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Orphan - Das Waisenkind (2009)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 7 / 10)
eingetragen am 29.10.2017, seitdem 324 Mal gelesen



Er steht scheinbar ganz in der Tradition von "The Bad Seed" (1956), "The Omen" (1976) und "The Good Son" (1993), dieser zweite Horrorthriller des Regisseurs von "House of Wax" (2005): Doch Jaume Collet-Serras Film hebt sich über eine Pointe des Drehbuchautors David Leslie Johnson ("The Conjuring 2" (2016)), welcher hiermit sein Debüt vorlegte, von solchen Klassikern ab. Es ist eine Pointe, die neben ihrem Überraschungseffekt zugleich noch eine nachvollziehbare Erklärung für die Andersartigkeit des mörderischen Kindes liefern soll - letztlich aber eine etwas aufgesetzte, eher unglaubwürdige Konstruktion bleibt, welche die Unwahrscheinlichkeiten des Stoffes bloß in neue Gefilde verlagert und keinen echten Mehrwert mit sich bringt.
Die Stärke von "Orphan" liegt nur zum kleinen Teil in dieser Pointe, welche [Achtung: Spoiler!] darin besteht, dass das adoptierte, mörderische Mädchen tatsächlich eine geistesgestörte, erwachsene Frau mit gefälschten Papieren ist, die an einer Hypophyseninsuffizienz leidet und daher noch ausgesprochen mädchenhaft aussieht. Bis zu diesem Punkt verläuft "Orphan" ziemlich überraschungsfrei und arbeitet vielmehr ganz effektiv mit Vorhersehbarkeiten: Noch im Waisenhaus ist Esther, das Adoptivkind, eine Außenseiterin, die erstaunlich reif wirkt und von sich sagt, dass sie irgendwie anders sei. Ihr früheres Elternhaus sei komplett abgebrannt, Esther hätte als einzige überlebt. Und dann weigert sich das Mädchen strikt, jemals seine Schleifchen an den Handgelenken und am Hals abzulegen. Zum Zahnarzt wird es sich ebensowenig bringen lassen. Angesichts des Titels und der Genrezugehörigkeit weiß das Publikum natürlich früh, was es von dieser vermeintlich so prinzessinnenhaften Adoptivtochter erwarten darf.

Doch seine innere Spannung bezieht der Film nicht aus Esthers Gewalttätigkeit & Bösartigkeit, sondern aus dem Intrigenspiel, das sie im Hause der Colemans, ihrer Adoptiveltern, entfacht. Denn dort findet sie perfekte Verhältnisse vor; dort hat David Leslie Johnson die perfekten Verhältnisse erschaffen, um sein Intrigenspiel greifen zu lassen...
Katherine Coleman und John Coleman haben bereits zwei Kinder - und Esther überhaupt bloß adoptiert, um die Totgeburt ihres dritten Kindes besser verarbeiten zu können. Vorangegangen war dieser Entscheidung der Alkoholismus Katherines, die angetrunken beinahe den Unfalltod ihrer Tochter Maxine im heimischen Teich mitverschuldet hätte. Das Trinken hat Katherine, die auch eine Psychologin aufsucht, inzwischen aufgegeben; aber die alte Schuld steht ebenso im Raum wie auch ein alter Seitensprung John Colemans.
Und dann gibt es die beiden Kinder: Daniel, welcher der kleinen Prinzessin Esther mit unverhohlener Geringschätzung begegnet, und die junge Maxine, die kaum hören kann, sich mit Gebärdensprache verständigen muss und des Lippenlesens fähig ist. Das macht Maxine, welche Esther zunächst begeistert als ältere Schwester akzeptiert, nicht bloß zu einer Figur, die sich der Umgebung nicht ganz einfach mitteilen kann, sondern auch zu einer Figur, welche für Esther aus großer Entfernung unhörbare Gespräche der Eltern dank ihres Lippenlesens belauscht bzw. beäugt.
Und idealerweise gibt es auch noch den - Maxine zugeordneten - Teich und das - Daniel zugeordnete - Baumhaus vor dem Anwesen der Colemans. Damit sind die Sollbruchstellen allesamt gut erkennbar und geradezu fatalistisch schlittert jedermann auf das Finale zu. Zunächst muss bloß eine mobbende Mitschülerin daran glauben: Esther schubst sie auf dem Spielplatz von einem Gerüst und bricht ihr dabei den Knöchel. Auch eine Taube erschlägt sie vor den Augen von Maxine und Daniel, welcher das Tier zuvor mit seiner Paintball-Waffe verletzt hatte. Und während Katherine die Absonderlichkeiten Esthers immer hellhöriger verfolgt, wird eine Nonne aus dem Waisenheim, die sich bei den Colemans nach dem Rechten erkundigt, von Esther auf ihrem Rückweg mit einem Hammer erschlagen - vor Maxines Augen. Doch Esther macht sich das junge Mädchen gefügig; ebenso Daniel, dem sie nachts mit einem Teppichmesser Kastrationsdrohungen zuflüstert.
Und die Adoptiveltern werden von Esther über ihre Schwächen gegeneinander ausgespielt: Scheinbar zufällig berichtet sie Katherine von einem Flirt Johns, derweil sie Katherine über zahlreiche Provokationen und Sabotageakte als beinahe unzurechnungsfähige, dem Alkohol doch nicht mehr ganz so abgewandte Adoptivmutter dastehen lässt, welche ein Adoptivkind nicht zu lieben verstehen würde.

So schaut man den absehbaren Intrigen & Verletzungen zu, die als drohendes, deutlich bevorstehendes Unheil durchaus für Spannung sorgen. Die Frage, welcher Schaden noch abgewehrt werden kann, affiziert gegen Ende mit der Frage, welches Geheimnis die mörderische Esther eigentlich umgibt, dabei ganz besonders.
Nun ist "Orphan" allerdings ein ausgesprochen konservativer Film - nicht bloß, weil man ihm vorwerfen könnte, die natürliche Familie über die Adoptivfamilie zu stellen, sondern auch, weil er Fehlbarkeiten unnachgiebig bestraft: Katherine, die von Esther wieder dem Alkohol in die Arme getrieben wird, kann - von dem Willen, ihre Kinder zu schützen, angetrieben! - ihre Schwäche doch noch überwinden. Sie wird dann auch schwer gebeutelt überleben dürfen. John hingegen erhält seine Strafe dafür, dass er seiner schon früh warnenden Frau kein Gehör geschenkt hat, dass er trotz seines früheren Seitensprungs einer neuerlichen Flirterei nicht ganz abgeneigt ist. Es ist kein Zufall, dass Esther - und in diesem einzigen Punkt scheint ihr überraschendes Erwachsensein nötig gewesen zu sein! - dem Familienvater im Finale aufreizend aufgebrezelt den Kopf zu verdrehen versucht. Da erkennt er dann freilich zu spät, wie der Hase läuft und wohin er alles hat kommen lassen.
Ähnlich verhält es sich bei den Kindern: Der abweisende, etwas überhebliche und lästernde Daniel kommt nicht mit heiler Haut davon, sondern landet verletzt im Krankenhaus, wo er dann tatsächlich von Esther ausgeschaltet, aber kurz darauf vom Personal wiederbelebt werden kann; Maxine indes stellt sich für ihre Mutter tatkräftig gegen Esther und kommt ohne jeden Schaden davon.
Es ist natürlich auch kein Zufall, dass sich Mutter und Tochter, die sich einst am Teich beinahe verloren hätten, nun gemeinsam am zugefrorenen Wasser gegen die Bedrohung zur Wehr setzen. Ihre Bindung wird zusammengeschweißt, indem Katherine ihre frühere Nachlässigkeit nun wiedergutmachen kann. Und dass sie ihr ehemaliges Trauma wirklich überwunden hat, zeigt sich, als die zu ertrinken drohende Esther ebendieses Trauma auszunutzen gedenkt: "Don't let me die, mommy!", lockt die verschlagene Mörderin, woraufhin ihr Katherine jedoch bloß mit einem zielsicheren Tritt das Genick bricht. Ein kathartischer, freilich auch reaktionärer Moment nach den ganzen Schrecken. Hier hat Katherine endgültig mit ihrer Vergangenheit aufgeräumt.
Dass Daniel hingegen im Baumhaus verunglückt - um später im Krankenhaus vorübergehend ausgeknipst zu werden -, ist ebensowenig Zufall. Es ist das Baumhaus, in welchem er mit seinen Kumpanen ein Erotikmagazin versteckt hält: ein echter Jungen-Ort, ein eigenes Reich außerhalb des Familienhauses, höhergelegen, ein Ort des Sich-selbst-Beweisens. Insofern sind die Unglücksumstände bei Vater & Sohn gleichermaßen sexualisiert worden - und wem das zu weit hergeholt erscheint, dem sei nochmals die Kastrationsdrohung ins Gedächtnis gerufen, mit welcher Esther Daniel mundtot zu machen versteht. Fast scheint es, dass "Orphan" davon handelt, wie eine krankhaft aggressive, böse Frau männliche Eroberungstriebe ahndet, wohingegen die guten, nach familiärer Harmonie strebenden Frauen ihr Happy End erhalten.

Es ist alles ein wenig symbolisch und bedeutungsschwanger in "Orphan": Dass Esther etwas verbirgt, will der Film zugleich auch visualisieren - und so steckt unter Esthers Prinzessinnenhaftigkeit nicht bloß das Verdorbene; sondern unter ihren falschen Zähnen stecken verdorbene, echte Zähne, unter ihren schönen Schleifen & Schlaufen verlaufen hässliche Narben. Und unter ihren schönen Gemälden, mit welchen sie ihr Zimmer zupflastert, leuchten nachts obszöne Kritzeleien voller Sex & Gewalt.
Aber dieser bedeutungsschwangere Horrorthriller, der davon erzählt, dass diejenigen, die ihre ganz eigenen Interessen bloß minimal über die Familieninteressen stellen, ihre Strafe erhalten, ist so dramaturgisch geschickt und inszenatorisch gewieft, dass man ihm seine Überdeutlichkeit und seine arg strenge Moralität nicht übermäßig nachträgt.
Dennoch wirkt letztere leicht befremdlich, zumal "Orphan" aus dem Leiden seiner Figuren bloß Schock & Spannung zieht, derweil Schmerz & Trauer etwas lieblos abgehandelt werden. (Wenn man Rob Zombies stark unterschätzten "Halloween 2" (2009) aus demselben Jahr dagegenhält, zeigt sich deutlich, in welch seichte Unterhaltung "Orphan" das Leid seiner Figuren überführt.)
So ist dann zwar kein Genremeisterwerk aus "Orphan" geworden, aber im Subgenre der mörderischen Kinder spielt dieser Film - obwohl es letztlich gar keine mordende Kinderfigur gibt - zumindest in der oberen Liga: nicht zuletzt dank Isabelle Fuhrman in der Titelrolle.

7/10


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