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Blue Jasmine (2013)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 10 / 10)
eingetragen am 12.07.2015, seitdem 146 Mal gelesen



Psychose des Geldes *****

"Blue Jasmine" ist in fast fünfzehn Jahren (seit "Schmalspurganoven") wieder ein proletarischer Film von Woody Allen: jene bourgeoise Gesellschaft des guten und schönen Lebens, der Wohlerzogenen und ihrer Problemchen, die in seinen Filmen in den letzten Jahren für gewöhnlich sonst immer dargestellt wurde, wird hier einmal auf die Probe gestellt und selbst einer gehörigen Critique unterzogen. Allen goes Chabrol, gewissermaßen: so blickt er damit auch hinter die Fassaden seiner eigenen alljährlichen Trubel - mit der Finanzkrise von 2008 als idealem Aufhänger um derlei kultivierte Wohltätigkeit, bereiste Scheinwelten, den ganzen Reichtum und dessen (Un-)Vermögen zu befragen.
Jasmine lebt - zwischen Selbstgesprächen, Tabletten und Alkohol - in einer melancholischen Zwischenwelt: als ehemalige Society-Lady nach dem Freitod ihres sie und die Welt betrogenen Mannes geplagt von Existenzängsten, gesellschaftlichem und "sozialem" Abstieg. 
Spannend an "Blue Jasmine" ist vor allem, was der Film nicht zeigt: so bleibt die Beziehung zwischen Jasmine (Cate Blanchett) und ihrem Täter-Mann, in vielen Rückblenden großartig gespielt von Alec Baldwin, weitgehend oberflächlich - auch die Innenwelt ihrer Adoptivschwester, nicht minder eindrucksvoll Sally Hawkins, eher verborgen, während die überaus problematische Beziehung zu ihrem eigenen Sohn gleich ganz ausgeblendet wird. Das mag, gerade für Woody-Allen-Verhältnisse, seltsam und manipulativ wirken, hat allerdings einen ganz bestimmten Grund: so soll darüber jener Mythos für das Publikum zweifellos mit aufgebaut werden, welcher die Figur und deren Anmut, ihre Attraktivität und Unberührbarkeit, sogar in die neue Welt ihrer Schwester, zu der sie kurzfristig gezogen ist, begleitet hat.
Bei Woody Allen gewohnt bis in die Nebenrollen (Andrew Dice Clay) großartig besetzt. Dort umweht sie nämlich weiterhin jene Aura des Wohlstands und der Größe, die in jeder Beziehung immer noch Stahlkraft hat, das heißt auch ihr neues soziales Umfeld zunehmend beeindruckt: wenn da bloß nicht diese Schuld samt, trotz allem, nostalgischem Schwelgen in Erinnerungen wäre - was, wie sich später herausstellt, nichts als Reue überlagern soll.
Denn Jasmine hat, das heißt trotz ihrer Problematiken, beinahe unverschämtes Glück: die eitle, verklemmte und im Grunde höchst selbstsüchtige Frau hat die herzensgute, wenn auch vielleicht ebenfalls von sich aus etwas unzufriedene, Adoptivschwester, die so ganz anders ist als sie selbst ist, eigentlich nicht verdient.
Dann kann sie sich der Männer beinahe nicht erwehren: zunächst bedrängt sie ein zurückgebliebener Zahnarzt, bei dem sie nach viel Tamtam als Sprechstundenhilfe anfängt, dann angelt sie sich - als vermeintliche Innenarchitektin - fast noch einen Diplomaten.
Interessant ebenfalls, dass der Film damit, also mit dieser Folgenabschätzung von Verlogenheit und (politischer) Heuchelei, an der Westküste spielt: in mancherlei Hinsicht kann "Blue Jasmine" als erster New York-kritischer Film von Woody Allen bezeichnet werden, da aus dieser Stadt hier eher das Unheil kommt. Und leiden die meisten seiner Figuren sonst an zwar verschrobenen, aber eher harmlosen Neurosen und traditionellen Beziehungsschwierigkeiten, ist der Zustand dieser Jasmine wesentlich ernster: selten wurde Allen's eigenem Sager von der Komödie als Tragödie invertiert, besser Ausdruck verliehen als hier. Und am Ende löst der Film das Mysterium um die Aura dieser Figur sogar auch noch auf, also bleibt nicht nur der Eindruck einer Satire zurück: gut möglich, dass er deshalb - ganz nebenbei - sein politischster Film überhaupt ist und damit für mich seit langem auch absolut sehenswert.

Rating 10


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