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Buried - Lebend begraben (2010)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 8 / 10)
eingetragen am 18.01.2011, seitdem 1656 Mal gelesen



„Phone Booth“ und „Open Water“ waren durchaus beachtete Filme, aktuell erlebt das Kammerspiel eine kleine Renaissance: Auf Skiliften („Frozen“), in Fahrstühlen („Devil“) oder eben im Sarg muss ums eigene Leben gefürchtet werden.
Mit Vorgeschichte ist da nichts, „Buried – Lebend begraben“ spielt durchweg in der Holzkiste, in der Paul Conroy (Ryan Reynolds) zu Beginn des Films erwacht. Keine Rückblenden, keine Traumszenen, keine Aufnahmen außerhalb des provisorischen Sarges – reduzierter geht es wohl kaum. Überraschenderweise gibt es auch keine auf Überrumpelung des Zuschauers angelegten Plottwists, man erfährt recht bald, warum Paul in dieser Lage ist: Er ist Truckfahrer, arbeitet für das Militär im Irak und wurde nach einem Überfall auf seinen Convoy eben verbuddelt.
Schnell klärt der Film zudem auf, dass dies kein Versehen war: Man hat ihm ein Handy in den Sarg gelegt und er soll ein Lösegeld von 5 Millionen Dollar innerhalb von drei Stunden besorgen. Andernfalls lässt man ihn in der hölzernen Todesfalle ersticken…

Man muss sein Handwerk schon beherrschen um bei derartig wenig Handlungsspielraum noch Drive und Dynamik zu erzeugen, doch nach Betrachtung von „Buried“ kann man nur sagen: Rodrigo Cortés versteht es. Gerade die Kameraarbeit erkundet den begrenzten Raum, arbeitet mit Zooms, Kamerawinkeln und -fahrten, um den Bildern die richtige Dynamik zu geben. Der Schnitt unterstützt da nur, kaum Montagemätzchen versuchen auf die Tube zu drücken, sondern es ist wirklich vor allem die Kamera. Dabei benutzt „Buried“ durchaus auch mal „unmögliche“ Kameraperspektiven, d.h. die Kamera guckt gewissermaßen aus dem Erdreich auf Paul oder beobachtet ihn aus großer Entfernung von oben, obwohl die Decke der Holzbox viel tiefer liegt. Aber man weiß, wie diese Szenen zu verstehen sind, kann sie also als „suspension of disbelief“ abtun.
Ähnlich verhält es sich mit den kleinen Logiklücken des Films: Wie kommt eine Schlange in den geschlossenen Sarg? Warum funktioniert das Orten durch das Militär nicht? Und warum ist es erst angeblich total wichtig, dass Paul die Nummer des in den Sarg gelegten Handys kennt, wenn er sie dann aber herausfindet, dann bringt es aber scheinbar gar nichts? Es sind kleinere Unstimmigkeiten, doch das Gesamtkonzept ist so stimmig, dass sie keinen Anlass dazu bieten den Film zu zerpflücken, sondern man sie eben als Teil ebenjenes Konzeptes akzeptiert.
Und dieses Konzept ist reizvoll. Paul muss mit dem Inhalt seiner Taschen auskommen, gegen die Sauerstoffknappheit kämpfen und dabei abwägen: Die Benutzung seines Feuerzeugs erleichtert die Orientierung im Sarg, verbraucht aber Sauerstoff. Das Handy ist elementar wichtig, aber jede Benutzung kostet Batterie. Und bei derart wenig Handlungsspielraum und so wenig Werkzeugen wird der Kampf gegen eine Schlange zum absoluten Hochspannungsmoment. Das Ende ist konsequent, wobei die eine kurze Zuschauertäuschung vor Schluss (*SPOILER* die Vision *SPOILER ENDE*) etwas gewollt und billig wirkt, denn sonst arbeitet „Buried“ nur mit einfachen Mitteln ohne Taschenspielertricks.

Natürlich ist „Buried“ auch ein politischer Film, aber zum Glück ohne zu großen Zeigefinger. Die Entführer bleiben unkonkrete Gestalten, Stimmen am Telefon, die zwar Gewalttaten begangen haben und mit weiteren drohen, gleichzeitig sind sie aber auch diejenigen, die vom US-Militär gejagt werden und daher berechtigte US-Feindbilder hegen. Etwas aufgesetzt hingegen wirkt die Schelte an der Bürokratie in Amerika, denn trotz seiner Notlage hängt man Paul gerne in die Warteschleife oder fragt nach Nichtigkeiten wie seiner Sozialversicherungsnummer. Traurigerweise wirkt das gar nicht mal so unrealistisch, aber teilweise etwas zu gewollt in diesem sonst so organisch anmutenden Film.
Natürlich stellt ein solcher Film große Anforderungen an seinen Protagonisten, denn (abgesehen von einer Schauspielerin einem kurzen Handyvideo) Ryan Reynolds ist der einzige im Bild zu sehende Darsteller. Andere haben Auftritte als Stimmen am Telefon, doch Reynolds muss den Film auf Gedeih und Verderb tragen – und er kann es. Aufgrund früherer Rollen als Clown in „Party Animals“ und „Blade: Trinity“ neigt man dazu ihn zu unterschätzen, doch seine Leistung in „Buried“ ist ganz großes Tennis: Glaubwürdig stellt er die Beklemmung, die Verzweiflung, aber auch die Hoffnungen Pauls da ohne zu chargien – stumm kullert eine Träne aus dem Augenwinkel und drückt mehr Trauer aus als übertriebene Heulkrämpfe.

95 Minuten lang folgt man gebannt dem scheinbar aussichtslosen Kampf eines Mannes ums Überleben, gefesselt an einen einzigen Ort und das ist dann auch noch höchst spannend – „Buried“ ist ein filmisches Experiment und ein geglücktes dazu. Mit kleinen logischen Unstimmigkeiten muss man leben können, doch das macht kaum etwas aus.


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