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Vorleser, Der (2008)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 7 / 10)
eingetragen am 03.03.2009, seitdem 1023 Mal gelesen



David Kross spielt den Jura-Studenten Michael Berg, der Jahre zuvor als 15-jähriger mit einer rund 20 Jahre älteren Frau, Hannah Schmitz, gespielt von Kate Winslet, eine Affäre hatte, die ein plötzliches Ende fand, als die Bahnangestellte spurlos verschwand. Zusammen mit seinem Professor, gespielt von Bruno Ganz, wohnt er nun einem Prozess gegen mehrere SS-Mitarbeiterinnen bei, die in einer Kirche mehrere hundert Juden verbrennen ließen, wo er nun seine ehemalige Geliebte auf der Anklagebank vorfindet. Über die Jahrzehnte hinweg kommt Michael nicht über seine Beziehung und den Prozess hinweg, bis er, nun gespielt von Ralph Fiennes, schließlich die Nazi-Verbrecherin aus dem Gefängnis abholen soll.

Stephen Daldry hatte sein Talent als Regisseur bereits mehrfach unter Beweis stellen können, so war er für "The Hours" und "Billy Elliot" jeweils einmal für den Oscar nominiert, obwohl dies seine bisher einzigen Werke waren. Und mit "Der Vorleser" nahm sich Daldry einer echten Herausforderung an, einem Weltbestseller und einer beliebten Schullektüre, die die Aufarbeitung des Holocausts und der NS-Diktatur, sowie die psychischen Leiden des jungen Michael, der in seinem ganzen Leben wegen seiner Affäre mit Hannah Schmitz keine vernünftige Beziehung mehr führen kann, thematisiert.

Und bei der Charakterkonstruktion wird durchaus gute Arbeit geleistet. Der junge Michael Berg, der von der wesentlich älteren Hannah Schmitz ausgenutzt wird und erst vor Gericht schließlich von ihrer dunklen Vergangenheit erfährt, ist hervorragend konstruiert, seine seelischen Leiden werden nicht nur angedeutet, sondern explizit veranschaulicht und über weite Strecken mit dem nötigen Feingefühl vermittelt. Auch bei der Konstruktion von Hannah Schmitz, die eben nicht nur als brutale Nazi-Verbrecherin und eindimensionales Feindbild dargestellt wird, vernachlässigt der Film keine Facette, so wird die Täter-Opferrolle mehrfach verdreht und durchaus Mitleid mit der ehemaligen SS-Mitarbeiterin erweckt, die schließlich von ihren ehemaligen Kolleginnen vor Gericht ausgeliefert wird und das Unrecht, das ihr widerfährt nicht anprangert, da sie ihren Analphabetismus nicht preisgeben möchte. Hier überlässt Daldry, der sich zu keinem Zeitpunkt an eine Eigeninterpretation des Stoffs wagt, dem Zuschauer die Frage nach Hannahs Schuld genauso, wie die Frage, ob sie ihre Taten später ausreichend gesühnt hat. Der Verlauf des Verhältnisses zwischen Michael und Hannah, das keiner der beiden verdrängen kann, auch nicht, nachdem sich die beiden knappe zwei Dekaden lang nicht mehr gesehen haben, ist eng am Buch gehalten und wird ebenfalls authentisch, ohne den Eindruck zu hinterlassen, dass etwas Wichtiges fehlen würde, auf die Leinwand gebracht.

Inszenatorisch beweist Stephen Daldry ein bewundernswert hohes Maß an Konsequenz, ähnlich wie Gus Van Sant bei "Milk" oder Ron Howard bei "Frost/Nixon", die sich ebenfalls nicht zu Überdramatisierungen haben verleiten lassen. Um seinen hervorragenden Darstellern den nötigen Raum im Film einzugestehen und darüber hinaus eine triste Atmosphäre zu halten, verzichtet er über weite Strecken auf einen Score, überhaupt ist seine Umsetzung des Stoffs mehr als spartanisch. Das Erzähltempo hält er dabei enorm niedrig, es gibt immer wieder wortlose Passagen, die allein von den Darstellern gefüllt werden, womit er den Zuschauer förmlich dazu zwingt über das Gesehene nachzudenken und indem er seine Inszenierung so distanziert hält, dass keinerlei Identifikation mit einer der Figuren möglich ist, zwingt er dem Zuschauer dabei förmlich einen außenstehenden, objektiven Blickwinkel auf das Geschehen auf. Selbst bei den zahlreichen Sex-Szenen macht Daldry keinerlei Zugeständnisse ans Mainstream-Kino und lässt mit dem hervorragenden Schnitt und der distanzierten Kameraführung trotz überaus freizügiger Darstellungen keinen Hauch von Erotik aufkommen. Damit riskiert er einen etwas niedrigeren Unterhaltungswert, da sich vor allem die erste Hälfte des Films sehr zäh in die Länge zieht und damit auch einen möglichen finanziellen Flop, wird den eigenen Ansprüchen zumindest bei der anspruchsvollen Darstellung der Beziehung von Michael und Hannah aber voll und ganz gerecht. Unterhaltung kann sich dabei jedoch nur der erhoffen, der ständig hinterfragt, was er sieht, das Geschehen nicht hinnimmt, sondern nachvollzieht, denn von einem Unterhaltungsdrama könnte "Der Vorleser" kaum weiter entfernt sein.

Aber ein gewaltiger Fehler unterläuft Daldry dann doch. Die NS-Diktatur wurde filmisch bereits mit dutzenden Meisterwerken aufgearbeitet, so erschienen die Oscar-prämierten Holocaust-Dramen "Sophies Entscheidung", "Der Pianist", "Schindlers Liste" und zuletzt die österreichische Produktion "Die Fälscher", der zweite Weltkrieg wurde mit "Das Boot", "Der Soldat James Ryan", "Der Untergang" und "Die Brücke" fokussiert. Aber kaum ein Film beschäftigte sich ernsthaft mit der Zeit danach, mit dem totschweigen der Nazi-Verbrechen, den nachfolgenden Nürnberger Prozessen und der, erst nach und nach einsetzenden Vergangenheitsbewältigung, die bis in die 70er Jahre anhalten sollte und auch heute noch nicht gänzlich abgeschlossen ist. Und eben hier hatte "Der Vorleser" die Chance (In Anbetracht von Schlinks Vorlage kann man schon fast von der Pflicht sprechen) etwas ganz Neues zu liefern, am Beispiel von Michael den Prozess des Verstehens der unmenschlichen Nazi-Verbrechen festmachen können, aber hier bleibt es leider bei ein paar ambitionierten Versuchen. So sind die Gespräche zwischen den Jura-Studenten und dem Professor über die Nazi-Verbrechen und das Verfahren gegen eben jene Verbrecher hochinteressant und arbeiten die verschiedenen Standpunkte über die Verurteilung der Kriegsverbrecher hervorragend auf, aber es bleibt leider bei ein paar kurzen, die Problematik nur skizzierenden Dialogen und den ernüchternd düsteren Einstellungen, in denen Michael schließlich allein ein ehemaliges Konzentrationslager aufsucht, in dem er zumindest versucht zu verstehen, was Hannah und ihre gesamte Generation damals getan hat. Aber das ist einfach zu wenig.

Angesichts der spärlichen Inszenierung ergibt sich viel Raum im Film für die Darsteller, der durchaus geschlossen werden kann. Hier wäre an erster Stelle die gewohnt starke Kate Winslet zu nennen, die, wie in "Titanic", "Iris", "Little Children", "Zeiten des Aufruhrs" und "Wenn Träume fliegen lernen" einmal mehr ihr großartiges Talent und ihre Vorliebe für besonders tragische, komplexe Rollen und Charaktere offenbart. Als Hannah Schmitz ist sie in der ersten Filmhälfte sehr distanziert und suspekt, in der zweiten Filmhälfte, in der sie schließlich vor Gericht zur Verantwortung gezogen wird und auf keinen Fall ihren Analphabetismus gestehen will, wirkt sie dann unglaublich zerbrechlich, ohne mit übertriebenen Gefühlsregungen an das Mitgefühl des Zuschauers zu appellieren. Der Oscar, der im Grunde schon seit Jahren überfällig war, ist also rundum verdient. David Kross, der seit "Krabat" und "Der Vorleser" als eines der größten deutschen Nachwuchstalente gehandelt wird, zeigt eine grundsolide Leistung und bringt die Unsicherheit, die er in Hannahs Nähe verspürt gelungen auf die Leinwand und bleibt distanziert genug, um die Identifikation des Zuschauers zu verhindern, wobei seine Leistung neben der überragenden Kate Winslet sehr schnell relativiert wird. Ralph Fiennes, der noch trister, noch verschlossener, noch reservierter spielt als Kross, vollbringt ebenfalls eine gute Leistung und unterstützt den deutschen Nachwuchsdarsteller dabei durchaus bei der Darstellung der komplexen Figur. Der übrige Cast ist gut besetzt, vor allem Bruno Ganz nutzt dabei die Chance, sich auf internationaler Bühne zu empfehlen.

Fazit:
Die Beziehung der 36-jährigen, ehemaligen Nazi-Verbrecherin Hannah Schmitz mit dem gerade einmal 15-jährigen Michael und die seelischen Leiden, die der spätere Anwalt ein lang davonträgt, werden hervorragend dargestellt und von den starken Darstellern, allen voran Kate Winslet, gelungen auf die Leinwand gebracht. Als Aufarbeitung des Holocausts scheitert der Film dann jedoch und wird der Thematik in dieser Hinsicht nicht gerecht, auch wenn zumindest Ansätze vorhanden sind. Alles in allem ist das kühle, distanzierte und fordernde Drama vor allem für anspruchsvollere Zuschauer zu empfehlen, schafft den Sprung zum Meisterwerk jedoch nicht.

69%


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