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Tanz der Teufel (1981)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 8 / 10)
eingetragen am 25.10.2012, seitdem 2854 Mal gelesen



Im Grunde hat "The Evil Dead" alles, was einen schlechten Film ausmacht: eine vollkommen stupide Geschichte, eindimensionale, kaum umrissene Charaktere ohne jede psychologische Glaubwürdigkeit, überwiegend talentlose Darsteller, etliche durchschaubare Effekte und Notlösungen und Kompromisse bei Kameraarbeit und Schnitt, bedingt durch eine kleine - und immer kleiner gewordene - Crew und ein eher geringes Budget. Doch ein ambitionierter Gestaltungswille und die nötige Portion Ironie bügeln diese Mängel wieder aus und machen aus dem Film ein einziges ironisches Spektakel, das sich durch all die oberflächlichen Versatzstücke des Genres wühlt und Horror und Splatter ohne Tiefsinn und ohne wirkliche dramaturgische Bindung genüsslich zelebriert.

Die Geschichte fünfer Teenager, die während eines Freizeitaufenthaltes in einer abgelegenen Waldhütte unwissentlich das Böse herbeibeschwören, indem sie die Zaubersprüche enthaltenden Tonaufnahmen eines alten Wissenschaftlers abspielen, um dann nach und nach besessen und mit der Saat des Bösen infiziert zu werden, ist von extremer Simplizität und garantiert eine den Film dominierende Abfolge von Szenen, in denen einige der Freunde erst zu dämonischen Kreaturen mutieren, um dann die übrigen anzufallen. Erst Ash, die zentrale Figur aller "Evil Dead"-Filme Raimis, kann [Achtung: Spoiler!] dem Spuk ein Ende bereiten, indem er das den Tonaufnahmen zugrundeliegende Necronomicon - gefunden im düsteren Keller des Hauses - vernichtet. (Und dennoch wird er in einem launigen Abschlussgag Opfer einer letzten Attacke.)
Die Einbindung des Necronomicons - des verbotenen Buches aus Lovecrafts kurioser Privatkosmologie - ist bereits ein erster augenzwinkernder Hinweis für die Eingeweihten, dass "The Evil Dead" keine naive Horrormär ist, sondern durchaus bewusst auf sein Genre rekurriert. Die frühen Kellerszenen des Films, mit denen das Unheil dann seinen Lauf nimmt, machen zunächst am ehesten auf diesen Tonfall aufmerksam: Unter den wenigen Überbleibseln des unseligen Forschers finden sich nicht nur naive Geisterbahnutensilien (ein Totenkopf-Dolch & eine infantile Buntstift-Version des Necronomicons), sondern auch gleich noch ein Plakat zu Cravens "The Hills Have Eyes" (1977).
Nach diesen kurzen Verweisen auf eine vage lovecraftsche Basis und den Einfluss der jungen Wilden des US-amerikanischen Horrorfilms der 70er Jahre (deren Gehalt und gesellschaftspolitische Relevanz er allerdings vollkommen entbehrt), kommt man kaum noch umhin, all die Klischees und fest verankerten Motive des Genres als Klischees wahrzunehmen: den dunklen Wald, lebende Bäume, den Vollmond, wallenden Nebel, finstere Kellerräume, rotes Leuchten aus allerlei Löchern und Höhlen im Erdboden, Blutfontänen, zombieartige Monstren... hin und wieder lassen sich solche Versatzstücke auch ganz konkret zurückführen: köpfende Spaten verweisen auf Gillings Hammer-Horrorfilm "Plague of the Zombies" (1966), der Einsatz einer scheinbar lauernden Kamera verweist mal auf John Carpenters frühes Werk, mal auf Hoopers Terrorfilm "The Texas Chainsaw Massacre" (1974). Und über alles gießt Raimi dann seinen parodistischen Anstrich: Die dramatische Musikuntermalung trägt - wenig zurückhaltend - überaus dick auf (nicht nur das: sie kommt und geht so urplötzlich und schwankt so rasend schnell im Tonfall wie die Bilder und die Nummernrevue-'Handlung' selbst), aus Wunden spritzt das Blut mitunter wie aus Weinfässern (literweise), Bruce Campbell und Richard DeManincor chargieren vielfach arg grimassierend & cartoonartig überzogen (besonders bei dem ersten Zerfall einer besessenen Freundin) und die Kämpfe mit ihren Schlägen mittels Holzbalken, mit dem Eindrücken der Augäpfel und dem Herumschleudern der Hauptfigur durch die gesamten Innenräume sind gefüllt von einem körperbetonten Hau-drauf-Humor im Stile etwa der Three Stooges (die Sequels werden in dieser Hinsicht weit deutlicher), der durch einen nicht weniger körperbetonten Ekelhumor (das Abjekte als Funsplatter: Verfallen und Verwesen als schmatzendes Spektakel aus Schleim und Matsch) noch ergänzt wird. Zu so manchen Slapstick-Anleihen gesellt sich noch eine hysterisch kichernde Betsy Baker als bereits besessene Linda, die mit ihrem Zombie-Make-Up an nichts stärker als einen Cabaret-Star erinnert: die Augen wie bei einem Puppengesicht kreisrund umschminkt, die Lippen satt und auffällig hervorgehoben - das ist vor allem eine Maskerade wie man sie beispielsweise aus Bob Fosses wundervollem Musical "Cabaret" (1972) kennt... und dennoch erreicht diese im Grunde unangemessene Absurdität, dass die Szenen mit der besessenen Linda für die meisten Zuschauer zu den entsetzlichsten und eindringlichsten Schocks des Streifens zählen. (Schon Tod Browning wusste seinerzeit um die Unheimlichkeit des Heiteren innerhalb eines unangemessenen Rahmens - sein bekanntes Beispiel vom mitternächtens an der Tür klingelnden Clowns zeugt davon.)
"The Evil Dead" ist das pure Konzentrat des Horror- und Splatterfilms, das als solches wegen des Übertreibungs- & Überbietungskonzepts paradoxerweise dennoch wieder in seine eigene Parodie umschlägt.

Raimi und seine Crew treiben in "The Evil Dead" konsequent mit dem Entsetzen Scherz: Dass in diesem banalen Mix aus Klischees, inmitten von teils deutlich gekennzeichneten Einflüssen des Genres (und der Populärkultur: Comics und Rock nennt Raimi immer wieder mal als Inspirationsquellen), inmitten parodistisch überzogener Kampf- und Splatterexzesse alle fünf Hauptfiguren psychologisch unzulänglich gezeichnet bleiben, ist eher von Vorteil als ein Mangel... dass Ash mal vor Tatendrang strotzt, mal hilflos scheint, mal ängstlich gebannt ist, mal vor Energie und Hektik überquillt, dass sein Freund Scotty sich urplötzlich als egoistisches Arschloch erweist: so was ist nicht nur einfach eine schludrige Folge der durch Ausfälle und Zeitdruck erschwerten Drehbedingungen (knapp 20 Doubles haben neben den fünf Darstellern die Figuren in manchen Einstellungen verkörpert), sondern durchaus auch von Vorteil, würde doch jegliche Tiefe von der bloßen Oberfläche ablenken, um die sich hier alles dreht.
Auf Oberflächenreize sind auch große Teile der Kameraarbeit ausgerichtet: rasant-schwindelerregende Fahrten mittels eines von Raimi improvisierten steadicam-Ersatzes - der allerdings gehörig ruckelt und wackelt - betonen den schillernden Spektakel-Charakter des Films. Selbst wenn sie nahezu still steht, ergeht sie sich nicht selten in ungewöhnlichen Perspektiven. Kurz nach der ersten Zerstückelungsszene nimmt Raimi für ein extremes Neigen der kurzfristig gar kopfüber stehenden Kamera sogar schlampig-fehlerhafte Anschlussprobleme einer Schuss/Gegenschuss-Sequenz in Kauf. (Überhaupt enthält der Film eine Fülle von Flüchtigkeitsfehlern, die aber vom ironischen Gestus des Ganzen ganz gut abgefedert werden; gerade manch schlampiger Trickeffekt - etwa eine sich ausbreitende Beinwunde, deren Risse vor Ende der Einstellung das Bild noch dort durchziehen, wo das Bein selbst gar nicht mehr zu sehen ist - tragen zum absurden Eindruck des Grauenhaften gelungen bei... Dass Raimi den miesen Effekt eines Blitzes wegen seiner eher lächerlichen Qualität später für einige DVD-Versionen tilgen ließ, ist daher eigentlich ein ziemlich unsinniges Unterfangen.) "The Evil Dead" ist - trotz mancher Unbeholfenheit dieser Anfängerproduktion - ein durchaus dynamischer Film und sorgt mit seiner Rasanz dafür, dass die mangelnde Tiefe von Figuren & Plot & Gehalt gar nicht erst auffällt.
Wenn sich der Film dem Ende zuneigt, fährt die krude Splatterfarce vollends zu Hochtouren auf: Neben einer Kellerszene, bei der zu heiter-ausgelassener Musik die Glühbirnen und Filmprojektoren mit Blut überschwemmt werden und infolgedessen alles in blutiges Rot getaucht wird, sind vor allem die auf das Verbrennen des Necronomicons folgenden Auflösungseffekte hervorzuheben, unter denen die monströsen Kreaturen blubbernd, schäumend und zerfließend in bunten Farben dahinscheiden. Und wenn die Kamera in der letzten Einstellung auf den sich überrascht herumdrehenden Ash zurast, der doch als Einziger überlebt hat, dann ist ein befreiendes Gelächter wohl die einzig angemessene Situation auf diesen gehässigen Schlussgag, der offenbar keine Überlebenden duldet: Die unangemessen heitere Musik, mit der dann der Abspann beginnt, unterstreicht nochmals den Witz des Ganzen...

Dass diese auf ein dürres Grundgerüst reduzierte Splatter-Monstrosität in ihrer so ambitionierten, wie auch schludrigen Form letztlich eine ironische, parodistische Lesart des Genres darstellt, ist teilweise dem Publikum, viel stärker aber noch den offenbar vollkommen humorlosen Zensoren entgangen: "The Evil Dead" ist zwar im Filmland Frankreich mit einer hierzulande undenkbaren Freigabe ab 12 Jahren bedacht worden, entwickelte sich in England jedoch zu einem der video nasties und geriet in Deutschland zu einem frühen Opfer der grassierenden Beschlagnahmungswelle in den 80er Jahren. (Der Filmdienst bewies damals auch nicht unbedingt mehr Humor als die BPjS...)
Den Fun-Splatter, der in "The Evil Dead" schon überdeutlich zelebriert wird und dann ein halbes Jahrzehnt später seinen Durchbruch in der Filmlandschaft erlebte (vor allem mit "The Return of the Living Dead" (1985) und "Re-Animator" (1985)), baute Raimi im schwächeren Sequel schließlich noch weiter aus. "Evil Dead II" (1987) - eine unausgegorene Mischung aus Sequel und Remake, ein dramaturgisches Gestümper ohne wahren Spannungsbogen, aber mit viel Klamauk, der Bruce Campbell die Gelegenheit verschaffte, zum kleinen komödiantischen Kultstar zu avancieren[1] - und der kaum noch Gemeinsamkeiten mit dem Original aufweisende dritte Teil "Army of Darkness" (1992) - eher ein Fantasy-Zeitreise-Abenteuer in Ray Harryhausen-Tradition - verschieben die Grenze zwischen Horror und Komik sehr drastisch zugunsten der Komik, während der Horror-Anteil (gerade im dritten Teil) erheblich reduziert wird.
Am ehesten wird dem Tonfall von "The Evil Dead" noch der frühe Kurzfilm "Within the Woods" (1978) gerecht, den Raimi seinem "The Evil Dead" quasi als Prototyp voranstellte. Einem Publikum, das "The Evil Dead" vor allem als nervenzerfetzenden Reißer schätzt, steht nun in Bälde ein Remake ins Haus, das sich im Trailer als blutiger Schocker anpreist. Man darf befürchten, dass "Evil Dead" (2013) im Gegensatz zu den Sequels nun wiederum den komischen Aspekt des Originals beiseite drängen wird. (Schon der u. a. auf "The Evil Dead" Bezug nehmende "Cabin in the Woods" (2011) hatte bereits geflissentlich übersehen, dass Raimis Spielfilmdebut selbst schon eine Parodie auf das Genre darstellte.)
Überhaupt scheint der Reiz des Originals kaum wiederholbar zu sein: als ironisches Ramschprodukt ambitionierter Dilettanten bezieht der Film seine Qualitäten nicht zuletzt daraus, dass er gerade kein rundum solides Handwerk liefert, sondern sich etwas grobschlächtiges, raues und ungestaltes bewahrt. Als Film, der den Funsplatter im Genre etabliert und den Tonfall des Horrorfilms der 80er Jahre eingeläutet hat, bewahrt sich "The Evil Dead" ohnehin eine einzigartige Position.

7,5/10


1.) Neben Campbell und Raimi konnten vor allem auch noch die Crew-Mitglieder Josh Becker ("Running Time" (1997)) und Scott Spiegel ("Intruder" (1989), "Hostel 3" (2011)) im Filmgeschäft Fuß fassen - und Joel Coen natürlich...


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