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Vorleser, Der (2008)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 9 / 10)
eingetragen am 06.09.2009, seitdem 1042 Mal gelesen



Ich muss sensiblen Menschen empfehlen, den Film ohne weitere vorherige Kenntnisse zu gucken, weshalb ich hier eine

*** SPOILER WARNUNG ***

anbringen möchte.

Vorlage

Bestseller, deutsche Vorzeigeliteratur, inzwischen ein Standardbuch im Leistungskurs Deutsch, weil es ja - ach so interessant - um Sex geht. UND um Nazis. UND um die Frage nach der eigenen Verantwortung und die Diskrepanz zwischen Moral und Recht. Aber auch weil es von einem deutschen Professor f√ľr "√Ėffentliches Recht und Rechtsphilosophie" geschrieben wurde. Und nicht zuletzt, weil Oprah Winfrey es in ihrem "Book Club" besprochen hat.

Das geht einem sensiblen Jungen schon nah, wenn eine √§ltere Frau ihn in der Badewanne abschrubbelt und danach hemmungslosen Sex mit ihm hat. Besonders, wenn der Junge erst 15 und sie fr√ľher eine strenge Aufseherin war, die ihn manipuliert, mit ihm spielt, ihn emotional in einem K√§fig h√§lt. Oder ist sie doch sensibel, handelt sie aus Angst, ist sie das verletzte Tier ohne Ausweg?

Die Verfilmung weicht nur an wenigen Stellen von der Vorlage ab. Vieles von der Komplexit√§t wird notgedrungen zur√ľckgefahren oder angedeutet. Die Doppeldeutigkeit der Ich-Erz√§hlung etwa, in der Hanna nur gefiltert aus der Sicht Michaels beschrieben wird, f√§llt im Film weg. Auch die Akribie des Schreibstils erkennt man in den Bildern nicht wieder. Aber die Deutungsm√∂glichkeiten bleiben ebenso offen, die N√§he zu den Figuren ist geradezu erdr√ľckend.

Akteure

Der j√ľngere Michael ist in der Tat bezaubernd. Etwas trottelig und naiv, gebildet und sensibel, nachdenklich und gutherzig. Zum Gl√ľck wurde der Schauspieler f√ľr den zweiten Teil (im Studium) beibehalten. Dass er einem fehlt - genauso wie die j√ľngere Kate Winslet - wird eigentlich erst klar, als die R√ľckblenden kurz vor Schluss enden. David Kross, der mir schon als Krabat gut gefiel, passt mit seinem ganzen unverbrauchten Charme in die Rolle des verf√ľhrten Jungen. Sein deutscher Akzent, der von Kate Winslet teilweise imitiert wird, k√∂nnte nicht besser passen.

Ich hätte den älteren Juristen nicht mit Ralph Fiennes ("Lord Voldemort") besetzt. Aber seit er in Schindlers Liste den SS-Offizier gegeben hat, sehen die Amerikaner in ihm wohl mehr den typischen Deutschen, als ich das nachvollziehen kann. Er hatte auch schon in Der englische Patient mit einem der Produzenten, Anthony Minghella, zusammengearbeitet.

Kate Winslet war allerdings die Wunschbesetzung des Regisseurs. Sie erhielt daf√ľr den Oscar. Als KZ-Aufseherin h√§tte sie sich wohl keiner vorstellen k√∂nnen - nach dem Film fragt man sich, wer das sonst h√§tte besser verk√∂rpern k√∂nnen. Ungenierte, nat√ľrliche Nacktszenen, seitenlange Gef√ľhle, die man hinter ihren Augen ablaufen sieht, H√§rte, Naivit√§t, Verwirrtheit, wer sonst kann das alles gleichzeitig spielen?

Ebenso ist Stephen Daldry (Billy Elliot) der perfekte Regisseur f√ľr so einen Herzzerrei√üer. Ja, er ist schwul, aber er ist auch verheiratet und hat eine Tochter, und es macht ihm alles nichts aus, dar√ľber zu sprechen. Ebenso wie Marco Kreuzpaintner oder Roland Emmerich wird er dadurch nicht zu einem besseren Regisseur, aber er wirkt glaubhafter und das macht es leichter, seine Interpretation des Vorlesers zu akzeptieren.

Filmkunst

Warum der Film in englischer Sprache, aber mit so vielen deutschen Schauspielern gedreht wurde, ist anfangs verwirrend. Die Amerikanerin Kate Winslet kann man ja noch verstehen als Publicity und Publikumsmagnet. Aber der deutsche Akzent passt perfekt, wird doch in Deutschland gedreht, ist doch das Buch gerade wegen seiner deutschen Herkunft so bekannt, und wird so auch eine Distanz geschaffen, die beispielsweise Operation Walk√ľre durch die amerikanisch-gepr√§gte Crew abgeht.

Wirtschaftlich erlangte der Film - insbesondere in den Staaten - nicht den gleichen Erfolg wie das Buch. Nicht zuletzt aufgrund der vernichtenden Kritik der j√ľdischen Nachkriegsgeneration. Ein "Hineindenken" in das Verhalten eines KZ-Aufsehers gehe ja nun mal gar nicht. Der Vergleich zu einem Henker oder einem Soldaten, deren Jobbeschreibung kaum moralischer ausf√§llt, wurde abgelehnt. Die ausgepr√§gte Nacktheit d√ľrfte auch eine Rolle spielen, obwohl das Buch noch erotischer war.

Die Szenen, die in der Gegenwart spielen, gefallen mir gar nicht. Ein Typ, der irgendwo rumhockt, und vor sich hin siniert - aber ohne Bezug zu den R√ľckblenden. Ein Mann, der sich mit seiner Tochter unterh√§lt - aber eben nicht √ľber die Vergangenheit. Ein Erz√§hler, der es 20 Jahre lang nicht schafft, seine gro√üe Liebe zu kontaktieren (anders als in der √§hnlich gelagerten Geschichte "The Lady with the Dog", die mehrmals zitiert wird), das wird im Buch wenigstens begr√ľndet. In dieser Zeitebene passiert nichts, und so h√§tte man sie auch weglassen k√∂nnen.

Schlie√ülich, das Umdenken von Hanna, nachdem sie sich selbst das Lesen beigebracht hat, ihr zunehmendes Schuldbewusstsein, der Grund f√ľr ihre auch √§u√üerliche Ver√§nderung, das alles kommt im Film nicht heraus. Ihr Selbstmord, der die meisten Fragen aufwirft, ist nur eine Randnotiz.

Daf√ľr entlohnt am Ende das Treffen mit der j√ľdischen √úberlebenden durch ein konsequent aufrichtiges Gespr√§ch, durch ein √ľbergreifendes Verst√§ndnis, durch einen runden Abschluss.

Aber das sind Details. Nur im Vergleich zum Buch f√§llt er ab, als Film gibt es keinen Grund, ihm nicht 9 Punkte zu geben. Es ist ein Ansatz, die Menschen damals und einen Teil unserer Geschichte emotional zu begreifen, nicht zu verteidigen. Gef√ľhlskino f√ľr neugierige und sensible Naturen.


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