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Haus der Peitschen, Das (1974)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 7 / 10)
eingetragen am 09.09.2017, seitdem 156 Mal gelesen



Nur eine weitere Glaskugelbeobachtung von geschändeten Frauen in kargen Gefängnissen? 1974, In der Blütezeit des WIP-Films, dieses meist als Exploitation aufbereiteten Themenkomplexes, steht man mit derartigen Stoffen immer unter Generalverdacht – erst recht, wenn man seinen Film mit einem reißerischen Titel wie „House Of Whipcord“ tauft, der ja praktisch ein Fließband sadomasochistischer Praktiken verspricht und eine nicht enden wollende, orgiastische Abfolge von sleazigen Momenten der Erniedrigung und des Voyeurismus.

Gegenüber den meisten Regeln des Spiels verhält sich Pete Walker sogar konform, grundsätzlich ist das gesamte Handlungsgerüst auf den Eckpfeilern des Bahnhofskinos erbaut: Ein junges, naives, attraktives Ding, das (unter Vorgabe falscher Tatsachen) sogar freiwillig seinen Gang in die Unterdrückung antritt (selbst bis hinein in den allerletzten Raum des alten Gebäudes mit dicken Mauern, wenig Fenstern und schweren Türen), eine im englischen Nirgendwo mit London am fernen Horizont versteckte Hofanlage, das „Gefängnis“ zwar nicht warnend auf dem Namensschild stehen hat, aber doch über jeden Mauerstein verströmt. Dazu weibliche Aufseherinnen überreifen Alters in grauer Tracht, das Haar streng zu einem Dutt zurückgebunden. Ihr liebstes Werkzeug die Peitsche, ihr höchstes Anliegen die Züchtigung. Männer, sofern sie überhaupt auftreten, sind innerhalb dieser Grenzen nur Helfer des Bösen und Entmachtete; es geht wie so oft darum, einen Mikrokosmos mit rein matriarchalen Strukturen unter dem Mikroskop zu beobachten, zur Freude des (meist männlichen) Publikums.

Die Demontage dieses lustvollen Spiels erfolgt sublim. Schon die mehrdeutige Texttafel, mit der Walker seinen Film eröffnet, lässt stutzen: Eine Widmung erfolgt in Richtung der Konservativen, die sich durch das Leichtlebige der modernen Jugend und vor allem dessen gesellschaftliche Akzeptanz in ihrem eigenen Dasein eingeschränkt fühlen. In ihrer allgemein sehr kontrollierten Lebensweise spüren sie auf einmal soziale Fesseln, werden ihrerseits im realen Leben bildlich gesprochen auf engerem Raum eingesperrt – so ist es nur logisch, dass ihnen als Kompensation eine Gefängnis-Fiktion angeboten wird, in der sich diese Verhältnisse wieder zugunsten von Recht und Ordnung drehen.

Seinen offensichtlich ironischen Twist bekommt die Texttafel schon daher, dass es ausgerechnet die Werkzeuge der Exploitation sind, mit denen der Regisseur die Gelüste der Konservativen zu stillen gedenkt, jener Art filmischen Schaffens, die mehr als jede andere das Kontrolllose verkörpert. Obgleich sich „House Of Whipcord“ in letzter Instanz klar von den Sex- und Gewaltorgien distanziert, mit denen seine Kollegen zur gleichen Zeit erfolgreich waren, lösen die nüchternen Begegnungen zwischen den weiblichen Insassen und ihren ebenso weiblichen Wärterinnen unweigerlich Andeutungen lesbischer Zwangsverhältnisse aus. Nacktszenen hat Hauptdarstellerin Penny Irving ein paar zu absolvieren, zum völlig asexuellen Auftreten der dunklen Eminenzen ergeben sie einen reizvollen Kontrast, wenngleich die Inszenierung nie schäbig wird, sondern stets darauf bedacht ist, eine gewisse Klasse und vor allem Sorgfalt zu bewahren. Die rein funktionalen, schmucklosen Zellen und Räume hegen Versprechen von geheimen Gelüsten nach deutlicher Rechtsprechung hausgemachten Ursprungs; ein Galgen wird in Anlehnung an viele Western (wie „Ox-Bow Incident“, 1943) als omnipräsentes Ende aller Tage inszeniert und legt sich neckisch durch perspektivische Kamera-Spielereien schon um Hälse, bevor er überhaupt zum Einsatz kommt, während die Peitsche als ihr grimmiger Vorbote auch in Aktion zu sehen oder wenigstens zu hören ist. Auch die Lust am Tod und Verstümmeln spielt also eine gewichtige Rolle, ist sogar eng mit den erotischen Subtexten verzahnt.

Die Erwartungen bricht Walker dann mit seiner ruhigen, maßvollen Inszenierung, die gleichermaßen das konservative Publikum und die typischen Exploitation-Besucher, im Geheimen wohl oft ein und dieselbe Gruppe, vor den Kopf stößt. Als das französische Model, sich arglos mit niedlichem französischen Akzent verständigend, in einer Art Gerichtssaal zu verantworten hat und unverhofft Befehle befolgen muss, stehen sogar klare Bezüge zu Kafkas „Der Prozess“ im Raum. Während bei Kafka Leser und Protagonist im Dienste des Surrealismus von der zur Einheit fusionierten Gewaltenteilung völlig aus der Bahn geworfen werden, steht hier zwar dem wahren Surrealismus ein begründetes Motiv sowohl der Täter als auch des Opfers im Weg, sich entsprechend zu verhalten. Das fehlende Schuldbewusstsein der Gefangenen kombiniert mit der bis in die 40er Jahre zurückreichenden Vernarbung der gegerbten Aufseherinnen führt jedoch in eine vergleichbar unwirkliche Situation wie in Kafkas Erzählung, zumal die karg gefilmte, von düsterem Holz dominierte und asymmetrisch aufgeteilte Ausstattung auch noch an Orson Welles' Verfilmung von 1962 erinnert.

Daraufhin beginnt Walker damit, jedem der aufgefahrenen WIP-Bestandteile Substanz einzuimpfen. Das von Barbara Markham, Sheila Keith und Dorothy Gordon treffgenau verkörperte Triptychon der Herrschaft trägt die Maske des Strengen und geht soweit noch mit der Domina-Zeichnung mit, die eine „Ilsa“ zur gleichen Zeit ins Ikonische zu übersetzen begann, doch das Roboterhafte, völlig Emotionslose legen sie schon ab, wenn man sie zum zweiten Mal im Umgang mit den Gefangenen beobachtet. Deren Klageschreie stecken sie nicht ohne Weiteres weg, auf potenzielle Gefahren von außen reagieren sie unvorsichtig, von ihrer offenbar traurigen Vergangenheit lassen sie sich regelmäßig vereinnahmen. Sein Meisterstück vollbringt der Regisseur dann bei der Darstellung ihrer Kommunikation mit einem alten, senilen Richter, der pro forma die Urteile verhängt. Nichts anderes als den Kontrollverlust der Judikative gegenüber der Exekutive bebildert er hier und verleitete die zeitgenössische Kritik somit dazu, eifrig Bezüge zur damaligen Politik zu ziehen.

Die Außenwelt jedoch rund um London, sie ist im Grunde nicht weniger trübe und obskur gezeichnet als die Eingeweide der Anstalt. Die verwaschenen Blur-Effekte englischen Regens begleiten die an spätere Slasher-Streifen erinnernde Prologsequenz, die erzählerisch modern den späteren Ausgang bereits vorwegnimmt. Ein paar Pilz- und Mattenköpfe später hat man den Eindruck einer zwiegespaltenen „British Society“ gewonnen, die einerseits den Aufstand späten Rock'n'Rolls erprobt, andererseits im Trübsal versinkt und nur mit sich selbst beschäftigt ist. Ausgerechnet in einem Lastwagenfahrer, der Hitcher/Slasher-Klischeefigur in persona, findet der Film eine Gegenströmung zur deklarierten Trostlosigkeit.

Mit Zuschnappen der mechanischen Klammer des Erzählbogens, der am Ende dann doch noch seine Thriller-Eigenschaften präsentiert, verliert Walker vielleicht ein wenig die dramatische Substanz, die er im Mittelteil so sorgsam aufbaute. Mit Sicherheit sind auch einige der verwendeten Gleichnisse zu offensichtlich, um als tiefsinnige Metaphorik betrachtet zu werden (Mark E. Desade, die Blindheit der Justiz...), wobei jedoch nicht vergessen werden darf, dass es sich bei „House Of Whipcord“ nicht um Arthaus handelt, sondern schlicht die Antwort auf eine Nachfrage nach exploitativen Kinostoffen. Dass es Sittenwächtern wie Sensationstouristen gleichermaßen einen Spiegel vorzuhalten weiß, stellt ihn allerdings doch wieder auf eine besondere Stufe. Nein, dies ist definitiv kein gewöhnlicher WIP-Film.


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