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Wrestler - Ruhm. Liebe. Schmerz., The (2008)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 8 / 10)
eingetragen am 17.03.2009, seitdem 510 Mal gelesen



Kunstfiguren und Voyeure – Aronofskys neues Werk „The Wrestler“

Kann sich noch einer an den Film „Barton Fink“ erinnern? Selbiger titelgebender Bühnendramatiker steht in dem Meisterwerk der Coen-Brüder vor der scheinbar schier unüberwindlichen Herausforderung ein Drehbuch für einen guten Film zu schreiben, in dem es um Wrestling gehen soll. Es geht natürlich schrecklich in die Hose. Dass es dennoch möglich ist einen anspruchsvollen Film über einen Wrestler zu drehen beweist nun Darren Aronofsky (Pi, Requiem for a Dream), dessen Film „The Wrestler“, anders als man dem Titel folgend unbedarft denken sollte, mit einem tumben Jean-Claude Van Damme-Film wenig gemein hat. Ähnlich wie Martin Scorsese mit „Raging Bull“ ein Psychogramm und soziales Portrait im Gewande eines Boxerfilms gedreht hat, in dem er in erster Linie Wert auf die Charakterzeichnung seines Protagonisten wert legt, stellt auch Aronofsky seine Figur in den Vordergrund.

Die Handlung lässt sich in wenigen Sätzen umreißen. Randy „The Ram“ Robinson (Mickey Rourke) hat die besten Zeiten als Wrestling-Star hinter sich: Finanziell hält er sich mehr schlecht als Recht über Wasser und seine Tochter Stephanie (Evan Rachel Wood) will nichts von ihm wissen. Während sich Randy an seine Vergangenheit als berühmter Wrestler in den 80er Jahren klammert, weiterhin auf kleinen drittklassigen Kampf-Events in Turnhallen auftritt und sich mit Steroiden seine hünenhafte Gestalt bewahrt, muss er erkennen, dass er völlig vereinsamt ist und sich seiner festgefahrenen Rolle nicht entziehen kann, in einer Gesellschaft, die keinen anderen Platz mehr für ihn zu haben scheint. Nur mit der Stripperin Cassidy (Marisa Tomei) verbindet ihn eine tiefere Freundschaft.??Schwere gesundheitliche Probleme und ein Herzanfall zwingen ihn sein Leben neu zu ordnen und das Wrestling aufzugeben, um nicht an einer erneuten Herzattacke zu sterben. Randy nimmt einen Job an der Fleischtheke in einem Kaufhaus an und bemüht sich nach langer Zeit wieder einen Draht zu seiner Tochter zu finden, doch er scheint aller Bemühungen zum Trotz unfähig die Vergangenheit hinter sich zu lassen.

Der Film legt großen Wert auf seine Figuren und ist daher sehr dialoglastig. Die Kamera unterstützt diesen Stil mit ihren ruhigen lang abgefilmten Sequenzen. Es werden zwar einige Kampfszenen gezeigt, diese stehen aber nicht im Vordergrund. Dem Titel zum Trotze ist „The Wrestler“ eher ein Arthouse-Film als leicht konsumierbare Konfektionsware. Die Wrestling-Szene wird eher kritisch, wenngleich nicht plakativ abwertend gezeigt. In einer absolut männlich-körperfixierten Szene erscheinen ihre Protagonisten wie Karikaturen, die sich weichere Züge konsequent versagen und sich damit selbst zu Grunde richten, körperlich wie psychisch. Und tatsächlich, dieser im Vergleich zum früheren gut aussehenden, schlaksigen Idol der 80er, mit seinen damals durchaus auch weicheren Zügen, monströs deformierte Mickey Rourke als Muskelprotz in den grünen Strumpfhosen kann einem Leid tun; er hat sich verrannt. Er hat sich selbst so limitiert auf die Rolle des testosterongeladenen Gladiator, dass er nichts mehr anderes tun kann als dem Publikum zu bieten, wofür er sich körperlich verschwenden muss. Der Deal ist, dass er alles auf sich nimmt, so lange das Publikum ihn sehen will, er leidet, ächzt und opfert sich auf. Eine Dynamik die im zynischen Starbusiness nicht neu ist. Der stellvertretend leidende und dadurch an Größe gewinnende Außenseiter ist schon seit Jesus Christus bekannt. Und das Publikum zahlt nur solange es serviert bekommt, wonach es ihm gelüstet, ansonsten lässt es seine Helden eiskalt fallen. Besonders deutlich wird dieses schwierige Verhältnis in einer Szene, in der eine Signier-Stunde mit alten Wrestling-Größen der 80er gezeigt wird. Die ehemaligen Kraftprotze und Hünen sind fast alle schwer körperlich beeinträchtigt und somit in einem Zustand, der sie für das ehemals zahlende Publikum völlig uninteressant macht und tatsächlich kommt fast niemand, obwohl 20 Jahre zuvor Tausende Zuschauer die Kämpfe gesehen haben, wie schon im Vorspann gezeigt wird.

Zuschauer sind gnadenlose Voyeure und auch darum geht es in „The Wrestler“. Dass Randy seiner von ihm kreierten Kunstfigur nicht entkommen kann, obgleich er weiß, dass er es müsste macht diesen Film zu einem eher nachdenklichen. Auch die Figur der Stripperin Cassidy leidet darunter eine Rolle spielen zu müssen, die sie nur schwer ablegen kann und die ebenfalls den Voyeurismus der Zuschauer bedient. Dieser Konflikt wird auch mehrmals anhand ihres Verhältnisses mit Randy thematisiert. Und auch die Tochter Randys scheint in einem Rollenkonflikt zu stecken. Sie gibt sich nach außen hin den Anstrich einer düsteren, leicht gothic angehauchten jungen Frau, die in einer lesbischen Beziehung lebt, die alles andere als konfliktfrei zu sein scheint. Ihre Begegnungen mit ihrem Vater lassen darauf schließen, dass die Verletzungen der Vergangenheit ihr Konzept der eigenen Persönlichkeit ebenso maßgeblich beeinflusst haben, wie es auch bei Randy und Cassidy ganz offensichtlich der Fall ist. Wie schwer es fällt alte Rollenmuster abzulegen, die vor dem erneuten Aufreißen innerer Wunden schützen sollen, das scheint das Hauptthema des Films zu sein, der seinen Figuren allem Voyeurismus zum Trotze nie die Würde nimmt, sondern den Zuschauer eher zum Nachdenken über die eigene Rolle als Zuschauer anregt.

Viel ist geschrieben worden und die Spatzen haben es schon vor dem Filmstart von den Dächern gepfiffen, das hier wird Mickey Rourkes großes Comeback. Fragt sich nur, ob dieses so lange anhalten wird wie das von Randy The Ram oder aktuell Micheal Jackson, oder ob Rourke diese zweite Chance die ihm zuteil wurde dauerhaft für sich nutzen kann. Hollywood ist gnadenlos und wenn sich zukünftig nicht genügend zahlende Voyeure finden, die sehen wollen, was von der einstigen Pracht eines Superstars geblieben ist – denn auch diese Motivation erklärt den Erfolg von „The Wrestler“ – dann ist es mit Rourke bald wieder aus und das letzte Aufbäumen Randy The Rams wäre mit dem Rourkes gleichzusetzen. Überhaupt fallen die Figur des Wrestlers und die Rourkes so stark zusammen, dass es schwer ist sie zu trennen; darin liegen die scheinbare Authentizität und das große Interesse am Film und an Rourke begründet. In jedem Fall ist „The Wrestler“ ein lupenreiner Schauspielerfilm, der mit seinen Darstellern steht und fällt. Rourke, der allen Eskapaden der vergangenen Jahre zum Trotz noch immer über das Talent verfügt, das ihn vor 20 Jahren bereits als einen der besten Schauspieler Hollywoods berühmt gemacht hat, hat seinen Job definitiv gut gemacht. Der Film ist nicht nur seiner Schauspieler wegen, sondern auch dank der Regieleistung Aronofskys zu empfehlen.

Das Urteil lautet wie folgt: 8 von 10 Punkten.


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