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Wrestler - Ruhm. Liebe. Schmerz., The (2008)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 9 / 10)
eingetragen am 30.12.2010, seitdem 818 Mal gelesen



Sieht man hoch gelobte Filme erst nach der Awardsaison, dann ist oft Skepsis angesagt, denn nicht jeder kann die Erwartungen erfüllen – „The Wrestler“ gehört zum Glück nicht in jene Sparte.
Randy ’The Ram’ Robinson (Mickey Rourke) heißt eigentlich Robin Ramzinski, hat seinen Namen aber abgelegt und geht voll in seiner Showidentität als Wrestler auf. Die brillante Creditsequenz zeichnet anhand von Zeitungsausschnitten und Einspielungen diverser Matchkommentare kurz die Karriere des ehemaligem Idols nach, im Anschluss sieht man den gealterten Wrestler lange Zeit nur von hinten während die Kamera ihm folgt. Die Stilmittel des Filmens aus der Nähe, der Handkamera und der Aufnahme von hinten setzt „The Wrestler“ häufig ein, um ganz intim und nah bei der Hauptfigur zu bleiben.
Dann enthüllt Darren Aronofsky Randy und zeigt ein wenig heroisches Bild auf: Die lange Mähne und die Sonnenbankbräune wirken gewollt jugendlich im Gegensatz zu dem von Narben und Falten gezeichneten Gesicht, der Wrestler trägt ein Hörgerät und hat Alterserscheinungen zu kämpfen – trotzdem steigt er immer wieder in Ring. Sein Körper ist Kapital und irgendwann zeigt Aronofsky die Routine mit Sonnenbank, Friseur und Fitnessstudio, die eben jenen Körper erhält, den Randy im Ring zur Schau stellen will.

Doch die Wrestlingeinnahmen reichen nicht, Randy muss zwischendurch im Supermarkt schuften. Als er der Stripperin Cassidy (Marisa Tomei) näher kommt und den Kontakt zu seiner ihm entfremdeten Tochter Stephanie (Evan Rachel Wood) sucht, bekommt sein Leben eine Bedeutung abseits des Wrestling – aber kann es komplett aufgeben…
Wollte man den Plot sezieren, es fiele bald auf, dass Aronofsky nichts wirklich Neues zu erzählen, dass sich das (bittere) Ende der Geschichte früh abzeichnet, doch das ist herzlich egal angesichts der Brillanz wie er ebenjene Geschichte erzählt. Sein Porträt einer gescheiterten Existenz ist intim, wirkt lebensnah und gibt seinen Protagonisten nie der Lächerlichkeit preis: Randy mag ein abgewrackter Typ, er mag teilweise absolut daneben aussehen, doch das sind eher traurige Aspekte einer Underdogexistenz, deren Lebensweg vom Scheinwerferlicht zum Wohnen im Trailerpark führte. All das wird vor allem dadurch kurzweilig, dass Aronofsky seinen Protagonisten nicht zum triefigen Selbstbemitleider erklärt, ganz im Gegenteil: Randy ist schon irgendwie glücklich, wobei es eben sein Problem ist, dass er sein Leben lange nicht verändern wollte, und selbst in Krisenzeiten bewahrt er Humor und Optimismus – gut zu sehen in den Szenen, in denen er an der Fleischtheke bedient und sich selbst dort noch als Entertainer sieht.
Feinfühlig beleuchtet Aronofskys Film die Beziehung Randys zu den beiden weiblichen Hauptfiguren des Films, gerade in Cassidy hat er eine Seelenverwandte. Bei stellen ihren Körper für ein zahlendes Publikum aus, beide haben gerade deshalb Probleme mit dem Altern, da ihr Körper eben ihr Kapital ist. Gemeinsam hängt man den alten Zeiten nach, denkt an die 80er als Rock noch Rock war, bevor Kurt Cobain kam – aus jener Ära stammt auch das NES-Wrestlingspiel, das Randy mit einem Jungen aus dem Trailerpark zockt, während der Junge ihm verständnislos einen von aktuellen Videogames vorquasselt.

Doch dieses Zwischenhoch, dass „The Wrestler“ beschreibt, hält nicht ewig an, der Film läuft auf eine Katastrophe aus – das absehbare Scheitern Randys hat etwas von einer griechischen Tragödie, wie dort handelt der Protagonist teilweise wider besseren Wissen, doch „The Wrestler“ verwehrt seinem Helden den Heroismus seiner Tragödienvorfahren, sein Opfer ist gewissermaßen sinnlos, wenn auch selbst gewählt. Wobei Aronofsky abblendet ehe das Schicksal Randys hundertprozentig geklärt ist, doch während der brillante, wunderschöne Titelsong Bruce Springsteens die Endcredits untermalt, kann sich jeder denken wie der Film für seine Titelfigur ausgegangen ist.
Die Wrestlingszenen des Films legen den Showcharakter des Pseudosports offen, sind jedoch von keinerlei hetzerischer Natur: Die Wrestler wählen die Tortur selbst, wollen ein gute (Stunt)Show abliefern, müssen aber auch mit den herben Folgen leben – schön zu sehen in der Szene, in der Randy und ein paar (zum Teil verkrüppelte) Kollegen in einer Turnhalle Autogramme an Fans (zum Teil wahre Vollhorste) verteilen. Die Schmerzen, Verletzungen und Blessuren Randys und einer Kollegen zeigt Aronofsky vor allem bei den dynamisch inszenierten Matches und häufig in schmerzhaft intensiver Nahaufnahme, wobei er sowohl falsches Mitleidheucheln und Verurteilen des Wrestling vermeidet.
Mickey Rourke hat ja schon in Werken wie „Sin City“ mit seinem Image und seinem Alter gespielt, aber hier fokussiert sich der Film auch fast vollkommen auf ihn und seine Figur, welche Rourke absolut phantastisch verkörpert, eine wahre Glanzleistung. Marisa Tomei ist durch die Bank weg toll und traut sich auch als Stripperin Haut zu zeigen, Evan Rachel Wood überzeugt meistens, nur ein etwas übertrieben gespielter Wutanfall wirkt unpassend und gekünstelt in dem sonst so lebensnahen und eingängigen Film.

„The Wrestler“ hat kleine Schönheitsfehler, aber das macht fast gar nichts: Eine so warmherzige und packende Studie eines vom Leben Gezeichneten gab es selten, meisterlich inszeniert und gespielt und noch dazu mit einem der besten Titelsongs überhaupt. Man darf zu Recht begeistert sein.


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