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Harry Brown (2009)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 6 / 10)
eingetragen am 01.05.2010, seitdem 3056 Mal gelesen



Fast 40 Jahre nach „Get Carter“ will Michael Caine es noch mal wissen: In „Harry Brown“ geht es auf Rachepfade.
Wenn man „Harry Brown“ glauben darf, geht es in der englischen Klein- und Vorstadt dann so übel ab wie in der Bronx und den brasilianischen Favelas: Alle paar Minuten wird wer überfallen und/oder zusammengeschlagen, wie Titelfigur Harry Brown (Michael Caine) aus seinem Fenster heraus sehen muss. Doch nicht genug: Teilweise rasen die jugendlichen Kriminellen auch unter Drogeneinfluss, schießen Mütter mit Kind nieder und zeichnen das noch mit der Handykamera auf. Realismus ade, egal, was so mancher britische User auf der imdb behaupten mag.
Dann ist da Harry, der gewisse Gegenden meidet – vor allem eine gewisse Unterführung in der Nähe seines Heims wird immer wieder von randalierendem Jungvolk belegt, weshalb alle Zivilpersonen, dann lieber einen Umweg machen anstatt dort durchzugehen. Aber das reicht noch nicht als Anlass für Rache, deshalb muss noch Harrys bester Freund sterben, als er es wagt sich gegen ein paar Kleinkriminelle zu wehren.

Die Polizei ist selbstverständlich machtlos, aber Harry denkt noch nicht sofort an einen Rachefeldzug, erwehrt sich erst eines Gegners (mit Todesfolgen für diesen) und will dann eine illegale Waffe zu seinem Schutz kaufen. Doch schon dabei kommt es zu einem weiteren Zwischenfall, der den Vigilanten in ihm freisetzt…
Ein Drama Marke „Gran Torino“? Ein glaubwürdiges, spektakuläres Actionvehikel Marke „Taken“? Nö, eher die Rentnervariante von „Death Wish“, oder besser „Death Wish 2“, denn der erste „Ein Mann sieht rot“ besaß ja noch ein gewisses Reflexionspotential. Hier allerdings zieht Harry durch die Gegend, wird immer mutiger und bringt die fiesen Elemente einen nach dem anderen um. Nicht besonders actionreich, immer ist Harry Rentner, aber doch überraschend effektiv, was der Film mit seiner Militärvergangenheit erklärt, die aber schon so lange zurückliegt, dass man dem Film die Toughness seines Helden nicht so wirklich abkauft – zumal Harry bei der Verfolgung eines Kriminellen einen Herzanfall hat.
Herzallerliebst sind dann auch die Bösewichte für alle Freunde des Sleaze gezeichnet: Jugendliche mit Kapuzenpullis und ellenlangem Vorstrafenregister, denen die Polizei nichts anhaben kann und die zum Ende des Films sogar einen Aufstand wegen einer Lappalie starten, wie man ihn in Paris gesehen hat, als ganze Bevölkerungsschichten aus politischen Gründen auf die Straße gingen. Den Vogel schießt allerdings die Szene ab, in der Harry eine Pistole kaufen will: Die Dealer, die ihm aufmachen, kommen mit nacktem Oberkörper an die Tür, damit man zahllose Nadeleinstiche und Messernarben ansehen kann. Drinnen ist eine wahre Marihuanaplantage. Auf dem Sofa liegt eine Junkiefrau und geht beinahe drauf. Im Hintergrund laufen homemade Pornos, in denen sich der Chefdealer an zugedröhnten, weiblichen Junkies vergeht. Der Dealer nimmt Drogen, unter anderem aus seiner gerade abgefeuerten Pistole und schnauzt Harry an, als dieser ihn bittet einen Krankenwagen für die Frau zu rufen. Nachdem „Harry Brown“ dem Zuschauer in dieser ca. 10minütigen Szene verklickert hat, dass die Kriminellen wirklich entsorgungswürdiger Abschaum sind, rastet Harry aus und legt die beiden um. „You should have called an ambulance for the girl“ ist die Message, die er dem Dealerchef auf den Weg gibt, bevor er ihn ins Jenseits schickt.

Doch trotz der ideologischen Fragwürdigkeit, der 08/15-Story und der ganz offensichtlichen Logikschwächen ist „Harry Brown“ ein ganz solider Rachethriller, was vor allem an der kompetenten Inszenierung liegt: Der vor allem bei Nacht spielende Film verbreitet viel Atmosphäre und Regisseur Daniel Barber kann daraus noch ein überraschend hohes Spannungspotential herauskitzeln, so überraschungsarm der Mainplot auch verläuft – sieht man mal von einem Plottwist ab, der nicht komplett unvorbereitet, aber doch extrem überraschend im Finale noch aus dem Hut gezogen wird wie das Karnickel aus dem Zylinder des Zauberers. Und das während des Abspanns laufende, absolut großartige „End Credits“ von Chase & Status entschädigt schon für manche Schwäche.
Natürlich ist es auch Michael Caine, der den Film noch um eine Klasse anhebt, denn es mag vielleicht nicht seine beste Leistung sein, aber den toughen Rentner kauft ihm doch ab. Eindrucksvoll spielt er den vereinsamten Harry und zeigt nach und nach, wie ihm die ganze Sache über den Kopf wächst. Emily Mortimer als Cop mit Durchblick wird dagegen mehr zur Stichwortgeberin reduziert. Allerdings geht den meisten so, ihre Figuren sind eher Funktionen als wirklich ausgearbeitete Charaktere und sie müssen vor allem Caine unterstützen, doch die Belegschaft kriegt das alles recht überzeugend hin.

Kein realistisches Drama, kein Actionkracher, sondern kompetent inszeniert und mit einem kraftvollen Michael Caine besetzter Krimisleaze der gehobenen Klasse. Aus der Ecke stammt auch die Gesinnung des Films, dessen Plot echt keinen Blumentopf gewinnt und der auch seine Logiklücken hat, aber dafür viel durch das Wie der Erzählung rausholt. Nicht ungeschickt appelliert er an niedere Unterhaltungsinstinkte, vor allem wenn Harry am Ende lächelnd durch die von Rowdies freie Unterführung läuft – um die hat er sich nämlich alle gekümmert.


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