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Harry Brown (2009)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 8 / 10)
eingetragen am 06.02.2012, seitdem 341 Mal gelesen



"Harry Brown" ist ein apokalyptischer Film.
Die meisten Filme mit positivem Bezug zum Rache-Thema Selbstjustiz bringen patriarchale Männer die verloren gegangenes Spießer-Glück vergolten haben wollen. Nicht so "Harry Brown": Michael Caine kehrt mit dem Film gewissermaßen zu seinen proletarischen Helden aus den Sixties zurück, Alternativen zu James Bond. Seine Filmfigur dürfte bei dem Militär-Hintergrund dieser Rolle in jungen Jahren auch schon einiges erlebt haben, dennoch wandert er in stetem Erstaunen über die Abgründe einer Welt aus Drogen, Sex und Gewalt, welche ihm da begegnet, ruhig durch den Film. Oft konfrontiert mit Szenen wo man nicht weiß, ob sie nun wirklich einen imaginierten Alltag wiedergeben sollen, oder die Figur des alten Mannes auf eine Probe stellen, schockieren oder provozieren. Am Anfang meint er noch, dass es sich bei den Jugendlichen doch bloß um Kinder handelt - der ganze restliche Film scheint ihn diesbezüglich widerlegen zu wollen. Es ist eine Entwicklungsreise in die Hölle.
Wie man kurz erfahren kann hat er seine Tochter kaum als Teenager bereits in jungen Jahren verloren, und nun auch noch seine geliebte Frau an den Krebs. Das heißt eines ist auch ohne immens gewalttätige und brutale Jugendliche, das eigentliche Thema des Films, klar: so oder so gibt es für Harry kein bürgerliches Leben mehr.
Am bemerkenswertesten an "Harry Brown" ist dabei vielleicht doch die Gewaltdarstellung des Films: anstatt Gewalt explizit zu zeigen oder, um sie eingebildet nicht "konsumierbar" zu machen, bewusst auszublenden, ist die ganze Gewalt in dem Film wie im Vorbeigehen gestaltet worden. Unvermittelt. Vielleicht aber auch eine Grundidee von "Splatter": zu zeigen wie verletzlich, das heißt empfindlich, menschliche Körper als Gefäße von Leben sind.

Was mich am Film am meisten stört sind die Portraits der unmenschlich-gleichgültig gezeichneten Jugendlichen oder jungen Erwachsenen: für einen Film der doch einen Gegenwartsbezug zu britischen, oder angesichts der Nachrichten aus den letzten Jahren sollte ich wohl besser sagen nur englischen, Verhältnissen herstellen möchte, ist "Harry Brown" hoffentlich maßlos übertrieben. Als er sich etwa eine Waffe wo abholen möchte tritt er fast wie Alice in eine Alptraumwelt von Drogenplantagen und Vergewaltigungen ein. Dazu gehört auch, dass mich vom Schauspiel her neben Caine bloß Emily Mortimer als engagierte Polizistin überzeugt hat.
Der Charakter seines bald ermordeten Freundes, der eigentliche Grund für Harry's Rachefeldzug, dargestellt von David Bradley (Harry Potter), wirkt völlig unausgereift auf mich. Die Chemie zwischen Bradley und Caine funktioniert in den Anfangsszenen auch überhaupt nicht für mich. Hinzu kommt, dass der Film bei allem Realismus sonst in der Ausleuchtung viel zu Grellem tendiert. Eine neumodische Unsitte wie ich meinen möchte -

Und ja: der Marketing-Vergleich mit "Gran Torino" ist allein daher schon völlig deplatziert, weil "Harry Brown" von seinem Charakter her den Helden niemals ambivalent präsentiert, sondern immer zur Identifikation für ein Publikum. Manchmal vielleicht sogar zu dessen Rettung, also ein Vehikel für Michael Caine im besten Sinne.
Auch kann ich es nur absurd nennen wenn da etwa behauptet wird, dass da ein Mann "aufräumen" würde - dass in dieser Welt das keiner allein tun kann macht der Film hoffentlich als Erstes klar.

Rating 8.5


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