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Organ (1996)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 8 / 10)
eingetragen am 02.08.2014, seitdem 179 Mal gelesen



"I wanted to describe the agony of a wounded soul of someone decaying from the inside."
(Kei Fujiwara)

Zwei Menschen befinden sich in einem kleinen, sch├Ąbigen B├╝ro. Ein Mann und eine Frau. Letztere wei├č ├╝ber den Mann Bescheid, kennt sein dunkles Geheimnis, hat ihn quasi in der Hand. Sie n├Ąhert sich ihm, beginnt ihn langsam zu entkleiden. Als sie sein Hemd ├Âffnet, bemerkt sie das gro├če Geschw├╝r, welches ├╝ber seinen Bauch w├Ąchst. Ein riesiges, n├Ąssendes, tumorartiges Gew├Ąchs, das dort wild wuchert und dem Mann phasenweise starke Schmerzen bereitet. Die Frau begutachtet es, offensichtlich fasziniert, streckt ihre Hand aus und ber├╝hrt es schlie├člich vorsichtig. Z├Ąrtlich streifen ihre zarten Finger ├╝ber die unansehnlichen Wucherungen. Streicheln sie. Dr├╝cken sie. Pl├Âtzlich durchbrechen ihre Fingerspitzen die Oberfl├Ąche, dringen in die Beule ein. Diese erbricht prompt ihren schleimigen Inhalt. Die Frau gibt ein ├╝berraschtes "Shit" von sich und weicht erschrocken zur├╝ck, w├Ąhrend sich der Mann vor Schmerzen windet und qualvoll st├Âhnt. Die Frau kann den Blick jedoch nicht vom Mann abwenden. Dann stiehlt sich ein L├Ącheln auf ihr Gesicht. "This sure is funny", sagt sie und kichert leicht hysterisch. Und weiter, laut lachend: "Are you some kind of freak?" Sie schnappt sich ein Messer vom Regal neben ihr, klappt es auf, n├Ąhert sich ihm l├Ąchelnd. Und beginnt kichernd am Geschw├╝r herumzuschnippeln. Mit besudelten H├Ąnden sagt sie dann - sichtlich erregt - unvermittelt: "Let's do it". Es kommt zum Sex. Doch der nimmt eine Wendung, welche die Frau wohl nicht erwartet hat.

Mahlzeit und herzlich Willkommen in der bizarren Welt von Kei Fujiwaras Organ, einem Film, der wohl das Nonplusultra des Ekelkinos darstellt. Umso ├╝berraschender ist es, da├č dieser schonungslos drastische K├Ârperhorrortrip das "Baby" einer Frau ist (das ist jetzt nicht diskriminierend gemeint; Fakt ist nun mal, da├č der harte Splatterfilm eine M├Ąnnerdom├Ąne ist). Fujiwara hat Organ nicht nur geschrieben und inszeniert, sie zeichnet ebenfalls f├╝r die Bildgestaltung und das Produktionsdesign verantwortlich und tritt dar├╝ber hinaus auch noch vor der Kamera in Gestalt der ein├Ąugigen Yoko in Erscheinung. Die unorthodoxe Filme- und Theatermacherin hat zuvor gelegentlich als Schauspielerin gearbeitet; zu sehen ist sie unter anderem in den beiden Shin'ya Tsukamoto-Filmen Denchu Kozo no boken (Adventures of Electric Rod Boy, 1987) und Tetsuo (Tetsuo, the Iron Man, 1989). Bizarre Phantasien und schockierende Mutationen sind ihr also keineswegs fremd. Organ hat seinen Ursprung in einem Theaterst├╝ck, welches in Fujiwaras eigenem Avantgarde-Theater Organ Vital aufgef├╝hrt wurde. 1996 wurde die Filmversion in Japan ver├Âffentlicht und sorgte f├╝r eine heftige Kontroverse. Daraus resultierend mu├čte der in fast allen Belangen extreme Streifen f├╝r die Kinoauswertung sogar geschnitten werden.

Worum geht es also in diesem kontroversen Schocker? Wir befinden uns in Tokio im Jahre 1996. Skrupellose Organh├Ąndler machen die Stra├čen unsicher. Die beiden Polizisten Numata (Takeomi Nasa) und Tosaka (Takaaki Furumoto) kommen der von den Geschwistern Yoko (Kei Fujiwara) und Saeki (Kimihiko Hasegawa) gef├╝hrten Bande auf die Schliche, erleben beim Einsatz allerdings ein katastrophales Waterloo. Tosaka wird gefangen genommen, bekommt die Gliedma├čen amputiert, wird unter Drogen gesetzt und mu├č sein weiteres Dasein in einem kleinen Gew├Ąchshaus fristen, wo er seinem Peiniger hilflos ausgeliefert ist. Dieser f├╝ttert ihn nicht nur mit Blut, sondern nutzt seinen K├Ârper auch noch f├╝r groteske Experimente. Numata hingegen wird vom Dienst suspendiert, seine Ehe zerbricht, woraufhin er sich in die Suche nach seinem vermi├čten Partner regelrecht hineinsteigert. Yoko bekommt Probleme mit der Yakuza, w├Ąhrend der an einer mysteri├Âsen Krankheit leidende Saeki - hauptberuflich als Biologielehrer t├Ątig - leidenschaftlich seinem Hobby nachgeht... der Vergewaltigung und Ermordung von Schuldm├Ądchen. Allerdings beginnt Saeki aufgrund der Einnahme von Drogen zu mutieren. Das Ende der Gang scheint schlie├člich gekommen, als Numata Saekis Schlupfwinkel findet und die Yakuza Jagd auf Yoko macht.

Diese Inhaltsbeschreibung ist bittesch├Ân mit Vorsicht zu genie├čen, da Fujiwara eine lineare Erz├Ąhlweise gleich zu Beginn ├╝ber Bord wirft. Geschildert wird das grausige Geschehen aus der Erinnerung von Numata, und da dieser dem Wahnsinn bedrohlich nahe ist, ├╝berlagern sich manchmal Gegenwart und Vergangenheit, vielleicht sogar Realit├Ąt und Delirium, und sorgen f├╝r heftige Verwirrung. Der Wechsel zwischen den unterschiedlichen Handlungsebenen erfolgt bisweilen so unheimlich rasant, da├č man schnell die ├ťbersicht zu verlieren droht und verzweifelt versucht, dem konfusen Durcheinander einen Sinn abzuringen. Organ funktioniert weniger als Spielfilm denn als fulminanter Bilderrausch, der ob seiner kompromi├člosen Radikalit├Ąt seinesgleichen sucht. Fujiwara suhlt sich f├Ârmlich in schleimigen und blutigen Widerlichkeiten, schafft es aber gleichzeitig, diese Szenen mit einer gewissen irritierenden ├ästhetik einzufangen. So wie ein t├Âdlicher Virus unter dem Mikroskop manchmal atemberaubend sch├Ân aussieht, so hat das wuchernde, verfaulende, mutierende Fleisch mit seinen gr├╝nen Schleim triefenden Pusteln etwas seltsam Faszinierendes an sich. Ja, Organ ist ein nicht enden wollender Alptraum aus Blut und Dreck und Gewalt und Eiter und Tod und Wahnsinn. Es ist ein Film der schmerzt, der uns mit Dingen konfrontiert, die wir unseren schlimmsten Feinden nicht w├╝nschen w├╝rden. Und er nimmt den Zuschauer nicht etwa bei der Hand und bereitet ihn langsam auf den kommenden Schrecken vor. Nein, er packt ihn brutal an den Haaren und dr├╝ckt ihn Gesicht voraus in die schleimige, stinkende, widerliche F├Ąulnis hinein.

Einige Einfl├╝sse dieser surreal angehauchten Splatter-Extravaganza lassen sich problemlos identifizieren. Tetsuo von Shin'ya Tsukamoto etwa. Oder die schockierenden Mind-Fuck-Phantasmagorien eines David Lynch. Dann nat├╝rlich der Body Horror eines David Cronenberg, speziell Shivers und The Fly (letzterer wird sogar in einem Dialog zitiert). Und, last but not least, Hideshi Hinos einzigartiger Gin├« piggu: Manh├┤ru no naka no ningyo (Mermaid in a Manhole). Doch der auf 16mm gedrehte Organ ist kein billiger Abklatsch. Fujiwara greift gewisse Ideen lediglich auf, entwickelt sie konsequent weiter, und l├Ą├čt sie schlie├člich kreischend Amok laufen. Das sorgt f├╝r einige kraftvolle, grauenhafte und/oder sch├Âne Momente. Die Flashback-Sequenz von Yokos Kindheit ist ein Schlag in die Fresse, die kranke, hoffnungslose, nihilistische Stimmung des Streifens sorgt f├╝r k├Ârperliches Unwohlsein, und die grell ausgeleuchtete Geburtsszene (eine Frau windet sich kopf├╝ber aus einer riesigen Schmetterlingspuppe) ist ├╝berw├Ąltigend in ihrer surrealen Sch├Ânheit. So trostlos und dreckig die Schaupl├Ątze in Organ sind, so pervers und verkommen ist der Gro├čteil der Figuren, die diese Welt bev├Âlkert. Es gibt keine Sympathietr├Ąger, keine Helden, niemanden, mit dem man mitfiebern m├Âchte. Und das ist wohl auch der Grund, weshalb dieses Arthouse-Exploitation-Drama zwar ungemein beeindruckt und immens fasziniert, aber niemals emotional ber├╝hrt. Als Zuschauer bleibt man auf Distanz, verfolgt all die Ungeheuerlichkeiten, die sich da auf dem Bildschirm entfalten, mit gro├čen, ungl├Ąubigen Augen, ohne da├č man vom Geschehen gepackt wird. Aber vielleicht ist das auch gut so. Denn h├Ątte Organ auch noch eine emotionale Wucht wie z. B. Cronenbergs The Fly, w├Ąre das Ergebnis wohl schier unertr├Ąglich.


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