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Wrestler - Ruhm. Liebe. Schmerz., The (2008)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 9 / 10)
eingetragen am 12.01.2014, seitdem 294 Mal gelesen



„Die Welt da draußen ist der einzige Ort, wo ich verletzt werden könnte!“

Mit Filmen wie „Pi“ und „Requiem for a Dream“ empfahl sich der US-amerikanische Regisseur Darren Aronofsky als Ausnahmetalent. Nach seinem experimentellen „The Fountain“ kehrte er im Jahre 2008 mit „The Wrestler“ zurück zu einem realistischen Stil. Es handelt sich um ein biographisches Sportlerdrama, um das Porträt eines alterndes Wrestlers, der in den 1980ern ein Star war, aber den Anschluss an die Gegenwart verpasst hat.

Randy „The Ram“ Robinson (Mickey Rourke, „Angel Heart“) war in den 1980ern ein gefeierter Star des Profi-Wrestlings, sein Karrierehöhepunkt der Kampf gegen den „Ayatollah“ (Ernest Miller) 1989. Doch das ist lange her und viel geblieben ist ihm nicht. Er ist finanziell am Ende, verarmt und vereinsamt, jobbt aushilfsweise in einem Lager. Zu seiner einzigen Tochter (Evan Rachel Wood, „The Missing“) hat er keinerlei Kontakt. Er versucht weiterhin, vom alten Ruhm zu zehren, sich fit und muskulös zu halten und tritt unregelmäßig für Showkämpfe im kleineren Rahmen in den Ring. Privat sucht er die Nähe zur Nachtclub-Stripperin Cassidy (Marisa Tomei, „Die Wutprobe“), bis auf einige alte Kontakte aus der Wrestling-Szene pflegt er keine weiteren Freundschaften. Als er nach einem blutigen Hardcore-Match gegen den „Necro Butcher“ einen Herzanfall erleidet, wird er zum Umdenken gezwungen, versucht sich an einem bürgerlichen Leben und nimmt Kontakt zu seiner Tochter auf...

„Ich hasse die verfickten '90er!“

Wrestling genießt als Sportart nicht gerade den besten Ruf. Die Kämpfe seien reine Show, ihr Ausgang abgesprochen, zudem sportlich wenig wertvolles, prolliges Männlichkeitsgehabe, stumpfsinnig und brutal. Da ist sicherlich viel Wahres dran, übersehen wird dabei jedoch oft, dass ein wirklich guter Profi-Wrestler nicht nur ein guter Ringer, sondern auch ein Top-Athlet/-Akrobat, Entertainer und Schauspieler in Personalunion sein muss, und ob der heillos übertriebenen Image-Fixierung und Überzeichnung der fiktiven Charaktere zudem so etwas wie eine lebende Comicfigur. Das bringt eine Vielzahl von Problemen mit sich. Neben hartem Training in Bezug auf Kraft, Kondition und Athletik muss man viel für sein äußeres Erscheinungsbild tun. In einem Show-Sport, in dem Körper wie die von Comichelden verlangt werden, baute sich manch einer wahre Muskelberge auf, wie sie durch herkömmliches Training nicht zu erreichen sind. Steroid/Anabolika-Missbrauch formte unfassbare Körper, ruinierte aber die Gesundheit manch Wrestlers. Viele bekannte Namen aus der WWF/WWE, die man aus den '80ern und '90ern kennt, ließen in Folge dessen früh ihr Leben.

Was diesen Aspekt der Handlung betrifft, erscheint mir „The Wrestler“ also alles andere als unrealistisch. Randy kauft illegal Medikamente, Doping, Schmerzmittel... denn auch wenn vieles Show ist, kann Wrestling doch ein sehr schmerzhafter Sport sein – insbesondere, wenn man sich wie er Hardcore-Matches hingibt, in der man sich gegenseitig viele oberflächliche, möglichst stark blutende Verletzungen zufügt. Randy gibt Unsummen für diese Mittelchen aus, was natürlich negative Auswirkungen auf seine Gewinnspanne hat. Und wenn dann auch noch bei einer Autogrammstunde völlige Tristesse herrscht, ist das nicht nur frustrierend, sondern auch noch unrentabel. Nun kommt erschwerend hinzu, dass Randy nie wirklich etwas anderes gelernt hat, als zu wrestlen, nicht einmal, wie man mit einer Tochter umgeht und für sie da ist. Er hat sie jahrelang im Stich gelassen und wirkt im Umgang mit ihr völlig unbeholfen. Randy muss sich eingestehen, dass er keine große Nummer mehr ist, seinem Alter und angeschlagenen Gesundheitszustand Tribut zollen muss und nicht ewig von der Vergangenheit zehren kann, von deren Erfolgen er gern „seiner“ Stripperin berichtet und stolz seine Narben präsentiert. Die Annäherung zu seiner Tochter scheint indes zunächst zu glücken und seinen neuen Job hinter der Feinkosttheke im Supermarkt – bevor er sie betritt, hat er seine Ringeinlaufmusik im Kopf – scheint er mit Charme und Humor zu bewältigen. Doch ab einem gewissen Zeitpunkt hält er es dort nicht mehr aus und er muss einsehen, dass er nichts anderes kann, als zu wrestlen, dass er nicht lebensfähig in der grauen Realität außerhalb des bunten Wrestling-Zirkus ist.

„The Wrestler“ zeigt unverblümt die Absprachen der Wrestler untereinander vor den Kämpfen und beteiligt sich somit keinesfalls an der Legendenbildung vom im Ring erkämpften Siegen. Auch werden immer wieder explizite, derbe Ausschnitte aus Kämpfen – einer sogar in voller Länge – gezeigt, damit auch das bzgl. des Wrestling-Sports wenig Bescheid wissende Publikum unmissverständlich erfährt, worum es konkret geht. Der mit den Jahrzehnten nach den '80ern, in erster Linie natürlich mit sich selbst hadernde Randy, der immer noch gern Hardrock und Metal aus den glorreichen '80ern hört (Soundtrack-Höhepunkt: die Abrissbirne „Balls to the Wall“ der deutschen Schwermetaller ACCEPT), schlägt sämtliche Warnungen in den Wind, kann nicht aus seiner Haut und will es mit der Neuauflage des Kampfes gegen den Ayatollah noch einmal wissen. Dieser beschert ihm dann auch tatsächlich noch einmal einen Höhepunkt und eine volle Hütte – bedeutet jedoch voraussichtlich auch sein Ende.

„The Wrestler“ ist das Porträt eines gebrochenen Mannes, eines Mannes wie ein Bär, der doch so schwach und verletzlich ist, der in der Vergangenheit lebt und für den kein Platz mehr in der Gegenwart zu sein scheint. Mit etwas Abstraktionsvermögen ist diese zutiefst tragische Geschichte problemlos übertragbar auf andere Branchen, andere Bereiche, andere Menschen und Schicksale. Für Mickey Rourke wurde „The Wrestler“ zu seinem größten Erfolg seit langer Zeit. Man darf davon ausgehen, dass „The Wrestler“ auch für Rourke ein Stück weit autobiographisch ist; man erinnere sich an seine wechselhafte Karriere und seinen Ausflug in den Profi-Boxsport. Einfühlsam, ungeschönt und uneitel spielt er seine Rolle, schauspielerisch exzellent, authentisch, emotional (wehmütig, wütend, verbittert) und ebenso wandlungs- wie leidensfähig. Und damit steht er keinesfalls allein auf weiter Flur, hier wurden durch die Bank weg alle Rollen passend besetzt und mitreißend geschauspielert. Mit Ernest Miller und dem „Necro Butcher“ hat man echte Profi-Wrestler dabei und diverse Wrestling-Verbände unterstützten die Entstehung des Films.

Aronofsky ist „The Wrestler“ derart gut gelungen, dass er in der Lage ist, sein Publikum tief zu berühren, ihm Einblicke in den Wrestling-Sport und in die leidende Seele eines Muskelpakets zu gewähren und sich kritisch mit diesem Sport und seinen Akteuren auseinanderzusetzen, ohne ihn zu verteufeln oder sich über ihn lustig zu machen. Der Film wirkte lange in mir nach und tut es noch immer. Das etwas andere Sportdrama – und das von demjenigen, der einst „Pi“ machte. Auch wenn ich mir mehr Informationen zu „The Rams“ Karriereknick und Einblicke in die Mechanismen der großen Wrestling-Verbände gewünscht hätte – 8,5 von 10 Bodyslams hat es sich mindestens verdient.


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