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Jack Reacher (2012)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 8 / 10)
eingetragen am 03.01.2013, seitdem 2212 Mal gelesen



„Das Gesetz ist ihm egal. Beweise sind ihm egal. Ihn interessiert nur Gerechtigkeit!"

Das klingt nicht gerade nach politisch korrekter Polizeiarbeit, Dirty Harry dagegen dürfte bei diesen Zeilen schmunzelnd seine 44er Magnum tätscheln. Doch anders als sein vermeintliches Alter Ego ist Jack Reacher ein Phantom. Nach einer Bilderbuchkarriere als Militärpolizist taucht er plötzlich ab und ist wie vom Erdboden verschwunden.
Erst als der ehemals von ihm dingfest gemachte Ex-Army-Scharfschütze James Barr erneut Amok läuft und fünf Zivilisten erschießt, erscheint Reacher wieder auf der Bildfläche. Schließlich hat er mit Barr noch eine Rechnung offen, da der Mehrfachmörder seinerzeit aus politischen Gründen einer Verurteilung entgangen war. Aber obwohl Barr sich dessen bewusst ist und die Beweislast gegen ihn erdrückend erscheint, verweigert er die Aussage und kritzelt lediglich drei Worte auf einen Zettel: „Get Jack Reacher!"
Als Zuschauer weiß man da schon längst, dass Barr gar nicht der Todesschütze ist und ganz offensichtlich als Sündebock ausgewählt worden war. So geht es bei diesem durchgängig spannenden Krimi-Puzzle auch nicht so sehr um das wie, sondern vielmehr um das warum. Und wer wäre zur Aufdeckung eines solchen Komplotts besser geeignet als der brilliante Spürhund Jack Reacher.

Der britische Thrillerautor Lee Child hat den kompromisslosen Army-Ermittler 1997 zum Leben erweckt, aus rein wirtschaftlichen Nöten, wie er immer wieder kokettiert. Diese dürfte er inzwischen längst hinter sich gelassen haben, erfreut sich doch Reacher vor allem in den USA (und dort besonders im konservativen Südwesten) einer enormen Beliebtheit. Dementsprechend groß war die Entrüstung, als ausgerechnet der bekanntermaßen kleinwüchsigeTom Cruise den blauäugigen 1,95 m-Hünen spielen sollte.
Trotz dieser Unkenrufe im Vorfeld macht Cruise seine Sache ausgezeichnet und verpasst dem Ermittlerass eine gehörige Packung Kaltschnäuzigkeit, Coolness und gnadenlose Souveränität, die an seelige Steve McQueen-Zeiten erinnert. Cruise hat inzwischen genau das richtige Alter für solche in sich ruhenden Charaktere und tut überdies gut daran, seine Paraderolle als jungenhafter Heißsporn endgültig ad acta zu legen. Auch Reacher-Schöpfer Child war nach eigenem Bekunden ganz angetan von Cruises Interpretation, bei Literaturverfilmungen ja ein eher selten zu beobachtendes Phänomen.

Souverän agiert auch Regisseur und Autor Christopher McQuarrie. Schon bei seinen Drehbüchern zu den Bryan Singer-Hits „Die üblichen Verdächtigen" und „Operation Walküre" hat der Australier bewiesen, dass Spannung nur wenig mit Geschwindigkeit und optischen Knalleffekten zu tun hat. So nimmt er sich nach dem rasanten Einstieg viel Zeit um Reachers Ermittlungsmethoden und seine Zusammenarbeit mit Barrs Anwältin Helen Rodin (Ex-Bondgirl Rosamund Pike gewohnt unterkühlt) auszubreiten, ohne dabei in die Ödnis-Falle zu tappen.
Die eingestreuten Actionszenen dienen ebenfalls mehr der Charakterisierung Reachers als der Ablenkung des Zuschauers von narrativer Leere und kommen wohltuend schnörkellos und bodenständig daher. McQuarrie braucht keine Wackelkamera um Authentizität vorzugaukeln und auch keinen Cutter auf Exctasy um Rasanz vorzutäuschen. Ähnliches gilt für Inszenierung und Choreographie. Weder sieht bei den Faustkämpfen jeder Schlag tödlich aus, noch benötigt der Held hunderte davon, um seine Gegner auszuknocken. Auch bei den Autoverfolgungsjagden explodiert nicht jedes zweite Fahrzeug, oder wird in 5 Minuten die Monatslieferung für einen mittelgroßen Schrottplatz produziert.
Die eigentliche Handlung ist zwar nicht sonderlich komplex, schnurrt aber zielstrebig und ohne unnötige Verschnaufpausen auf den Schlussakt zu, bei dem Reacher seinen eingangs umrissenen Ruf zementiert. Auch wenn der Begriff „Old school" schon etwas abgegriffen sein mag, hier sitzt er wie ein gut getimter Faustschlag.

Auch bei der Figurenzeichnung gibt es bei Quarrie nicht viel Schnick-Schnack. So wird ähnlich wie Reacher auch sein Gegner Zec („Fitzcarraldo"-Regisseur Werner Herzog in einem herrlich skurrilen Auftritt an dem bestimmt auch Klaus Kinski seine Freude gehabt hätte) mit einem kurzen aber nachhaltigen Knall eingeführt, der den Charakter über die gesamte Laufzeit trägt.
Natürlich ist bei einer Figur wie Reacher die Gefahr einer karikaturhaften Überzeichnung permanent greifbar. Cruise umschifft diese Klippe gekonnt mit einem immer wieder  aufblitzenden Augenzwinkern, das dem Panzer der Gefrierschrank-Coolness ein paar Luftlöcher verschafft. Das mag zwar nicht ganz den Ton der Romane treffen, funktioniert aber im Kontext der Kinoadaption ausgezeichnet.

Ob der Romanheld Jack Reacher auch auf der großen Leinwand in Serie geht bleibt indes abzuwarten. Zu wenig schert sich der Film um Konventionen und Manierismen moderner Action-Thriller. Für Cinephile die auch dem entsprechenden Genre-Kino vor der Jahrtausendwende etwas abgewinnen können, ist das natürlich ein Glücksfall. Letztlich kann man wohl aber ganz beruhigt sein, schließlich hat Titelstar Tom Cruise ja auch schon eine Reihe unmöglicher Missionen gemeistert.


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