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Tanz der Teufel (1981)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 8 / 10)
eingetragen am 28.05.2014, seitdem 268 Mal gelesen



„Alles hält uns hier fest!“

Als US-Regisseur Sam Raimi („Spider-Man“) nach einigen Kurzfilmen – darunter der Horror-Demonstration „Within the Woods“ – im Jahre 1981 mit seinen Langfilm-Debüt „Tanz der Teufel“ an eben jenen anknüpfte, gelang ihm zusammen mit einigen Freunden und einem kargen Budget einer der bis heute berüchtigsten Splatter-Horror-Streifen schlechthin, dem hierzulande eine unrühmliche Zensurgeschichte widerfuhr, die dem Film seither vorauseilt.

Eine Gruppe junger Erwachsener möchte ein paar Tage in einer einsam gelegenen Waldhütte in Tennessee ausspannen. Im Keller der maroden Behausung finden sie ein uraltes Buch, das „Necronomicon Ex-Mortis“, und ein Tonbandgerät inkl. Bändern, auf denen ein Forscher seine schlimmen Erfahrungen bei der Beschäftigung mit den Buchinhalten dokumentiert und eine Beschwörungsformel aufsagt, die beim Abspielen dämonische Kräfte wiedererweckt. Diese sorgen dafür, dass die Freunde nicht entkommen können und ergreifen nach und nach Besitz von ihnen. Man kann sich der Dämonen nur durch totale Zerstörung der Körper erwehren, was Ash (Bruce Campbell) fortan versucht. Ein wahres Blutbad nimmt beim Kampf um Leben und Tod seinen Lauf…

Parallel zur Ankunft der Gruppe junger Menschen per Automobil wartet „Tanz der Teufel“ bereits mit einer seiner irrsinnigen Kamerafahrten durch den sumpfigen Wald auf, die von Raimi & Co. mittels abgewandelter Steadycam-Technik realisiert wurden. Schnell nehmen die mysteriösen Ereignisse ihren Lauf, Gegenstände scheinen ein Eigenleben zu entwickeln, die Uhren bleiben stehen, eine der jungen Frauen, Cheryl (Ellen Sandweiss), beginnt, wie besessen herumzukritzeln. Ein Unwetter zieht unvermittelt auf und tobt über dem Waldstück. Direkt von Beginn an etabliert Raimi eine berechtigte Stimmung der Paranoia, die besiegelt wird durch eine die Gruppe beobachtende Point-of-View-Perspektive. Raimi bekundet seinem Kollegen Wes Craven Respekt, indem er ein „The Hills Have Eyes“-Plakat in die Kulissen des Kellers hing, welcher Schauplatz eines nach allen Regeln der Spannungserzeugung umgesetzten Erkundungsgangs Ashs wird. Die diversen Zooms auf die Augenpartien der Protagonisten erinnern an das italienische Kino, ein paar False Scares spielen Katz und Maus mit der Erwartungshaltung des Zuschauers. Die kontrovers aufgefasste, doch mittels origineller Kameratechnik formidabel gefilmte Vergewaltigung Cheryls durch einen Baum sorgt nicht nur für einen nachvollziehbaren Grad an Hysterie seitens des Opfers, sondern bedeutet auch den Startschuss für den extrem grafischen Gewaltanteil des Films, der ihm seinen „guten“ Ruf bescherte.

Zunächst avanciert Cheryl zum Dämon, was sich rein äußerlich durch eine Verzerrung des Gesichts zu einer furchterregenden Fratze bemerkbar macht. Irgendwie schafft man es, sie mit vereinten Kräften in den Keller zu sperren, woraufhin sie jedoch immer wieder durch die Luke lugt und die Geschehnisse hämisch kommentiert. Das hat etwas beängstigend Clowneskes, einem bösartigen Harlekin gleich ist ihr fremdes Leid Freud. Die Dämonen-Sause nimmt endgültig ihren Lauf, als auch weitere Freunde zu ebensolchen mutieren und der Film zunehmend fieser wird: Die hervorragende Maskenarbeit präsentiert eine schaurige Fratze nach der anderen, die Klangkulisse wird immer enervierender von den Geräuschen der Dämonen bestimmt und wenn ein Bleistift in einem Knöchel versenkt wird, darf man schon einmal zusammenzucken oder heimlich weggucken. Den Übergang zum reinrassigen Splatterfilm läutet Dämonen-Shelly (Theresa Tilly) ein, die per Axt zerhackt wird. Die Kameralinse verfärbt sich blutrot, Shellys Einzelteile zucken noch munter vor sich hin, „Tanz der Teufel“ serviert eine ordentliche Schlachtplatte und wird selbst dann noch immer wilder, als der unbedarfte Erstseher sich bzw. den bedauernswerten Ash längst in Sicherheit wähnt. Tolle Effekte des Zerfalls im Zeitraffer stellen eine weitere Variation der Spezialeffekte dar, die sich auf einem angesichts der Produktions-Parameter beachtlichen Niveau befinden und vom kreativen Geist junger Wilder zeugen, die das Maximum aus dem, was sie zur Verfügung haben, herausholen möchten.

Darüber vergisst man jedoch etwas ganz Entscheidendes nie: die atmosphärische Ausgestaltung des Films. Beständig wabernder Nebel, bläulich ausgeleuchtet, umhüllt die Kulissen, derer es ganze zwei gibt: den Wald und die Hütte. Letztere atmet organisch Moder und – einmal mehr – Zerfall und wirkt von der ersten Sekunde an morbide. Die zeitweise dramatisch eingesetzte Musik verstummt immer wieder für unheilschwanger ruhige Szenen komplett, zu hören sind lediglich die Klänge der Natur. Und zum Finale hin erinnert man sich anfänglicher Details wie beispielsweise der Uhren und lässt diese wild rattern. Die bereits erwähnte Kameraarbeit hat neben Raimis Shakycam manch weitere überraschende Perspektive und spannenden Schwenk zu bieten. Das ist allen spektakulären Splattereien zum Trotz sorgfältige Regie mit Liebe zum Detail, in den richtigen Momenten nahezu unaufgeregt und mit dem unbestechlichen Gefühl für Timing und Dosierung.

In seiner Reduzierung auf eine verhältnismäßig einfach gestrickte Story und hinter Ambiente, dem Okkulten und dem Stil inklusive seiner expliziten Eruptionen zurückstehenden Charakteren beweist „Tanz der Teufel“, dass Appelle an menschliche Urängste und ihre entsprechende Umsetzung für einen packenden Horrorfilm meist ausreichen, sofern man sein Handwerk beherrscht. Raimi bedient sich diverser Horror-Genre-Charakteristika inkl. einiger Klischees, setzt diese spektakulär neu zusammen und versieht den grimmigen Ton seines Films mit einem subtilen schwarzen Humor, an dem sich in der individuellen Auffassung die Geister scheiden. Das überzeichnete, comichaft Makabre gefährdet beim einen Zuschauer evtl. bereits den Gruselfaktor, während der andere fingernägelknabbernd auf dem Sofa kauert und eben jene offensive Lautmalerei als terrorähnlichen Wahnsinn empfindet. Tatsächlich schwächt die Unwahrscheinlichkeit und Selbstzweckheit des Films die diffuse Furcht vor fremden, dunklen Wäldern, einsamen Hütten und jahrhundertealtem, verborgenem Geheimwissen doch stark ab und nährt sich die aufwühlende Wirkung auf manch Zuschauer aus der speziellen Form klaustrophobischer Ausgeliefertheit, dem Zerbröckeln jeglichen Halts der Realität und dem derben, körperlichen Horror, der seinerzeit noch nicht alltäglicher Genre-Standard war. In Verbindung mit seinem für erfahrenere Zuschauer immer unschwerer zu erkennenden, dann und wann durchschimmernden Augenzwinkern dürfte insbesondere letztgenannter Punkt immensen Einfluss auf die Entwicklung des Horrorgenres in den 1980ern ausgeübt haben, der auch bis heute noch spürbar ist und gern zitiert wird.

Die Schlusspointe mit ihrer erneut rasanten Kamerafahrt suggeriert gar den Tod des charismatischsten Darstellers in einem ansonsten zugegebenermaßen eher austauschbaren Ensemble, dessen langes Überleben des Teufelstanzes jedoch entscheidend mit dazu beigetragen haben dürfte, dass er den Zuschauern nachhaltig im Gedächtnis blieb. Für Bruce Campbell war „Tanz der Teufel“ ein Karrieresprungbrett und er wurde zum gefragten Genre-Darsteller, auf ewig verbunden mit seiner Rolle als Ash, die er in beiden Fortsetzungen Raimis erneut verkörperte und ihr zusätzliches Profil verlieh.

Um es in nur einem Satz auf den Punkt zu bringen: „Tanz der Teufel“ ist zurecht eines der Aushängeschilder für ambitionierten Low-Budget-Horror.


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