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Berlin Calling (2008)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 8 / 10)
eingetragen am 06.03.2014, seitdem 222 Mal gelesen



*** Die folgende Kritik enthält Spoiler über den Handlungsverlauf ***

Berlin Calling    Deutschland 2008

 In erster Linie geht es um den fiktiven DJ Ickarus (gespielt durch Paul Kalkbrenner) und seine Musik, die er präsentiert. Er umreist die Welt, bespielt das weltweite Publikum mit den eigens produzierten Techno-Platten. Immer dabei seine Managerin / Freundin Mathilde. Seine Arbeitszeit ist meistens nachts und DJ Ickarus ist kein Kostverächter. Er nimmt fast alles an stimulierenden Drogen, welche er so in die Finger bekommt. Bei einem Auftritt in seiner Berliner Heimat, bekommt er von seinem Bekannten und Dealer Erbse vermeintliche MDMA-Teile zugesteckt. Die entpuppen sich jedoch als ein Mischmasch aus verschiedenen Designer-Drogen. Doch es ist zu spät, Ickarus hat die Pillen bereits eingeschmissen. Die Wirkung dieser Substanzen lässt bei Ickarus eine Psychose ausbrechen. Er sieht Dinge, die nicht da sind, hört Sachen, die nicht vorhanden sind und ist psychisch dadurch schwer angeschlagen. Er wird in eine psychiatrische Einrichtung eingeliefert. Das Problem ist: das neue Album soll demnächst veröffentlicht werden.In der Klinik lernt Ickarus die üblichen Klapse-Insassen kennen. Sein Aufenthalt sei freiwillig, doch rät die behandelnde Ärztin zu einem Entzug, aufgrund der Mischintoxikation. Anfangs bleibt Ickarus in der Klinik, versucht dort Musik zu produzieren. Alsbald stiftet er aus der Klinik und beginnt wieder Drogen wie Ketamin oder Kokain bei Erbse zu nehmen. Als Konsequenz setzt Ickarus’ Label-Chefin die Veröffentlichung seines Albums unbefristet auf Eis. In einem Zustand unkontrollierter Wut demoliert Ickarus deren Büro. Er ist praktisch gefeuert. Mathilde schaut diesem Verlauf hilflos zu. In ihrer Not nimmt sie einen Job als Türsteher an und findet eine alte Freundin wieder, mit der sie auch ein sexuelles Verhältnis hat. Ickarus bleibt dies nicht verborgen. Es kommt zwischen Ickarus und Mathilde nun zum Eklat wegen versäumter Steuerzahlungen. Ickarus wird mit körperlicher Anwendung der Wohnung verwiesen. Die Chefärztin der Psychiatrie ordnet Ickarus’ Entlassung an, aufgrund wiederholter Verstöße gegen die Anstaltsordnung. Daraufhin manipuliert er einen wachhabenden Zivildienstleistenden sowie andere Patienten. Er bestellt mehrere Call-Girls, beschafft zudem Alkohol und Drogen. Er bricht außerdem den Medizinschrank der Pfleger auf. Daraus resultierend wird er von der offenen zur geschlossenen Abteilung überwiesen, da eine Selbst- oder Fremdgefährdung besteht. Trotz aller Vorfälle setzt sich Mathilde für Ickarus ein und fordert seine Entlassung und sein geplantes Album findet wieder Zuspruch seitens der Label-Verantwortlichen. Es findet auch eine Versöhnung mit Mathilde statt. Wieder zu Hause, ist er angewiesen die ihm verschriebenen Neuroleptika einzunehmen. Durch die stark sedierende Wirkung der Tabletten setzt er die Medikamente eigenhändig ab. Als sein Dealer-Freund Erbse mit einer Sex-Bekanntschaft in seiner Wohnung auftaucht, macht Ickarus kurzen Prozess und vernichtet die ihm angebotenen Betäubungsmittel. Fortan ist er wieder auf Festivals gebucht und spielt seinen Techno. Mathilde und Ickarus gehen wieder zusammen auf Reisen.

Das wäre die Handlung. Sie ist schnell zusammengefasst, wenig überraschend, nicht neu, aber nach wie vor aktuell. Es ist kaum ein Geheimnis, dass nicht wenige Clubgänger als Konsumenten von stimulierenden oder halluzinogenen Drogen auffallen. Auch so mancher DJ ist nicht frei von diesem Laster.  Bei vielen geht es gut, andere haben Pech. Es ist halt kein gesunder Lebensstil.

Die Geschichte des DJ Ickarus beschreibt uns also einen solchen Werdegang. Die psychosebedingten Wahnvorstellungen werden einigermaßen glaubhaft vermittelt. Paul Kalkbrenner als Nicht-Schauspieler vollbringt seine Aufgaben überraschend gut. Was die Schilderungen bezüglich des Psychiatrie-Aufenthaltes oder die Eskapaden mit dem Zivildienstleistenden in der Nachtschicht angeht, so nennen wir das mal freundlicherweise „künstlerische Freiheit“ oder mehrheitlich frei erfunden. Nichts von dem entspricht annähernd den Tatsachen. Da wurde die Unterhaltung des Zuschauers höher gewertet, anstatt ein relativ realitätsnahes Bild zu vermitteln. Schade! Für diesen Film und Plot wohl zu viel verlangt. Doch alles steht hinter der dargebotenen Musik zurück. Kein Zweifel.

„Berlin Calling“ lebt von anderen Sachen als einem lupenreinen Handlungsverlauf: den schön gefilmten Aufnahmen von Auftritten des Paul Kalkbrenner auf verschiedenen Festivals, im „Maria am Ostbahnhof“ oder der damals noch existenten  „Bar 25“. Hier kann Kalkbrenner aus sämtlichen Registern ziehen. Er hat Talent und das merkt man sofort. Er lässt die Puppen tanzen und zelebriert das Feiergefühl. Mir bereit das richtig Freude.

Ohnehin geht es bei „Berlin Calling“ mehr darum, dem Berliner Techno-Sound des ausgehenden 00er-Jahrzehnts zu huldigen und eindrucksvoll zu konservieren. Diese Jahre sind wohl manchem Zeitgenossen als exzessive, feiertüchtige Zeit in Erinnerung geblieben. Afterhour, sonntag morgens? Wer nicht seit dem Freitagabend mit dabei war, kroch spätestens dann aus seinem Loch. Das bringt der Film auf den Punkt, mit feiner Begleitmusik garniert.

Das verbindende Element ist das Feiern ohne Anlass, ohne Ziel, ohne irgendeine Vorgabe. Habe Spaß, sei glücklich, tanze ausgelassen. Feiern um des Feiern willens. Feier dich selbst und das sehr lange. Oft nicht nüchtern. Man muss es irgendwie mal miterlebt haben. Sonst ist „Berlin Calling“ ein Reinfall. Bei Abneigung gegenüber elektronischer Musik erst recht. In dem Falle, sollte man wohl eher einen Bogen um diesen Film machen.

Der Film lebt von der Musik und durch die Musik. Man hat sich mit der Story schon etwas gedacht. Sie passt zur Thematik, greift ein Problem auf (jedoch nicht ernsthaft) und lässt noch ein paar zwischenmenschliche Elemente einfließen. Was „Berlin Calling“ tatsächlich ausmacht, ist die eingefangene authentische Atmosphäre zerfeierter Nächte und ein Statement zu diesem Lebensstil: bis zu einem gewissen Grad und nicht weiter!

Äußerst subjektiv bewertet!

8/10


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