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Ben X (2007)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 8 / 10)
eingetragen am 09.10.2009, seitdem 990 Mal gelesen



"Wie viele Gründe braucht ein Mensch um sich umzubringen?"

"Ben X" ist ein äußerst innovatives und mutiges Teenagerdrama um Themen, die den heutigen Zeitgeist auf den Nerv treffen.

Ben (Greg Timmermans) leidet unter der Andersartigkeit seines Seins durch Autismus. In der Schule steht er als Außenseiter da und wird regelmäßig von seinen Mitschülern Desmet (Maarten Claeyssens) und Bogaert (Titus De Voogdt) gepeinigt. Zuflucht findet er im Online-Rollenspiel "Archlord". Dort meistert er Aufgaben zu denen er im wahren Leben nicht in der Lage wäre. So kommuniziert er mit seiner Internetgefährtin Scarlite (Laura Verlinden) über seinen Alltag und pflegt eine innige Beziehung zu ihr. Als Ben die Tyrannei seiner Mitschüler zu viel wird und selbst seinen Zufluchtsort im Internet überschreitet, fasst er den Entschluss einen endgültigen Schlussstrich unter sein Leben zu ziehen.

Anspruchsvolle Themen hat sich Regisseur Nic Balthazar für sein Erstlingswerk ausgesucht. Anderssein und der Umgang der Gesellschaft mit Menschen, die eben anders sind, Mobbing in der Schule, Flucht in virtuelle Welten und Vergleiche zur realen bis hin zu den Gedanken und der Ausführung von Suizid sind in einer kalten Gesellschaft und hohem Leistungsdruck fest verankert.

In "Ben X" stellt sich titelgebende Hauptfigur den Gewalttätigkeiten der Mitschüler. Auslöser ist die durch Autismus ausgelöste veränderte Wahrnehmung die mit Minderwertigkeit gleich gesetzt ist. Wehrlos und alleine gibt Ben das optimale Ziel für die Aggression seiner Mitschüler her, der sich zunehmendst versucht der normalen Gesellschaft anzupassen. Wer anders ist, wird zum Opfer, weil er auffällt. Nicht auffallen, keine Schwäche zeigen, das sind die Verhaltensmaßregeln in einem kalten, menschenfeindlichen Alltag und Ben's Definition sowie Anklage an den Durchschnittsmenschen.
Die Darlegungen der Hauptfigur sind stets verständlich, da der Film nur in einem Ausnahmefall sein Umfeld verlässt. So bleibt selbst der Entschluss zum Tabuthema Suizid, mit welchem offen und vorurteilsfrei umgegangen wird, sowie Ben's Gedankenwelt stets nachvollziehbar.
Leider bleiben sämtliche andere Charaktere seltsam eindimensional, so dass außerhalb der eingestreuten Interviewsequenzen von Ben's Angehörigen und Lehrern nicht viel über ihre Gefühle oder ihre Motivationen offen gelegt wird.

Ausgesprochen anders ist auch die Präsentation des Dramas. Innovativstes Element sind Einblendungen aus dem Onlinespiel "Archlord“. In den Augenblicken, in denen Ben von seinen Mitschülern gepeinigt wird, wechselt das Bild häufig von der realen Person zum im Spiel erstellten Charakter. Es wird deutlich, dass Ben durch sein Alter Ego nicht nur die Kraft findet, um diese Momente durchzustehen, sondern dass das Spiel eine Lebenswelt ist, die für ihn ebenso echt ist wie die Realität.
Parallel vermischt "Ben X" virtuelle Welt mit realer, lässt Mauszeiger über das Bild wandern sowie Menüs anklicken und zieht Vergleiche zwischen beiden Welten. Beispielsweise in Form einer Werkzeug- / Waffenauswahl und der Beziehung zu Ben's Spielgefährtin, online wie offline. Dieser Stil ist gewöhnungsbedürftig und mangels Erklärungen für Nichtspieler teils unzugänglich.
Das deutet auf eine durchaus kritische Sicht auf die Welt der Computerspiele, die der Film zu Recht einnimmt. Gleichzeitig zeigt er aber, dass eine künstlich geschaffene Welt, wie auch andere Gegen- oder Fantasiewelten, Zuflucht sein kann, die einen Menschen überleben lässt, wenn die Wirklichkeit unerträglich wird. Dieser erfrischend klischeefreie, aber dennoch ehrliche Umgang mit dem Thema Computerspiele ist unüblich und als äußerst positiv anzusehen.

Von Vorteil ist auch Balthazar's selbst geschriebenes Buch "Nichts war alles, was er sagte", das ihn durch einen tatsächlichen Selbstmord eines Jugendlichen inspirierte. Ereignisreich ist die Umsetzung dessen im Leinwandformat. Wuchtig fällt der Soundtrack aus, der die zahlreichen emotionalen Momente des Films passend hervor hebt. Der Film hält den Spannungsbogen für den Zuschauer bis zum Schluss hoch, gespickt durch elegante Wendungen und einem eindrucksvollen Finale, das gleichzeitig Fragen offen lässt und den Zuschauer zu eigenen Überlegungen motivieren soll.

Bemerkenswert ist die schauspielerische Leistung von Darsteller Greg Timmermans. Er präsentiert eine Figur dessen bizarre Krankheit Autismus spür- und begreifbar ist und setzt den Zuschauer in ein Wechselbad der Gefühle zwischen Mitgefühl, heller Freude und tiefer Depression. Am Ende ist es ihm und seiner glaubwürdigen Darstellung zu verdanken, dass die Moral, Mut statt Selbstaufgabe, ankommt.

"Ben X“ ist ein bewegendes und aufwühlendes Außenseiterdrama. Es besticht durch ein hervorragend durchdachtes Drehbuch und eine innovative und intelligente Präsentation. Nic Balthazar hat mit diesem Film ernste und heutzutage sehr brisante Themen aufgegriffen, die einen gewissen Anspruch erfordern und den ein oder anderen Zuschauer abschrecken könnte. Dies gilt auch für die Mischbilder aus der Online-Welt sowie dem nicht völligst schlüssigem Ende. Wer sich darauf einlässt erhält eine wuchtige Charakterstudie, die einzig und allein auf die Hauptfigur ausgerichtet ist und Nebenfiguren außen vor lässt.

8 / 10


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