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Geheimring 99 (1955)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 7 / 10)
eingetragen am 02.08.2006, seitdem 608 Mal gelesen



Man merkt schnell, dass es in Joseph H. Lewis Geheimring 99 in erster Linie um Gefühle geht und erst in zweiter Instanz um Polizeiarbeit und das Verhindern von Verbrechen. Das Spätwerk des film noir ist trotz ähnlicher Themen auch keine wiederholte Darstellung des Kampfes Gesetzeshüter gegen Gesetzesbrecher wie bereits in Das Syndikat [ 1951 ] und Heisses Eisen [ 1953 ] vorexerziert, sondern hält die Grenzen noch mehr offen und macht die Konfrontation zu einer zwischen jemanden, der etwas will. Und jemandem, der etwas hat.
Der Unterschied zwischen erreichten Zielen und unmöglichen in weiter Ferne ergibt ebenso den Antrieb wie auch die Tatsache, dass der Eine sein bisher geschaffenes Werk nicht so einfach aufgibt; und erst recht nicht bloss dann, weil die dafür eingesetzten Mittel gegen das Gesetz waren. Dann wird eben weiter gegen Recht verstossen, um das Geschaffene zu erhalten; dadurch ändert sich ja im zweifachen Sinne nichts. Und es zeigt sich auch schnell, dass auf der Seite der Kriminellen die Möglichkeiten und Wahl der Methoden weitaus variabler und damit auch effektiver sind als die eines simplen Police Leutnants. Was neben den Prinzipien des Kodex auch eine Frage des Geldes ist.

Police Lt. Leonard Diamond [ Cornel Wilde ] verdient 96,50 US Dollar die Woche. Weniger als die Schläger Fante [ Lee Van Cleef ] und Mingo [ Earl Holliman ] seines nächsten Falles, an dem er schon eine Ewigkeit dran sitzt.
Er ist auf der Spur des Geheimringes 99, der grössten Schieberbande der Welt, dem allerdings nicht beizukommen zu sein scheint. Alles dort wird mündlich erledigt und bar bezahlt. Keine Bücher, keine Protokolle, keine Beweise. Diamond strengt seinen ganzen eigenen kleinen Polizeiapparat an; überwacht eigenhändig Susan Lowell [ Jean Wallace ], die Freundin des mutmasslichen Oberhauptes Mr. Brown [ Richard Conte ]. Rund um die Uhr, reist dafür auch ins Ausland und konzentriert sein ganzes Leben auf diesen einen Fall; ohne auch nur ein Stück voranzukommen. Deswegen wird er auch von oben gerügt, gehen dabei doch eine Menge Steuergelder bei drauf und sprechen die Ergebnisse nicht gerade für sich, wenn sie vollständig ausbleiben. Doch Diamond ist lange nicht mehr nur beruflich daran interessiert, Brown zu schnappen, sondern längst privat einbezogen. Er hat sich in Susan verliebt. Denkt er. Zumindest fasziniert sie ihn. Und Brown ärgert ihn als Mensch, weil er es nicht mitansehen kann, wie dieser mit seiner Art durchkommt und seinen Umfeld nach seinem Gusto formen kann. Er hasst ihn.

Hass gehört dann auch mit am eindeutigsten zu den Obsessionen, die die ansonsten abgrundtiefe Kälte verbreitenden Figuren in der hiesigen grauen Welt antreiben; noch ergänzt und komplementiert durch verletzten Stolz, Vorwürfe gegen andere und sich selber sowie Eifersucht. Also alles, was ein rationales Denken eher ausschliesst als begünstigt und damit den Raum für überzogene und prompt lebensgefährliche Aktionen und Reaktionen öffnet; diese geradezu provoziert.
Der Bezug Cop VS Robbers wird dabei nicht in der allumfassenden 'inside society' einer Lebendigen Gesellschaft gesehen, sondern die Hauptfiguren 'outside society' gestellt und das Umfeld fast vollständig ausgegrenzt. So ein grosser Zusammenhang auf wenige Personen beschränkt und das Duell nur zwischen ihnen und niemandem anderen ausgetragen. Nicht nur der Bezeichnung nach ein Zweikampf, sondern auch in der Ausführung nur einer zwischen Diamond und Brown. Die eben zufällig auch Polizist und Verbrecher sind und dadurch die Ausmaße unwillkürlich wieder gesteigert werden.

Dabei ist eine stetige Trennung zwischen den handelnden Figuren vom ersten Moment hin offensichtlich. Diamond ist als Beobachter von Susan im Hintergrund ebenso weit entfernt wie auch in dem Moment, als er das erste Mal anlässlich einer Befragung direkt in ihrer Nähe ist. Seine Freundin in der normalen Welt, eine eher zweitklassige Tänzerin in einem Hinterhofschuppen, war für die sechsmonatige Observation gar kein Thema mehr für ihn; nach dem Gespräch mit Susan wird ihm die Entfernung zu beiden bewusst. Er sucht jetzt wieder Anschluss an sein Vorleben, aber daraus ergibt sich nichts mehr. Mit den Gedanken ist er woanders, das merkt er und das merkt auch sie. Empfindungen und Wünsche stellen aber nicht immer gleich automatisch eine gerade Linie zu dem gewollten Objekt oder Subjekt her; auch wenn man im gleichen Raum nah beieinander steht kann immer noch unendlich viel Distanz dazwischen sein. Und hierbei ist zwischen allen und jedem Distanz, alle sind untereinander abgeschottet. Susan kommt nicht mehr an Brown heran, dieser andersrum auch nicht mehr. Bei Diamond ist es dasselbe, für ihn sind die beiden auch unerreichbar; da helfen auch keine Massenverhaftungen, Lügendetektortests und ausgesprochene Drohungen.
Er hat nichts in der Hand und Brown lässt ihn dass auch ganz deutlich spüren: Indem er ihn zwar anredet, wenn er ihm sein mickriges Gehalt vorhält; aber die Warnung seinerseits über einen zweiten Mann ausrichten lässt, obwohl der Angesprochene zum Anfassen nah vor ihm steht.

Ebenso schnell, wie der Film die Wirkung dadurch erlangt, dass er unter der nicht nur scheinbar kalten Oberfläche brodelt, so schnell muss er auf diese Konturen zurückgreifen. Aufgrund der Bündelung auf zumeist negativen Emotionen verpasst man abseits dieser Fokussierung nämlich eine bezüglich des formellen Genres interessante Geschichte. Der reine Plot abseits der Stimmungslage ist derartig isoliert nicht in dem Status, für genug Aufmerksamkeit zu sorgen; anstatt die Geschehnisse in der Gegenwart vorwärtszutreiben geht man in die Vergangenheit. Ist man nicht in der Situation, jetzt für Recht und Ordnung zu sorgen, muss man es eben rückwirkend versuchen; im Nachhinein etwaige Fehler erkennen und ausmerzen und so Ursache und Wirkung an der Wurzel packen.
Brown war nämlich schon einmal verheiratet, Susan erfährt dadurch zufällig und versucht sich auch deswegen mit Tabletten umzubringen. Bei ihrer knappen Rettung nennt sie in ihrer Trance den aufgeschnappten Namen. Alicia.
Diamond wird hellhörig und setzt alles daran, hinter das Geheimnis dieser wohl verschwundenen Frau zu kommen und über dem rein intimen Wege mehr Erfolg zu haben.

Storytechnisch macht einen dieser Punkt alleine aber nicht neugierig; man kennt die Frau nicht und will auch keinen etwaigen jahrelang vergangenen Mord mitaufklären. Man will nicht zusehen, wie fast einhundert Gangster nur wegen einem akzidentell aufgeschnappten Frauennamen verhaftet und eingesperrt werden – Anklagepunkt ist ?
Auch verschwindet für einige Minuten die sonstige Ökonomie, das B – Moviemässige wird einige Male unfreiwillig sehr deutlich klar und man muss sich jetzt auch im Vorübergehen die wichtigen Kernpunkte selbstständig herausfiltern. Der nunmehrige Sachverhalt kennzeichnet nämlich lediglich nur weiterhin die Ursprungsposition und verwischt durch die doppelte Betonung den bisherigen Abdruck fast mehr als das er ihn verdeutlicht.
So sind es dann die kleinen, auf den ersten Blick unauffälligen Momente, die entscheidend für die Zeichnung des auf allen Seiten unzufriedenen Territoriums sind. Analog zum Vorspann, der die Stadt erst in der breiten, anonymen Draufsicht zeigt und sich nach und nach tiefer in die Strassen begibt und einzelne Personen ins Auge fasst, besteht der Film in zunehmender Weise aus hervorstechenden Bausteinen, die trotz und innerhalb der grossen Erzählung auffallender werden und die Ereignisse ungeachtet gleichbleibender Kontraste massgeblich unterstreichen.

Regisseur Lewis, der zuvor mit Alarm in der Unterwelt [ 1949 ], Gefährliche Leidenschaft [ 1949 ] und Schrei des Gejagten [ 1953 ] schon jeweils einige Elemente anskizziert hat, vertraut dem Drehbuch und seinem Director of Photogaphy John Alton und filmt analog dazu die Bilder aus einer eher beherrschten, unerregbaren Sichtweise; hebt nicht jeden Standpunkt durch Akzentuierung extra hervor, sondern lässt das Skript in einer entsprechend kühlen Umsetzung wirken. Lokalisiert die Schauspieler in engen und kargen Räumen, von allen Seiten eingeschlossen, kaum Aussendrehs, wenig Bewegungsfreiheit. Cool, überlegen, illusionslos. Unbeugsam. Melancholisch. Weltverachtend.
Ergeben tut dies eine minimalistische Blosslegung der Zerrissenheit, randscharf durch die überlegene Kamera eingefangen und besonders gegen Ende hin mit einigen eindrucksvollen Szenen; zumeist auf der Gangsterseite. Eine stumme Maschinengewehrgarbe. Das Zusammenleben von Fante und Mingo; den einzigen zwei Menschen in der Geschichte, die sich bis zum Tod hinaus vertrauen können und wirklich zueinander gehören.
Einzig das Finale Brown gegen Diamond in einem lichtlosen Flugzeughanger enttäuscht. Die bisherige Angleichung von Cop und Gangster wird zeitweilig aufgehoben, weil einer sich selber zerstört und überhaupt nicht mehr derselbe ist und der andere nur einen Bruchteil übernimmt. Nach Happy End fühlt sich die Auflösung trotz oder eher gerade wegen der Casablanca – Bilder nicht an, weil es unpassend erscheint und abseits dessen hier mal generell gar nichts wirkt. Respekt und Überzeugung sind schon verloren gegangen, der Rest von Selbstachtung folgt wohl bald hinterher. Dann verschwindet man in eine ungewisse Zukunft. Finsternis.


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