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Zwei stahlharte Profis - Lethal Weapon (1987)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 9 / 10)
eingetragen am 21.10.2006, seitdem 851 Mal gelesen



Riggs und Murtaugh - eine Legende.

Und Shane Black ist der Mann, der dahintersteckt. Heute, als der traditionelle 80er-Jahre-Actionfilm längst einem verdünnten Genre-Gemisch gewichen ist, das den Actionfilm selbst als Genre zunehmend in Frage stellt, schlägt Black plötzlich mit seinem um alle Ecken gesicherten ironischen Regiedebüt “Kiss Kiss Bang Bang” zu, sieben Jahre nach seinem letzten Engagement als Filmschaffender in “Lethal Weapon 4". Den Einstieg fand er als 22-Jähriger in ebendieser Serie um zwei ungleiche Cops aus L.A. Und schrieb dabei nicht nur das Skript zu “Lethal Weapon”, sondern zugleich ein Stück Actionfilmgeschichte. Geht man von dem Aspekt der Drehbuchraffinesse aus, ist Black vermutlich kein genialer Mann - Riggs und Murtaugh betonen immer wieder, wie dünn doch eigentlich die Spuren sind, die sie verfolgen. Aber er ist ein Kerl für das Wesentliche. Für das Einfache, das man sich doch eigentlich nur schnappen muss. “Dialogue can be fun but most people don’t study it”, sprach’s der Mann und weist einfach nur auf das Offensichtliche hin. Ihm zum Dank durften Mel Gibson und Danny Glover zu einem der besten Buddy-Couples aller Zeiten und aller Genres aufsteigen, und als das Skript in Joel Silvers (Produktion) und Richard Donners (Produktion und Regie) Hände fiel, war der Wandel des Actionfilms vom Abbild der Reagan-Ära über unbesiegbare Kampfmaschinen hin zur gefühlsbetonten und geistreichen Krachmacherei für Feuerballästheten beschlossene Sache. “Lethal Weapon” hat zusammen mit “Stirb Langsam” Ende der 80er Jahre die Welt des Actionfans grundlegend auf den Kopf gestellt.

Was Donners Reihe von derjenigen John McTiernans unterscheidet, ist die noch stärkere Fokussierung auf die Protagonisten. Zwar ist auch John McClane mit seiner problembehafteten Ehe und seiner enormen Verletzlichkeit weitaus vielschichtiger als seine eindimensionalen Vorfahren um Schwarzenegger und Stallone, doch macht weniger Bruce Willis’ Figur selbst das Konzept aus, sondern der Umstand, dass genau diese Figur in ein künstlich abgeriegeltes Einzelgängerszenario hineingezwungen wird.

In “Lethal Weapon” hingegen haben sich die Hauptfiguren nicht nach der Situation zu richten, sondern umgekehrt: Alles ist auf die gleichmäßige Charakterzeichnung der beiden Polizisten Roger Murtaugh (Danny Glover) und Martin Riggs (Mel Gibson) ausgerichtet. Es gibt eine Rahmenstory um eine ermordete Tochter eines alten Army-Freundes von Murtaugh, doch die ist eben nichts als ein Alibi...“dünn” halt, wie die Figuren eigens voller Selbstironie ihrem Schöpfer gegenüber tönen. Bezeichnend, dass selbst Starkritiker Roger Ebert, der von sich behauptet, von Actionfilmen in der Regel eher gelangweilt zu sein, sich seinerzeit von der ersten bis zur letzten Minute gut unterhalten fühlte - obwohl ein wesentliches Merkmal des tumben 80er-Actioners, die extrem kontrastreiche Schwarzweiß-Geschichte, unzweifelhaft vorhanden ist. Dies ist jedoch nicht wegen fehlender Fähigkeit der Fall, eine komplexere Geschichte zu erzählen, sondern weil das Interesse auf andere Dinge gerichtet ist.

Den Einstieg findet Richard Donner in einer höchst privaten Szene, die gleich ausgesprochen viel von Murtaughs Charakter verrät. Murtaugh sitzt nachdenklich in der Badewanne, als plötzlich seine ganze Familie hineinplatzt, ihm eine Torte reicht und ihn zum 50. Geburtstag beglückwünscht. Es wird nicht viel gesagt, aber Informationen können wir dennoch viele über diesen Mann sammeln. Er ist offenbar ein hundertprozentiger Familienmensch, der vor seiner Familie keinerlei Geheimnisse hat (weshalb die Szene sich abspielt, während er in der Badewanne sitzt), zweifelt aber unter seiner Männlichkeit in Anbetracht der runden 50, die ihn gerade eingeholt hat (dichter Bart, der in der nächsten Szene einem Schnauzer gewichen ist... ein Zeichen fürs “Noch-mal-wissen-wollen”, für die Veränderung). Mit wenig Aufwand folgt man hier dem Beispiel des großen Hitchcock, der mit der einleitenden Rundumfahrt durch James Stewarts Wohnung einen ähnlichen Effekt erzielte, ohne verbal allzu viel erklären zu müssen.
Dann ein Bild des totalen Kontrastes: Eine leere, weite Aufnahme eines Sandstrandes aus der Vogelperspektive, Einsamkeit und Sehnsucht symbolisierend. Ein Hund, der hastig auf einen alten Wohnwagen zuläuft. Innenaufnahme, alles ist wild durcheinander. Ein schläfriger Riggs mit fettigen Haaren und Kippe im Mund. Als er aufsteht, ist er nackt, schlurft gedankenlos zur Toilette, wo er gleichzeitig Wasser lässt und an einer Bierflasche nuckelt. Das bewusste Gegenprogramm zu Murtaugh: Auf der einen Seite ein Mann, der ins Alter gekommen ist, es aber noch einmal wissen will; auf der anderen Seite ein junger Kerl, der aber mit dem Leben fertig zu sein scheint.

Eines verbindet zu diesem Zeitpunkt bereits beide: Der Soundtrack. Eric Clapton und Michael Kamen überraschen mit einem permanenten jazzig-legeren Trompetenspiel, das im Film pauschal eigentlich für erotische Szenen steht, hier jedoch durch die absurde Koppelung mit tragisch-komischen Szenen eine eigenwillige Ironie verkörpert, eine Ironie des Lebens, wenn man so will. Geistig verbunden sind die beiden Cops also schon vor ihrem allerersten Treffen - in der Komik, die dem Leben durch seine Tragik zuteil wird. Ob nun über das Alter Murtaughs fabuliert wird oder über die Lebensmüdigkeit Riggs - beide haben trotz ihrer unterschiedlichen Lebensweisen mit den Problemen ihrer Existenz zu kämpfen. Und wenn sich die beiden dann in einer Situation voller Missverständnisse auf dem Polizeirevier endlich treffen, ist es soweit. Schon auf den ersten Blick wird ersichtlich: Dies ist nicht eine dieser ungewollten Zwangsehen, die uns Hollywood nach einem erfolgserprobten Rezept auf die Nase binden will. Das hier wird Geschichte schreiben.

Und so ward es Geschichte.

Nach “Lethal Weapon” hat es niemals wieder ein Buddy-Gespann gegeben, das so hervorragend zueinander passte wie Mel Gibson und Danny Glover. Die Figuren sind so perfekt, so einfühlsam geschrieben, dass die Beziehung zwischen Riggs und Murtaugh einfach alles ist, was diese Reihe zu bieten hat. Die Art und Weise, wie die beiden ungleichen Freunde aufeinander reagieren, macht den entscheidenden Unterschied zur Konkurrenz aus. Wegen Riggs und Murtaugh kommt man immer und immer wieder auf diese Filmreihe zurück. Wegen ihnen fühlt man sich so wohl in der Franchise, dass man sie am liebsten niemals enden lassen möchte. Eine derartige Bindung zu situativen Aspekten eines Films, einen solchen Wunsch, immer und immer wieder einer Situation beizuwohnen, an der Riggs und Murtaugh beteiligt sind, habe ich nie wieder bei einer anderen Serie verspüren können. Es ist eine Mischung aus Schauspieltalent und Charakterstärke, die von den Darstellern ausgeht. Gibson und Glover spielen wie eine verschworene Einheit, wie zwei sich gegenseitig ergänzende Teile eines Ganzen ohne den Kitsch, der durch solche Konstellationen normalerweise zum Vorschein kommt - das verhindert die Selbstironie, getragen durch den Score, getragen durch die Dialoge. Im Polizeibüro wird gar der Wandel des Zeitgeists konstatiert: “The guys of the 80s aren’t tough. They are sensitive people. Show a little emotion to a woman and shit like that.
Alles andere besorgt Shane Black, der nichts unversucht lässt, seine beiden zentralen Charaktere zum Mittelpunkt des Geschehens zu machen - in jeder Szene.

Wenn dann mal die Story in den Mittelpunkt rückt - etwa im Prolog oder im ersten Gespräch zwischen Murtaugh und seinem alten Freund Hunsaker - kommt tatsächlich beinahe so etwas wie Gewöhnlichkeit auf, das Gefühl, einem stinknormalen Actionkrimi zuzuschauen, der relativ mäßigen Storyline zum Dank auch noch einem durchschnittlichen seiner Art. Dies ist erfreulicherweise aber nicht öfter der Fall als nötig. Bestimmt werden die Ereignisse von der Handlung der Buddies. Black hat das Skript überhaupt nicht in Hinblick auf eine Entwicklung der Story verfasst, sondern auf die Entwicklung der Charaktere hin. Die Auswahl und Umsetzung der Szenen, die Riggs und Murtaugh langsam aber sicher zu einem verschworenen Gespann machen, kann man dabei einfach nur als beispiellos bezeichnen. Szenen wie die mit dem Heckenschützen und die mit dem Springer, das Familienessen, die anschließende Unterhaltung auf dem Boot, das Gespräch in dem leerstehenden Gebäude mit beinahe fatalem Ausgang, der vorgegebene Drogenkauf, alles Momentaufnahmen eines Klassikers, sogenannte “precious moments”, die Natürlichkeit und Identifikation signalisieren, Geborgenheit zeigen und Empathie fordern.

Um die Geschichte zu einem Ende zu bringen, wird es schließlich etwas schematischer, dafür aber nicht weniger innovativ und überraschend. Richard Donner verleiht dem Actionfilm ein neues Gesicht. Fast dem Muster damaliger Hongkong-Actioner à la “Police Story” folgend, stehen Entführungen, Folterungen, Explosionen, Autostunts und knallharte Schusswechsel in radikalem Abschlag mit plötzlicher Komödie, welche die Härte des Gezeigten postwendend neutralisiert. Joel Silver würde dieses Konzept mit den Sequels und über diese hinaus noch weiter ausreizen - ein schizophrener Weg, zum einen den Gewaltgrad noch oben hin auszutesten und zum anderen auf die Familientauglichkeit hin abzuklopfen. Donner inszeniert in den Schlussminuten jedenfalls eine aufregende, teilweise emotional mitnehmende Achterbahnfahrt voller Abwechslungsreichtum und Unvorhersehbarem. Mindestens eine zünftige Explosion ist dabei Pflichtprogramm Es muss gewaltig krachen. Das geschieht hier zweifellos; nicht statisch, sondern voller Dynamik und Abwechslung.

Mitch Ryan als Obergangster und vor allem Gary Busey als gefährlicher Handlanger sind würdige Gegenspieler, können aber auch nicht so richtig verhindern, dass Shane Black an beiden nicht so sehr als ausgleichende Konstante in einem “Good Guy vs. Bad Guy”-Schema interessiert ist und das Gleichgewicht lieber in der Chemie zwischen Riggs und Murtaugh sucht. Die “Lethal Weapon” bezeichnet kein Instrument, das der Gute verwendet, um den Bösen zu schnappen oder umgekehrt; es ist das funktionierende Teamwork zwischen den beiden kompatiblen Komponenten, auch wenn sie beide ein wenig Schliff benötigen, um Kompatibilität zu erreichen. Die Zielscheibe ist absolut zweitrangig - wichtiger ist es zu erkennen, wie die tödliche Waffe sich langsam zusammensetzt und funktionstüchtig gemacht wird. Bleibt nach knapp zwei Stunden Entwicklungszeit nur eines festzustellen: Sie ist ein prachtvoller Ballermann.


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