Ansicht eines Reviews

Australia (2008)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 8 / 10)
eingetragen am 03.01.2009, seitdem 918 Mal gelesen



130 Mio. Dollar hat dieser opulente Bilderbogen gekostet und wer Baz Luhrmann kennt, wird sich vor Filmgenuss - ja, Genuss trifft es wirklich - fragen, ob er wieder mit diesen hektisch-überdrehten Szenenwechseln jene unfreiwillige Komik hervorruft, die anscheinend seit William Shakespeares Romeo & Julia ein Mitbringsel seiner Interpretation eines postmodernen Films ist. Man erzählt eine Geschichte aus vergangener Zeit mit modernen Mitteln, das machen viele. Man scheitert daran, das ist leider auch sehr verbreitet. So bringt Australia in den ersten etwa 20 Minuten jenes Bauchklatscher-Potenzial mit, was man von einem Regisseur erwarten konnte, der mit Moulin Rouge eine einzige riesige Stilorgie feierte, die glücklicherweise irgendwie zu dessen Show-Inhalt passte wie Nicole Kidman ins Korsett.

Wie Australia eröffnet wird, ist einem bildgewaltigen Epos, als das der Film angepriesen wird, schlicht nicht würdig. Ein Aborigine-Halbblut erzählt von der biestigen englischen Lady Ashley (Nicole Kidman), die zu ihrem Mann, einem Viehzüchter, in den australischen Norden reisen soll. Zunächst unentschlossen, wo man dabei mit der Erzählung beginnen soll (in Australien oder England?), entschließt man sich endlich, kurz zu zeigen, was sie in England treibt, bevor sie schließlich gefühlte fünf Filmminuten mit ihrer Reise ins Land der Kängurus verbringt. Inklusive Indiana Jones-Globuskarte im Hintergrund versteht sich. Ihr werden groteske Züge zuteil, wenn sie tussig stolziert oder in schnell geschnittenen Dialogen nörgelt. Zu diesem Zeitpunkt sind dann besagte 20 Filmminuten vergangen und man wünscht Baz Luhrmann sowohl als Regisseur wie als Co-Autoren für diese verquaste Einführung in die Hölle.

Doch dann beginnt der wahrhaftig narrative Teil. Nachdem schon Hugh Jackman als Viehtreiber mit Namen Drover mit einer Detailaufnahme seiner Augen bei einer Kneipenschlägerei eingeführt wurde und in seiner Aufmachung ohnehin wie das knopfäugige Pendant zu Clint Eastwoods Figur in Für eine Handvoll Dollar wirkt, entwickelt sich langsam der Aussie-Western. Blutige Schießereien und Duelle mit Colts wird man lange Zeit vergeblich suchen, bis man sich damit anfreunden kann, dass es um Viehtrieb, die Gefahren der australischen Outbacks, Sabotage durch den zuvor von eigener Hand entlassenen Schergen (David Wenham) eines konkurrierenden Viehzüchters und - auf einer weiteren Inhaltsebene - Rassismus in der australischen Gesellschaft Ende der 30er und Anfang der 40er Jahre geht. Ein kindliches Aborigine-Halbblut, welches als Off-Kommentator des Films fungiert und gleichsam die Bekanntschaft mit Lady Ashley und Drover schloss, erlebt dabei die Verfolgung durch die australischen Behörden am eigenen Leib, da es „sozialisiert" und von den „Wilden" weggebracht werden soll. Der einzige Grund, warum dies nie gelingt, ist nur einer: die Magie seines Großvaters, der ihn in selbiger unterrichtet.

Wahrhaft magisch ist auch jene zunächst seltsamerweise an 300 erinnernde, enorm mitreißende Szenenfolge, in welcher das junge Aborigine-Halbblut eine ganze Horde von Rindern vor dem Sturz in einen tiefen Abgrund bewahrt, nachdem ein Sabotage-Feuer sie aufbrachte. Luhrmann kleckerte dabei nicht mit durchaus ansprechenden CGI-Effekten, sondern klotzte. Auch und besonders was den zweiten Teil des Films angeht. Nachdem das Vieh verschifft und Lady Ashley gewonnen und mit Drover angebändelt hat, folgt im zweiten Teil des Films der Angriff der Japaner auf Nordaustralien; genauer: Darwin. Die CGI-Maschinerie läuft wieder auf Hochtouren, die Pyrotechniker durften sich auch austoben und es ist zunächst fraglich, ob sich angesichts all der Leichenberge und den Wirren des Zweiten Weltkriegs, der nun auch Australien erreicht hat, die Patchwork-Familie aus Halb-Aborigine, englischer Upperclass-Dame und australischem Cowboy wiedersieht. Australia offenbart dabei seine ganze emotionale Wucht, die dem vorhergegangenen furiosen Bildersturm aus beeindruckenden Panorama-Landschaftsaufnahmen voll natürlicher und düsteren Kriegsbilder voll - zum Teil - künstlicher CGI-Schönheit nicht weicht, sondern nur allzu passend neben ihm steht.

Und so bleibt am Ende nur der Dank an Baz Luhrmann, dass er trotz all der unfreiwillig komischen oder referenziellen Untiefen, trotz seines plötzlichen Umschwungs von Westernromanze auf Weltkriegs- und Rassismusdrama ein bildstarkes Epos mit liebenswert gezeichneten, manchmal gar schrullig gezeichneten Figuren geschaffen hat. Das ist zwar nie wirklich perfekt, muss es aber auch nicht, weil die öfter vorgetragene Botschaft, dass der Ist-Zustand nicht der Bleibt-so-Zustand sein muss, auch auf den Film Australia angewandt werden kann: Ein Rohdiamant kann auch noch geschliffen werden und man freut sich schon auf Luhrmanns nächste eigenwillige Geschichtsstunde (8/10).       


Surprise me!
"Surprise me!" BETA
Lassen Sie sich überraschen! Wir führen Sie zu einem zufälligen Treffer zu einem Thema Ihrer Wahl... Wollen Sie eine andere Kritik von "filmimperator" lesen? Oder ein anderes Review zu "Australia (2008)"?


Zur Übersichtsseite des Films
Liste aller lokalen Reviews von filmimperator

Zurück


Copyright © 1999-2018 OFDb.de - Die Online-Filmdatenbank
Alle Rechte vorbehalten.
Nutzungsbedingungen · Werben · Impressum
Hosted by Net-Build



Quicksearch






User-Center

Benutzername: 
Paßwort:
Login nur für diese Sitzung:

·

248 Besucher online


SSL  SSL-gesicherte
Verbindung aktiv


Abonnement


Abonnement - Bitte erst anmelden
Melden Sie sich bitte an, um Abonnements vornehmen zu können



Neue Reviews


Sieben Pranken des Satans, Die (1971)
Hell House LLC (2015)
Bushwick (2017)
Lady Bird (2017)
Lady Bird (2017)



News


Unser News-Bereich wurde überarbeitet und wird in Kürze weiter ausgebaut werden, damit Sie stets aktuell über alle Neuigkeiten rund um die Welt des Films informiert sind.

» Zum neuen News-Bereich