeigt wird (man könnte fast meinen, der Film spiele in Miami), kann man als Zynismus auslegen, der dem Hauptdarsteller von Beginn an ins Gesicht geschrieben steht. Damit ist es dann aber durch das Eintreffen der deutschstämmigen Bad Boys vorbei, denn es findet ein radikaler Schnitt statt, was die Handlungsbereiche aller Beteiligten betrifft.
Ab hier wird das Nakatomi-Gebäude zur Mausefalle und entfaltet seine eigentümliche Ausstrahlung. Die marmorierten und auf Hochglanz polierten Böden und Wände bieten ein ähnlich unwirtliches Interaktionsgelände wie die Wälder für “Rambo” und der Dschungel für den “Predator”; im Gegensatz zu diesen Handlungsorten ist das Hochhaus jedoch ein künstlicher, von Menschenhand abgeriegelter Schauplatz. Das hat zur Folge, dass unser Held wider Willen in eine Situation gezogen wird, der er viel lieber entgehen würde, während sich Rambo und Major Dutch ihre Konfrontationsorte selbst ausgesucht haben.

Die Spannung geht von der Maulwurfsituation aus. Das zahlenmäßige Missverhältnis von den Terroristen zu McClane hebt sich auf mit dem Vorteil des NY-Cops, der weiß, wo sich die Terroristen befinden, aber nicht umgekehrt. Aufzüge und Räume werden benutzt, Schächte und Winkel, um Vorteile zu erhaschen, welche seine Gegner versuchen, durch ihre zahlenmäßige Überlegenheit wettzumachen. Stück für Stück werden die Gegner dezimiert, und je mehr Opfer auf McClanes Kappe gehen, desto ernster wird er von Gruber genommen. Dabei gehen auch mal Brüder von anderen Terroristen drauf, die dann in ihrer rasenden, persönlichen Wut alles daran geben, den Mistkerl auszuschalten, der irgendwo in den Gedärmen des Hochhauses herumkriecht.

Die klaustrophobische Atmosphäre, wenn McClane durch die Schächte robbt oder sich mit blutenden Fußstümpfen ins Badezimmer zerrt, tut ihr Übriges, damit der wechselseitige Gegenschlag funktioniert. McTiernan spielt geschickt mit den verschiedene Ebenen des Gebäudes, wechselt von der Lobby auf das Gebäudedach und in die Zwischenpassagen, wo stets leere Zimmer auf denjenigen warten, der neu hinzukommt. Kameratricks inbegriffen: Wenn wir sehen, wie McClane durchs Fenster schaut, hinter sich das Geräusch des Aufzuges vernimmt, die Kamera auf jenen Aufzug schwenkt und ein Gangster heraustritt und in McClanes Richtung schaut, bekommen wir Herzflattern - bis wir merken, dass sich McClane längst aus dem Staub gemacht hat. Eine elektrische Kreissäge dient als Zeitmesser - wenn das Sägegeräusch leiser wird, wissen wir, dass McClane sich von ihr entfernt hat, und während sich der Baddie der Säge nähert, spekulieren wir, wo sich McClane inzwischen aufhält. Das Spiel mit Zeit und Raum ist geschickt, wechselt spielerisch zwischen Suspense und Surprise und nimmt sich auch Zeit für ruhige, aber um so intensivere Sequenzen.

Dass “Stirb Langsam” letztendlich aber den Ruf einer Action- und keiner Thrillerikone weg hat, wird immer dann deutlich, wenn es zu dem unvermeidlichen Treffen zwischen Hase und Igel kommt. Die Actionsequenzen gehören zum Allerfeinsten und sind vor allem in ihrer Kompromisslosigkeit bemerkenswert. Niemals selbstzweckhaft, sondern immer die Intensität bemühend, werden deutlich Schusswunden durch Beine, Korpus und Kopf gezeigt. Die Quälerei durch die Glasscherben mit nackten Füßen schmerzt beim Ansehen, und mit der Zeit zollt die äußere Erscheinung des McClane Tribut an seine Erschöpfung. Das Gesicht rußverschmiert, die Füße blutige Klumpen, das einstmals weiße Unterhemd ergraut und blutverschmiert, die freiliegenden Arme schwitzend und mit blauen Flecken übersät. Dieses Bild machte schließlich seine Runden durch die Welt und galt als “Snapshot” für den Antihelden, Underdog - halt für die Fliege im Honig, für den Tritt in des Terroristen Arsch. McClane war ein Trotzkopf, sein legendäres “Yippiekayay, Schweinebacke!” ein Ausdruck seiner Scheiß-Drauf-Mentalität.

Das alles wäre überhaupt nichts wert ohne einen ebenbürtigen Gegenspieler. Und Alan Rickman spielt vielleicht die Rolle seines Lebens. Mehr intelligent als wahnsinnig bildet er ein eigenes charakteristisches Profil. Die eiskalte Berechnung, mit der er auf die Geiseln schießt, gestaltet sich um so erschreckender, wenn man sieht, wie vernünftig er sich gegenüber Holly McClane verhält, wenn sie Kompromissvorschläge zur Haltung der Geiseln macht. Das Aufeinandertreffen zwischen McClane und Gruber in den Heizungskellern gestaltet sich genau deswegen so intensiv; natürlich in erster Linie wegen der Konstellation, aber die Wirkung ist so enorm wegen Alan Rickman, der seinen Gruber so anlegt, dass er sich in kürzester Zeit in einen hilflosen Mann verwandeln kann - und dazu bedarf es einer Bösewichter-Interpretation, die sehr lebensnah ist.

Wenn man der Spannungsmine Nakatomi Schwächen ankreiden will, dann gelingt das bezeichnenderweise immer dann, wenn Kontakt zur Außenwelt aufgenommen wird. Traurigerweise ist der von Paul Gelason gespielte Polizeichef so dermaßen klischeehaft, dass er in jedem Lundgren-Film bestens aufgehoben wäre, hier aber so sauer aufstößt wie Zitronenkonzentrat. Seine Mutmaßungen bezüglich der Vorgänge im Inneren des Gebäudes sind schlichtweg schwachsinnig und mit gutem Willen höchstens noch auf persönliche Probleme zurückzuführen. So bringt er selbst den ansonsten sehr souveränen Reginald Veljohnson (“Alle unter einem Dach”) dazu, sich schwachsinnige Rechtfertigungen aus der Nase zu ziehen und den Einzelkämpfer total übertrieben zu verteidigen. Ansonsten erweist sich Veljohnsons Figur nämlich als gelungene Kraft von außen, die mehr denn je den einsamen Posten verdeutlicht, auf dem McClane steht. Dem Drehbuch hätte es besser getan, wären die Ereignisse im Gebäude nur Al Powell (Veljohnson) zu Ohren gekommen und auch er selbst sei irgendwie von der Außenwelt, aber auch von McClane und den Terroristen isoliert worden, damit der Rest der Polizei überhaupt nichts davon erfährt. Als nämlich später auch noch das FBI dazukommt und ein bürokratischer Kindergartenstreit losgeht, ist die Hoffnung ganz verloren, dass von außen noch etwas Sinnvolles zur Story beigetragen wird.

Ansonsten ist McTiernans Werk nämlich ein makelloses Gemälde, das zu Recht den Titel “Meilenstein” trägt. Ein innovativer und trotzdem übercooler Antiheld, ein grandioser Fiesling mit interessanten Handlangern, ein denkwürdiger Schauplatz, eine unvergleichbare Atmosphäre, ein konsequentes Actionfeuerwerk und ein unvergessener Showdown sorgen dafür, dass “Stirb Langsam” ein Platz in so ziemlich allen Bestenlisten gebührt und gerne immer dann genannt wird, wenn es um den besten Actionfilm der Achtziger Jahre geht.


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