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Auf verlorenem Posten (1973)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 9 / 10)
eingetragen am 25.02.2014, seitdem 456 Mal gelesen



Enrico Maria Salerno, Held des Polizeifilms

Sobald vom Polizieschi der 70er Jahre die Rede ist, wird reflexartig der Name Maurizio Merli genannt, als prototypischer Darsteller des eisenharten Strafverfolgers, der die Verbrecher mit deren eigenen Methoden bekämpfte und auch vor Selbstjustiz nicht zurückschreckte. Auch Tomas Milian und Franco Nero kommen noch zur Sprache, die jeweils den Ermittler in den frühen Genre-Beiträgen "Milano a Banditi" (1968) und "Un detective" (1969) spielten, sich während der Hochphase in den 70er Jahren aber ähnlich wie Henry Silva auf unterschiedlichen Seiten verdingten, etwa als Gesetzloser (Milian in "Roma a mano armata" (Die Viper, 1976)) oder als Bürger (Nero in "Il cittadino si ribella" (Ein Mann schägt zurück, 1974).

Selten Erwähnung finden hingegen die drei Darsteller, die das Polizieschi Genre in den ersten Jahren maßgeblich beeinflussten und einem Maurizio Merli, der 1975 in "Roma violenta" (Verdammte heilige Stadt) zum ersten Mal als Commissario auftrat, den Weg bereiteten: Luc Merenda ("Milano trema: la polizia vuole giustizia" 1973), Claudio Cassinelli ("La polizia chiede aiuto" (Der Tod trägt schwarzes Leder, 1974) und - an erster Stelle zu nennen - Enrico Maria Salerno der von 1972 bis 1975 in sieben Filmen des Genres als führender Ermittler auftrat und in zwei weiteren Polizeifilmen Nebenrollen spielte. Ein Pensum, für das Maurizio Merli sechs Jahre von 1975 bis 1980 benötigte. Im Gegensatz zu den von Merli und Luc Merenda verkörperten aktionistischen "Law and Order" -Typen und dem intellektuellen Cassinelli, vertrat Salerno (Jahrgang 1926) die Generation des erfahrenen Polizeioffiziers und übernahm damit eine wichtige Funktion hinsichtlich der Akzeptanz eines Genres, dessen Wurzeln im Italo-Western und Giallo, aber auch im politischen Film zu finden sind.

Die Parallelen in der gesellschaftskritischen Relevanz zwischen Damiano Damianis "Confessione di un commissario di polizia al procutatore della reppublica" (Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauerte, 1971) und Salernos erstem Auftritt als Commissario in "La polizia ringrazia" (Das Syndikat, 1972) sind ebenso offensichtlich, wie die Seriosität der Ermittler. Enrico Maria Salerno gelang es, Zuverlässigkeit und Anstand inmitten einer Gesellschaft auszustrahlen, die zwischen Protesten, Streiks, einer steigenden Kriminalitätsrate und mächtigen Verbrecherbossen aus den Fugen zu geraten drohte. Die Wahl der polizeilichen Mittel war entsprechend das zentrale Thema in "La polizia ringrazia" und blieb es auch in Salernos folgenden Filmen "La polizia sta a guardare" (Der unerbittliche Vollstrecker, 1973) und "La polizia è al servizio del cittadino?" (Auf verlorenem Posten, 1973). Der ebenfalls 1973 erschienene "No il caso è felicemente risolto" (Betrachten wir die Angelegenheit als abgeschlossen), in dem Salerno einen Journalisten spielte, variierte die Thematik aus einem anderen Blickwinkel..


Auf verlorenem Posten

Die wörtliche Übersetzung des Filmititels "Steht die Polizei im Dienst ihrer Bürger?" traf mitten ins Mark der damaligen Diskussion, aber Regisseur Romolo Guerrieris zweiter Poliziesco, mit dem er den Faden seines "Un detective" wieder aufnahm, wird auch der deutsche Titel "Auf verlorenem Posten" gerecht, denn dieser bezeichnet exakt die Situation, in der sich Commissario Nicola Sironi (Enrico Maria Salerno) befindet. An dem im italienischen Film, Anfang der 70er Jahre, wiederholt gezeigten Motiv einer inhaftierten Gruppe von Studenten, die ihren Protest in der Zelle fortsetzen (siehe bespielsweise "Indagine su un cittadino al di sopra di ogni sospetto (Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger, 1970), wird auch der private Druck verdeutlicht, unter dem er steht. Anders als seine jüngeren "Polizieschi" - Kollegen hat er einen erwachsenen Sohn – hier von dem leider viel zu früh verstorbenen Alessandro Momo ("Malizia" 1973) gespielt - der seinen bürgerlichen Vater und dessen Staats-Job verabscheut. Auch seine Frau hat sich schon von ihm getrennt.

Sein einziger Freund ist sein Kollege Marino (Giuseppe Pambieri), mit dem er in einer Mordserie ermittelt, die mit einem im Hafen Genuas an einem Kran aufgehängten Mann beginnt, der in der Nacht zuvor brutal ermordet wurde. Er war an ein Fahrzeug getreten, um ein Gespräch mit einem einflussreichen Geschäftsmann zu beginnen, aber dazu kam es nicht - mehrere Männer schlagen ihn unter den Augen ihres Anführers Lambro (John Steiner) zusammen. Die Story ist eng mit der Situation Genuas verzahnt und weist nur wenige, aber sehr konsequent umgesetzte Gewaltszenen auf. Im Mittelpunkt stehen die mafiösen Strukturen in der Hafenstadt, in der den Händlern der am Hafen gelegenen Markthalle übertriebene Ankaufspreise aufgezwungen werden, die sie an ihre Kunden weitergeben müssen.

Sironis Versuch, an die Hintermänner heranzukommen, gerät zunehmend in die Grauzone korrekter Strafverfolgung. Als er, um einen seiner Informanten zu schützen, vortäuscht, ein mit dem Syndikat zusammenarbeitender Anwalt hätte ihm Interna verraten, wird dieser kurz darauf ermordet aufgefunden. Wie verzweifelt sich Sironis Bemühungen entwickeln, lässt die Rolle John Steiners deutlich werden, der als Killer immer im Hintergrund bleibt. Steiner agiert nur und sagt im Film kein Wort, denn seine Figur bleibt unantastbar. Stattdessen gerät Sironi in einen Strudel aus Polizei-Korruption, medialen Druck und dem bestens vernetzten, einen guten Ruf genießenden Unternehmer Brera (Daniel Gélin), dessen Verantwortung an den Morden nicht nachweisbar scheint.

Die Gene der Handlung lassen sich problemlos auf die früheren Drehbücher Massimo De Ritas zurückführen, der schon "Banditi a Milano" entwickelte, und den Stil des Poliziesco über Sergio Sollimas "Città violenta" (Brutale Stadt, 1970) und Damianis "L'istruttoria è chiusa: dimentichi" (Das Verfahren ist eingestellt: Vergessen Sie's!, 1971) weiter entwickelte. Mit Drehbüchern zu Filmen Enzo G.Castellaris, Romolo Giuerrieris Neffen, "Il cittadino si ribella" (1974) und "Il grande Racket" (1976) setzte er diese Linie konsequent fort, bis es in Damianis "L'avvartimento" (Die tödliche Warnung, 1980) zu einer erneuten Kombination aus Polizei- und Politfilm kam. "La polizia è al servizio del cittadino?" trieb den Stil des klassischen "Polizieschi all'Italiana" entscheidend voran, auch dank eines ausgezeichnet als Commissario agierenden Enrico Maria Salerno, der am Ende zum letzten Mittel greifen musste, das ihm noch blieb. Doch das er, der erfahrene, souveräne Polizeioffizier diese Konsequenz zog, kam anders als später bei Maurizio Merli einer Kapitulation gleich. (9/10)


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