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Stirb langsam - Ein guter Tag zum Sterben (2013)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 7 / 10)
eingetragen am 15.02.2013, seitdem 1223 Mal gelesen



Es ist ungewöhnlich ruhig gewesen im Vorfeld der Veröffentlichung der neuesten und inzwischen vierten Fortsetzung der Bruce Willis auf den Leib geschriebenen Action-Reihe um den in regelmäßigen Abständen durch quasi-apokalyptische Szenarien kletternden New Yorker Detective mit Kult-Status. Keine Pressevorführungen, kein Preview. Menschen vom Fach vermuteten vielerorts bereits Schlimmes und Schlimmstes angesichts dieser doch offensichtlich verkaufsschädlicher Kritik ausweichenden Marketingstrategie. Und nicht ganz zu Unrecht. Stimmt schon. Hier ist Vorsicht geboten.

Was zum Kuckuck macht John McClane in Moskau? Wieso der für viele doch so unvorteilhafte Tapetenwechsel? Vielleicht deshalb, damit sich die Handlung, einer Babuschka gleich, in landestypischer Manier die Haut abstreifen darf, um nach mehreren wirklich interessanten Storytwists letztendlich zum eigentlichen (Atom-)Kern der Sache vorstoßen zu können? Vielleicht. Oder aber einfach nur deshalb, damit mal ein wenig Abwechslung in die olympisch gefeierte, wenn auch thematisch doch inzwischen etwas festgefahrene Zerstörungsorgie des New Yorker Cops kommt? Womöglich. Unübersehbares Manko ist hier nun sicherlich von vornherein, dass Moskau weder das farbenfrohe, symbolträchtige Flair Washingtons besitzt, noch die fulminanten Hochhauskulissen Los Angeles‘ oder New Yorks bietet. Dessen musste sich nicht nur der Regisseur, sondern sollte sich auch das potentiell an seinem Film interessierte Publikum gewahr sein. Nimmt man dem nämlich das in vielen Jahren liebgewonnene Gewohnte und durchkreuzt das Erwartete, klopft die Schelte an die Tür. Wenn man also seitens der Verantwortlichen die Produktionsstätte schon in den monochromen Ostblock verlegt, muss Kompensation geleistet werden. Und bitte nicht zu knickrig. Und genau das ist die Frage, die individuell beantwortet werden will: Rechtfertigen die durch den Umzug neu gewonnen inhaltlichen Möglichkeiten das Verlassen der Heimat oder handelt es sich nur um einen einfallslosen Ausflug ins Graue?

Schon die unlängst ein zweites Mal entfesselten „Expendables" waren auf ihren Streifzügen schwer aufmunitioniert im Osten Europas unterwegs und folgten damit einem Trend, der B-Inszenierungen schon seit einigen Jahren weg von heimatlichen Gefilden in Länder führt, die in filmproduktionstechnischer Hinsicht ein Schlaraffenland sind. Leider gilt das nur bedingt für deren visuelle Ausdrucksmöglichkeiten, denn nicht umsonst wird da so wenig Urlaub gemacht. Klar, der wunderschöne Früh-Renaissancebau des Kremls macht was her. Kennt man aber hinlänglich und nicht zuletzt vom letztjährigen Konkurrenzprodukt „Mission Impossible - Phantom Protokoll" (2011). Vielleicht eignet sich noch die ein oder andere orthodoxe Kathedrale als Blickfang, aber bis die derzeit im Bau befindliche Wolkenkratzerskyline der Stadt eines Tages vollendet ist, war es das eigentlich schon mit dem Fotogenen. Ansonsten ist nämlich architektonisch ziemlich Ebbe unter der nebelverhangenen, nicht selten verqualmten Silhouette der russischen Metropole mit ihren sich aus den Häuserfluchten erhebenden monströsen Stalintürmen im Zuckerbäckerstil. Welcher westliche Mensch (er-)kennt das Washingtoner Kapitol im vierten Teil? Alle mal Hand heben! Und wer die Moskauer Lomonossow Universität im Fünften? Ganz abgesehen davon, dass viele Stadtansichten in Budapest gedreht wurden. Aber kehren wir zurück zu den sich durch den östlichen Schauplatz ergebenden Möglichkeiten. Was fällt einem nach seinen Vorurteilen über Russland gefragten Durchschnittsamerikaner oder -deutschen an spontanen Stichworten ein? „Staatsstreich", „Korruption" und „Atomwaffen". Und schwupp haben wir unseren Aufhänger für ein dunkles, nicht eben ungefährliches Setting außerhalb Amerikas.

Das Ganze beginnt wie immer beschaulich. John McClane (Bruce Willis) reist von New York nach Moskau, um dem Prozess seines Sohnes (Jai Courtney) beizuwohnen, der vor Ort einen (gescheiterten) Mordanschlag verübt hat. Papa kann es nicht fassen, was da in seinen Spross gefahren ist. Beim Eintreffen fliegt ihm das Gerichtsgebäude aber erst einmal unverhofft so richtig links und rechts um die Ohren. Ein krachender Einstieg für die kommenden achtzig Minuten Dauerfeuer. Den Trümmern entsteigen sein Sohnemann, praktisch unverletzt, und der Dissident Komorov (Sebastian Koch), das eigentliche Ziel der Attacke. Man ahnt als kundiger Zuschauer schon, dass es bestimmt ein Fehler war, Familie McClane so zu triezen. Doch nun heißt es erst einmal zu dritt die Flucht antreten vor den schlecht gelaunten, besser bewaffneten Spitzbuben, die sich nicht lumpen lassen, in bester Sowjetmanier gehörig Kollateralschäden in Kauf zu nehmen bei ihrem großkalibrigen Feuerüberfall auf die Fliehenden. Unterwegs im Kugelhagel wird noch das Töchterlein Komorovs aufgelesen und ab geht es nach Tschernobyl, eines der dunkelsten Geheimnisse des postkommunistischen Russlands zu lüften.

Das klingt fantastisch. Für einige gar ein wenig zu fantastisch. Doch wir erinnern uns an McClane „unter Volldampf" im Jahre 1995, als das gesamte Zentrum New Yorks mühelos von einigen besonders gut organisierten Spitzbuben geräumt werden konnte, um die Goldreserven mehrerer Länder zu entwenden. Zugegeben, John McTiernan (Predator) inszenierte seinerzeit einen ungleich solideren Meilenstein des Genres, wie er das auch schon 1988 mit dem Startschuss so einzigartig getan hatte, doch war Realitätsbezug noch nie das Steckenpferd der Reihe. Warum sich also hier auf einmal beschweren? Und wenn Vater und Sohn ohne Strahlenschutzanzüge durchs kontaminierte Niemandsland um den havarierten Reaktorblock 4 des ukrainischen Kernkraftwerks krabbeln, dann ist das genauso „Stirb Langsam" wie der Bulle im Schnee, der 1990 ein bereits gestartetes Passagierflugzeug mit seinem Feuerzeug abschießt. Oder denken wir an den lebensmüden Cop, der von einer Brücke mit seinem Jeep vierzig Meter abwärts auf ein Containerschiff hüpft, das wenig später in einer nukleargleichen Explosion pulverisiert wird, der die beiden Helden problemlos durch einen eleganten Hechtsprung ins Wasser entkommen. Sicher, man hätte im Jahre 2013 nicht so weit gehen müssen, den Schurken Hausmittelchen in die Hand zu drücken, mittels derer man mühelos in Sekunden nukleare Strahlung neutralisieren kann. Wäre das möglich, sollte nämlich mindestens ein Nobelpreis drin sein. Doch genug der recht oberschlauen Anmerkungen. Nicht der ein oder andere Logikfehler ist entscheidend, sondern die logische Verknüpfung der einzelnen Bausteine des Gesamtpakets. Und ohne an dieser Stelle zu viel verraten zu wollen, die passt.

Bombastisch muss Action heute sein. Laut, schrill, bunt, überdimensioniert. Sonst bleibt man gegen die Konkurrenz, die sich aus den derzeit so beliebten Captain Americas, irgendwelchen Verwandlungsrobotern aus dem All, den G.I. Joes und titelgebenden, völlig unmöglichen Missionen rekrutiert, auf der Strecke. Das jugendliche Zielpublikum hat angesichts lebenslanger multimedialer Bombardierung eine höhere Reizschwelle als wir älteren Semester. Eine Filmproduktion der Bauart wie „Stirb Langsam" muss das unter anderem berücksichtigen. So schmerzhaft das für manche Fans ist. Nicht ohne Grund floppen derzeit die eben nicht auf visuell oberflächliches Spektakel ausgelegten Spätwerke unserer alten Haudegen um Schwarzenegger und Stallone. Einzig die Expendables-Reihe, die aus ihrem All-Star Ensemble Energie zieht, hält sich erfolgreich über Wasser. Allerdings ebenfalls nur unter Zuhilfenahme oft etwas ungezielter, wild polternder Action, die nur bedingt realitätsverhafteter ist als McClanes Spaziergang um den Reaktor. Natürlich, „Stirb Langsam" war stets dafür zurecht so frenetisch bejubelt, mit besonders ausgebufften Drehbüchern prahlen zu können und ganz außergewöhnlich fähige Darsteller, wie Alan Rickman oder Samuel L. Jackson in Szene setzen zu dürfen. Auch hier muss der neueste Teil, der gute Tag zum Sterben, Federn lassen. Jai Courtney überzeugt zwar als mürrischer Sohn mit Null Bock auf Paps, doch wirklich im Gedächtnis bleibt er nicht. Ob Sebastian Koch als *Spoiler* charismatischer Bösewicht taugt, bleibt für viele offenbar ebenfalls diskutabel. Ist es aber eigentlich nicht. Der Mann spielt klasse und völlig überzeugend. Aber er ist eben kein Shaft *Spoiler Ende*.

Womit steigert denn nun „Stirb Langsam - Ein guter Tag zum Sterben" seinen Marktwert? Wie will er gar seinen Anspruch darauf, eine vollwertige Fortsetzung der beliebten Reihe zu sein, unterstreichen? Mit Action, viel Action und noch mehr Action. Und die ist vortrefflich bebildert. Ohne Unterlass wird im Schnellfeuer großer Helikopterkanonen Moskau und dann Tschernobyl zerbröselt. Die Effekte sitzen, die Treffer auch. Seit längerem wurde der Film mit einem weniger lukrativen R-Rating beworben, was alteingesessene Fans der Reihe ins Kino locken sollte. Und das unverwackelte, aber eben nicht jugendfreundliche Draufhalten tut den Bildern sichtlich gut. Apropos Bilder. Wenn zuletzt um den von pechschwarzer Nacht umhüllten Reaktorblock gefochten wird und das Mündungsfeuer der beteiligten Kontrahenten die Dunkelheit durchzuckt, wirken diese Szenen durchaus apokalyptisch. Schwer hätten solche optisch beeindruckenden Momente auf den amerikanischen Kontinent übertragen werden können. Tschernobyl ist für dieses geschwärzte Alptraumszenario freilich als Kulisse prädestiniert.
Neben der Action und der überzeugenden Kameraarbeit bleibt ein weiterer Wesenszug der Reihe auch ohne Herz-Lungen-Maschine am Leben, der Spaß. McClanes Sprüche sind so unterhaltsam mit resignativer Sturheit durchtränkt wie immer. Der sich stoisch gegen die Fluten stemmende Detective kommentiert den um ihn herum entfachten Wirbelwind mit gewohntem Esprit und entrückter Beiläufigkeit. Niemand schlittert so entspannt durch einen alles versengenden Feuersturm wie Willis als McClane.
Bleibt das Drehbuch. Hier fehlt zwar sicherlich die zwingende Genialität eines „Die Hard - With a Vengeance", aber die oben erwähnten Plottwists retten den Film über das Mittelmaß anderer Genreproduktionen, wenn es auch nicht dazu ausreicht, ihn auf das Niveau seiner vier Vorgänger zu hieven. Auch der inzwischen von vielen, anfangs verstimmten Fans in die Familie aufgenommene vierte Teil hat hier klar die Nase vorn. Aber was will man auch mit der bereits bizarr kurzen Spielzeit inszenieren? Sicher nichts Episches. Auch wenn die etwas zu pathetischen, ins dämmernde Sonnenlicht getunkten Bilder des Familientreffens ausgangs anderes implizieren wollen.

Um auf unsere eingangs gestellte Frage zurückzukommen, ob denn nun die Story den Umzug zum versuchten Staatsstreich nach Mütterchen Russland mit einem Tagesausflug nach Tschernobyl rechtfertigt, so möchte man sagen, ja. Abwechslung ist das halbe Leben. Und das Leben ist kurz. Wie „Stirb Langsam - Ein guter Tag zum Sterben".


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