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Barbara (2012)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 9 / 10)
eingetragen am 16.03.2012, seitdem 534 Mal gelesen



Das Jahr 1980, in dem Christian Petzolds Film „Barbara“ spielt, ist gut gewählt. In der DDR war noch nichts vom materiellen Niedergang spürbar, der knapp zehn Jahre später zur Wiedervereinigung führte, und beide deutsche Staaten hatten die Teilung inzwischen als gegeben akzeptiert. Sie war in den Köpfen der Menschen zur Normalität geworden.

Petzolds Film zeichnet ein Leben in der mecklenburgischen Provinz, direkt an der Ostsee, das von dieser Normalität geprägt wird. Es ist ein Alltag, der ohne die typischen Klischees auskommt, die in der DDR keineswegs so omnipräsent waren, wie es in gegenwärtigen Betrachtungen manchmal den Anschein hat - weder halten kommunistische Kader ideologische Reden, noch laufen FDGB-Jugendliche durchs Bild und nicht einmal Erich Honeckers Konterfei schmückt eine Wand. Dass die Ärztin Barbara (Nina Hoss) hier ihre Arbeit aufnimmt, weil sie nach einem Ausreiseantrag von der Berliner Charité strafversetzt wurde, und ihr Chef André (Ronald Zehrfeld) vom ortsansässigen Polizeioffizier Klaus Schütz (Rainer Bock), der sie zudem ungeniert überwacht, entsprechend eingewiesen wird, scheint dagegen außergewöhnlich zu sein, aber dieser Eindruck täuscht – auch diese Art der Bevormundung des Staates bei missliebigem Verhalten eines Bürgers war normal.

Einzig Barbara selbst scheint aus dem Rahmen zu fallen, denn die sehr zurückhaltend agierende, attraktive blonde Frau fällt sofort durch ihre Intelligenz, aber auch ihre Anteilnahme am Schicksal ihrer Patienten auf, während sie keinerlei Interesse an sozialen Kontakten zu ihrer Umgebung zeigt. Selbst André, der sich sehr freundlich um sie bemüht, kann ihre Abwehrhaltung nicht durchbrechen. Stattdessen wird deutlich, dass sie den Plan hat, aus der DDR zu fliehen. Entgegen der polizeilichen Anweisungen, entzieht sie sich kurzfristig deren Beobachtung und übernimmt ein größeres Bündel an Geldscheinen, das sie sorgfältig versteckt – eine zwingend erforderliche Vorgehensweise, denn nach ihrer Rückkehr muss sie sich eine komplette Wohnungsdurchsuche gefallen lassen, die auch nicht vor einer erniedrigenden Leibesvisitation halt macht.

Entscheidend für die Wirkung dieses Geschehens, das thrillerartige Elemente beinhaltet und erhebliche Spannung erzeugt, ist das Fehlen einer Motivation, die über den Wunsch hinaus geht, ein selbstbestimmtes Leben führen zu dürfen. Barbara hat weder politische Ambitionen, noch besondere materielle Vorstellungen, was sich in einer der schönsten Szenen des Films zeigt, als sie einer jungen Frau in einem Hotel begegnet, wo sie sich mit ihrem westdeutschen Geliebten Jörg (Mark Waschke) heimlich getroffen hatte. Diese hatte gerade mit dessen Freund geschlafen und sieht in Barbara eine Art Verbündete, die sich ebenfalls Wohlstand und Freiheit von dieser Begegnung verspricht. Während die junge Frau ihr einen Katalog voller bunter Bilder zeigt, wird deutlich, dass Barbara regelrecht erstaunt ist über deren fast kindliche Begeisterung.

Zusätzlich stellt Petzold der Figur Barbara, die zum Opfer der Staatsräson wird, eine andere Figur entgegen, die die Einschränkungen des Staates durchaus kritisch sieht, sich aber innerhalb dieses Umfelds einen Freiraum geschaffen hat – den Chefarzt des Krankenhauses André. Dahinter verbirgt sich keine Idealisierung des DDR-Alltags, sondern im Gegenteil wird in seiner Vorgehensweise deutlich, das geschicktes Taktieren und Organisationstalent zur zwingenden Fähigkeit werden musste, um ganz normale Voraussetzungen zu erfüllen – keineswegs nur zum eigenen Vorteil, sondern um angemessen seiner Arbeit nachgehen zu können. Andrè überrascht Barbara damit, dass er über ein funktionierendes Labor verfügt, aber er erzählt auch von dem Tod von Frühgeburten, da die Betriebsanleitung der extra von ihm aus dem Ausland besorgten Apparate nicht in Deutsch war und es zu einem folgenschweren Fehler kam.

Es sind nicht die Extreme, die von Petzolds Film besonders in Erinnerung bleiben, sondern die Dinge, an die man sich im damaligen Alltag gewöhnt hatte, die als normal galten – bis zu dem inneren Zustand, schon mit seiner Umgebung abgeschlossen zu haben (9/10).


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