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Rampage - Rache ist unbarmherzig (2009)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 6 / 10)
eingetragen am 16.07.2010, seitdem 1569 Mal gelesen



Bill ist ein junger Mann, der mit Anfang 20 noch bei seinen Eltern lebt und von einer kleinen Tätigkeit in einer Kfz-Werkstatt einmal abgesehen noch keiner geregelten Arbeit nachgeht. Auf den ersten Blick würde man ihn wohl als ruhigen und unauffälligen Außenseiter bezeichnen, der antriebs- und perspektivlos in den Tag hineinlebt, doch was wirklich in Bill vorgeht, ahnt niemand. Die Ignoranz seiner Mitmenschen, Überbevölkerung und maßloser Konsum, all diese Missstände lassen Bill irgendwann einen unglaublichen Plan fassen, der ein Zeichen setzen und die Gesellschaft bis in ihre Grundfeste erschüttern wird. Mit einer eigenes gefertigten Kevlar-Rüstung und bis an die Zähne bewaffnet, verlässt Bill eines Morgens das Haus und richtet in seiner Heimatstadt ein unglaubliches Blutbad an...


Hätte man sich als Rezensent in der Vergangenheit zu der Aussage hinreißen lassen, dass ein gewisser Uwe Boll eines Tages tatsächlich noch annehmbare bis gute Filme drehen würde, so wäre man hierfür im glimpflichsten Fall sicherlich hämisch verlacht worden. Kein Wunder, so hat sich der deutsche Regisseur im Lauf seiner unnachahmlichen Karriere doch irgendwann den Ruf als schlechtester Filmemacher aller Zeiten erarbeitet, was sich wohl insbesondere auf eine Reihe umstrittener Videospielverfilmungen zurückführen lässt, mit denen sich Boll tatsächlich selten mit Ruhm bekleckerte. Noch heute gelten Werke wie House of the Dead, Far Cry oder Alone in the Dark als die filmgewordenen Albträume eines jeden Cineasten, während im Internet sogar Petionen gestartet werden, um dem Schaffen des "deutschen Ed Wood" endlich Einhalt zu Gebieten. Boll jedoch ließ sich von derlei Gegenwind nie beeindrucken, zog weiterhin sein Ding durch und scheint als Filmemacher inzwischen endgültig einen einschneidenden Wendepunkt in seiner Karriere erreicht zu haben. Bereits Stoic, Boll's schonungslose Aufarbeitung des Folter-Mordes von Siegburg, ließ viele seiner Kritiker im Ansatz verstummen, während mit Rampage derweil schon das nächste, heiße Eisen geschürt wurde. Auch hier gibt sich der kontroverse Filmemacher wieder erschütternd realitätsnah und zeichnet in intensiven Bildern das beklemmende Portrait eines Amoklaufes. Ein durchaus heikles Thema, dem man sich nicht erst nach diversen Schulmassakern mit entsprechender Vorsicht annähern sollte, was den Namen Uwe Boll in diesem Kontext zunächst reichlich deplatziert erscheinen lässt. Düster, zynisch und ausgesprochen brutal räumt Rampage jedwede Zweifel jedoch nach kürzester Zeit beseite und beweist als stilvoller und nihilistischer Abgesang auf unsere Gesellschaft, dass Boll seine Hausaufgaben allem Anschein nach endlich gemacht hat.

Was uns diese deutsch/kanadische Produktion aus dem Jahr 2009 in 82 beklemmenden Minuten vorlegt, ist nicht nur erschreckend direkt und unverblümt, sondern in so mancher Hinsicht regelrecht menschenverachtend, was Rampage erwartungsgemäß große Probleme mit der hiesigen Zensur einbrachte. So fielen für die deutsche Version letztendlich nicht nur zahlreiche Gewaltszenen der Schere zum Opfer, auch die gesamte Aussage des Films wird durch eine veränderte Texttafel zum Ende des Films ad absurdum geführt. So kritisch man einer solchen Entmündigung eines erwachsenen Publikums aber auch gegenüberstehen mag, so lassen sich derlei Vorsichtsmaßnahmen in diesem Fall beinahe schon nachvollziehen. Den mahnenden, moralischen Zeigefinger wird man in der ungeschnittenen Fassung des Films nämlich vergeblich suchen, was einen letztendlich mit einem mehr als flauen Gefühl in der Magengegend zurücklässt. Rampage wird die Meinungen der Zuschauer ob seiner undifferenzierten Positionierung irgendwo zwischem hintersinnigem Amok-Drama und selbstzweckhafter Action ohne Frage teilen, doch stellt Boll hier weit mehr als nur seine Fähigkeiten der Provokation unter Beweis. Würde man das Werk ohne weitere Vorabinformationen einem bekennenden Boll-Kritiker vorführen, so würde dieser wohl spätestens bei den Credits seinen eigenen Augen nicht mehr trauen. Der hitzig diskutierte Filmemacher zeigt sich hier sowohl inszenatorisch, als auch erzähltechnisch durchaus gereift und liefert ein Werk ab, dem man in dieser Form ohne weiteres ein Release auf der großen Leinwand gegönnt hätte. Sei es nun das absolut zur realistischen Thematik passende Stilmittel der Wackelkamera, welche uns den Amoklauf aus nächster Nähe als regelrechte Augenzeugen miterleben lässt, der stets passend gesetzte Schnitt oder die schweißtreibende Musikuntermalung, all das trägt seinen Teil zur Intensität des Geschehens bei und verdient seine Anerkennung.

Die Charaktere kommen derweil tatsächlich glaubhaft als solche daher, wobei vor allem Bill die zentrale Schlüsselrolle einnimmt. Über die gesamte Spieldauer folgen wir dem eiskalt berechneten Weg dieses jungen Mannes, von der Kulisse seines Alltages bis zur wahllosen Tötung dutzender Menschen, während wir in Form eingestreuter Interviews und V-Logs immer wieder Einblicke in die Motivationen und seelischen Abgründe des Amokläufers erhalten. Rampage gibt sich dabei allerdings weniger als vollwertiges Psychogramm, als dass er die essentiellen Aussagen vielmehr andeutet und dem Publikum die Reifeprüfung der Verarbeitung selbst überlässt. Dies ist letzten Endes auch bitter nötig, denn obgleich das Werk ohne Frage auch als brachialer Ballerstreifen funktioniert hätte, so zwingt die pessimistische, menschenverachtende Atmosphäre des Films glücklicherweise zu einer Reflexion. Auch das wird jedoch leider nichts daran ändern, dass vele in Rampage nur eine Art filmischer Adaption von GTA oder ähnlichen Egoshootern sehen werden, was angesichts des hohen Bodycounts und der actionlastigkeit des Films zumindest auch nicht ganz von der Hand zu weisen ist. In einem kugelsicheren Kevlar-Anzug und mit zwei Uzis ausgestattet, löscht Bill eine halbe Kleinstadt aus und schießt für mehr als 30 Minuten alles über den Haufen, was ihm über den Weg läuft, wobei dann natürlich auch inszenatorisch keine Kompromisse eingegangen werden. Wenn hier Salve um Salve an Munition in panisch flüchtende Fußgänger oder wimmernd kauernde Frauen geschossen wird und sich dies über den größten Zeitraum des Films hinzuziehen scheint, dann ist das ohne Frage überaus starker Tobak, driftet aber zu keinem Zeitpunkt in platte Geschmacklosigkeit ab. Boll vermag mit Rampage gleichermaßen zu schockieren, wie er auch unterhält, zumal sein Plot aufgrund kleinerer Wendungen und Twists immer wieder an Fahrt aufnimmt.

Insgesamt überwiegen somit die positiven Eindrücke: Shootouts und Explosionen lassen den Gedanken an ein B-Movie nicht zu, während auch die Schauspieler großteils einen erstklassigen Job abliefern. Gerade Brendan Fletcher, der dem einen oder anderen vermutlich noch aus Freddy Vs. Jason oder einer Vielzahl anderer Darbietungen aus Film und Fernsehen in Erinnerung sein dürfte, füllt den Part des Hauptprotagonisten ungemein glaubhaft aus. Mit seiner diabolischen Ausstrahlung und dem hintersinnigen Lächeln kauft man ihm den Amokläufer sofort ab, während auch die restlichen Schauspieler das beste aus ihren Rollen herausholen. Erwähnenswert ist hierbei die Tatsache, dass Boll seine Schauspieler, wie bereits in Stoic, viel mit improvisierten Dialogen arbeiten ließ, was die großteils sehr natürlichen Dialoge erklären dürfte. So weit spricht dies sicherlich eindeutig für Rampage, doch muss dies sicherlich auch in den entsprechenden Boll-Kontext gesetzt werden. Ein Großteil dessen, was der Mann bislang ablieferte, reichte von grottenschlecht bis gerade noch annehmbar, weshalb man einer eindeutigen Verbesserung wie diesem Werk sicherlich schon von Grund auf wohlwollender entgegentritt. Ein nicht konsequent gehaltener Spannungsbogen verhindert den Aufstieg in bemerkenswert hohe Wertungsebenen zwar insgesamt ebenso wie einige kleine Makel zu Beginn des Films, doch tut dies einem durchaus positiven Gesamteindruck keinen Abbruch.

Zusammenfassend liegt uns mit Rampage ein aufrüttelndes und gleichermaßen schockierendes Actiondrama zu einer nach wie vor aktuellen Thematik vor, das mit seiner nihilistischen Grundstimmung ebenso für eine gedrückte Stimmung sorgen dürfte wie mit seiner ultrabrutalen Gewaltdarstellung. Die größte Überraschung dieses Films jedoch ohne Frage Uwe Boll selbst, welcher sich für seinen schnörkellosen Amok-Reißer so stilvoll und souverän wie nie zuvor präsentiert und einen somit mit einem leisen Gefühl von Hoffnung in die Zukunft dieses eigenwilligen Filmemachers blicken lässt.

6,5 von 10 Punkten


Rampage
Kanada/Deutschland 2009, 82 Min.
Freigabe: -
Regie: Uwe Boll

Darsteller: Brendan Fletcher, Shaun Sipos, Katharine Isabelle, Michael Paré, Lynda Boyd, Malcolm Stewart, Robert Clarke, Brent Hodge, Katey Grace


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