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Reluctant Fundamentalist - Tage des Zorns, The (2013)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 7 / 10)
eingetragen am 04.05.2014, seitdem 601 Mal gelesen



„Der amerikanische Albtraum"

Der 11. September 2001 ist eine „der" Zäsuren in der Geschichte, so viel steht jetzt schon fest. Der Anschlag auf die Zwillingstürme des New Yorker World Trade Center traf nicht nur Selbstverständnis und innergesellschaftliches Miteinander der USA bis ins Mark, sondern zeitigte auch einschneidende Veränderungen im Umgang mit dem Ausland sowie den daraus kommenden Besuchern. Die bis dato sich ihrer Weltoffenheit und dem programmatischen Ideal individueller Freiheiten rühmende Weltmacht war v.a. psychologisch in ihren Grundfesten erschüttert und verfiel nach der ersten Schockstarre in ein innen- wie außenpolitisch gefährliches Stimmungsgemisch aus Angst, Paranoia und Aktionismus.

Im US-Kino führen diese ebenso einschneidenden wie weitreichenden Veränderungen nach wie vor lediglich ein Schattendasein, zu unbequem, vielleicht auch zu verstörend scheint der Stoff für die seit Jahrzehnten weitestgehend entpolitisierte Traumfabrik. Wenn überhaupt, dann widmet man sich den eigenen Befindlichkeiten und dann vornehmlich fokussiert auf die Tat („World Trade Center") sowie die Jagd nach dem Täter („Zero, Dark, Thirty").
Mehr Mut und eine geweitete Perspektive beweist da schon das in puncto Innovation und Brisanz dem Kino immer mehr den Rang ablaufende Fernsehen. Die in die dritte Season gehende Drama-Serie „Homeland" um einen möglicherweise von der Al-Quaida umgedrehten US-Kriegshelden beackert derzeit das vermeintlich verminte Gebiet mit erstaunlichem Erfolg.

Der von der indischen Regisseurin Mira Nair inszenierte „The Reluctant Fundamentalist" geht da sogar noch einen Schritt weiter, indem er die Auswirkungen des 11. September am Schicksal eines Amerika-affinen Pakistani beleuchtet.  
So legt der aus gut situierten Verhältnissen stammende Changez (Riz Ahmed) zunächst eine Bilderbuchkarriere im von ihm verehrten Land der unbegrenzten Möglichkeiten hin. Nach erfolgreichem Princeton-Studium heuert er bei einer der renommiertesten Unternehmensberater-Firmen der Wall Street an. Mit Hilfe seines Mentors Jim Cross (Kiefer Sutherland) legt er auch dort einen rasanten Aufstieg hin. Als er sich schließlich in die Tochter eines der Partner verliebt, scheint der amerikanische Traum perfekt.

Der Zuschauer weiß allerdings von Beginn an, dass der Traum ein jähes Ende gefunden hat. Denn der Film beginnt mit der Entführung eines US-Professors im pakistanischen Lahore und den Ermittlungen des Journalisten Bobby Lincoln (Liev Schreiber) im Auftrag der CIA. In einem örtlichen Lokal trifft er den inzwischen als Professor in Pakistan lehrenden Changez, von dem die Agency vermutet, dass er in den Entführungsfall verwickelt ist. Getarnt als Interview soll Lincoln den für seine US-kritische Haltung bekannten Changez aushorchen ...

In diesen Gesprächen enthüllt Autor Mohsin Hamid - der auch die Romanvorlage lieferte - nach und nach die Stationen von Changez Amerika-Aufenthalt. Sein kometenhafter Aufstieg wird von den Auswirkungen des 11. September so unvermittelt wie hart gestoppt. Nach dem Anschlag bekommt die heile Welt des zu 100 Prozent integrierten, allseits beliebten und zudem äußerst erfolgreichen Pakistani zunehmend Risse in Form von schikanierenden Flughafenkontrollen und Anfeindungen auf offener Straße.

Einer der interessantesten Aspekte des Films ist die Gegenüberstellung von wirtschaftlich motiviertem Fundamentalismus und der religiös-ideologisch geprägten Variante. In beiden Fällen gibt es keinen Platz für Zwischentöne, oder alternative Lösungsmöglichkeiten und in beiden Fällen sind die Auswirkungen für den ausgemachten Gegner fatal. Changez selbst werden diese Parallelen in einer der Schlüsselszenen des Films bewusst und er zieht daraus die entsprechenden Konsequenzen.

Natürlich kann man „The Reluctant Fundamentalist" an dieser Stelle Plakativität und Oberflächlichkeit vorwerfen, zumal das zumindest teilweise versöhnliche Ende dafür weitere Munition liefert. Auch dem Protagonisten Changez hätte eine komplexere und tiefgründigere charakterliche Ausarbeitung nicht geschadet. Für den Zuschauer ist weniger die Figur packend, als vielmehr die von ihr erzählte Geschichte.
Dennoch greift der Film publikumswirksam die mit dem 11. September verbundenen Auswirkungen auf das globale Zusammenleben auf. Veränderte Denkmuster spielen dabei ebenso eine Rolle, wie verhärtete Fronten und verengte Perspektiven. Viele Fragen werden aufgeworfen, die mindestens nachdenklich stimmen und sich über das Filmerlebnis hinaus festsetzen.

Es ist in diesem Zusammenhang ein Glücksfall, dass der Film von einer in den USA lebenden und arbeitenden Ausländerin gedreht wurde, die die Befindlichkeiten ihrer Hautfigur aus eigener Erfahrung kennt und zudem einen unverstellten Blick auf die nach dem 11. September veränderte amerikanische Gefühlswelt aus unmittelbarer Nähe ermöglicht. Der bescheidene finanzielle Erfolg an den Kinokassen wird dem Film trotz seiner unbestreitbaren Schwächen nicht gerecht und ist ein weiterer Beleg für diese nach wie vor offenbar eher unangenehme Thematik.


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