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Flesh + Blood (1985)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 7 / 10)
eingetragen am 12.09.2005, seitdem 785 Mal gelesen



Mit „Fleisch+Blut“ schuf Paul Verhoeven einen Abenteuerfilm in historischem Gewand. Er spielt im späten Mittelalter, an der Schwelle zur Neuzeit. „West-Europa, 1501“ lautet die knappe Bestimmung von Ort und Zeit. Den Namen der Hauptfiguren nach dürfte die Handlung in Italien spielen. Aus gutem Grund werden keine genaueren Angaben gemacht, denn Geschichtskenner werden schon so mittelschwere Zuckungen bekommen, wenn sie sehen, was Verhoeven ihnen an historischen Fehlern zumutet. Derartige Anachronismen spielen aber keine Rolle, Verhoeven hat bewusst keinen Historienfilm gemacht, sondern erzählt eine frei erfundene Geschichte.
Der Film beginnt mit einer imposanten Belagerungsszene. Fürst Arnolfini und sein Sohn wollen eine befestigte Stadt zurück erobern, die man ihrer Herrschaft entrissen hat. Dazu bedienen sie sich der Söldnertruppe von Captain Hawkwood, in der Söldner aus ganz Europa beschäftigt sind. Eine wilde Bande, die nur Krieg, Saufen und die mitgeführten Huren im Kopf hat. Moral spielt für keinen eine Rolle. Unter ihnen Martin (Rutger Hauer), der einer der besten Kämpfer der Truppe ist. Arnolfini verspricht ihnen, dass sie die Stadt einen Tag lang plündern dürfen, wenn sie sie erobern. Nach der blutigen Erstürmung der Stadt hat er natürlich ein kein Interesse an weiteren Schäden durch fortgesetzte Plünderungen. Er besticht Hawkwood, der daraufhin seine Truppe verrät. Mit Schimpf und Schande werden die Söldner unter Martins Führung ohne Waffen und Beute aus der Stadt vertrieben.

Martins Gruppe der ausgestoßenen Söldner scheint am Ende. Fast als Symbol der hoffnungslosen Lage gebiert die Lagerhure Celine (Susan Tyrrell) ihm ein totes Kind. Doch als die Talsohle erreicht ist, kommt es zu einem ebenso symbolischen Wendepunkt. Bei der Bestattung des Neugeborenen taucht aus dem schlammigen Erdreich die hölzerne Skulptur eines Heiligen auf, des heiligen Martin, wie der „Kardinal“ als Priester der Gruppe sofort erkennt. Die Statue begleitet von nun an die Söldnertruppe als eine Art Schutzpatron, um den sie einen sektiererischen Kult treiben. Da der heilige Martin auch Namenspatron ihres Anführers Martin ist, wird dessen Stellung gewissermaßen religiös gestärkt.
Kurze Anmerkung für Nichtkatholiken: Martin war ein spätantiker Heiliger, der vor den Stadttoren von Amiens einen Bettler sah und ihm die Hälfte seines Gewandes schenkte, welches er vorher mit seinem Schwert geteilt hat. Der heilige Martin steht also für einen Ritter, der nicht gierig das Eigentum für sich behält, sondern es uneigennützig unter die Armen verteilt.
Abermals fügt Verhoeven seinem Film eine neue inhaltliche Ebene hinzu. Erkennbar war er mit „Fleisch+Blut“ auf mehr aus, als bloße Abenteuerhandlung. Das Leitmotiv des „heiligen Martin“ soll dem Film eine gesellschaftskritische Dimension geben, ja in der symbolischen Konzeption sogar Anschluss an die politische Wirklichkeit Mitte der Achtziger Jahre gewinnen.

Martin als Rächer der Erniedrigten, Entrechteten und Beleidigten? Die Söldnertruppe als protokommunistische Widerstandsgruppe der einfachen Menschen gegen die Herrschaft des Adels? Wird der Kampf zwischen Martin und Arnolfini in einen gesellschaftlichen Hintergrund eingebettet, der persönliche Leidenschaften und mit sozialer Sprengkraft verbindet? Der Film beantwortet die von ihm selbst aufgeworfenen Fragen leider nur auf höchstens lauwarme Weise. Martins Söldner kleiden sich alle einheitlich in rote Gewänder und wollen alles miteinander teilen, so dass wohl jedem Zuschauer die Anspielung klar wird, aber die geweckten Erwartungen werden nur bedingt erfüllt. Man sieht zwar, dass dauernd irgendwelche Schlachten geschlagen, Konflikte angerissen und Leidenschaften ausgelebt werden, doch läuft dies auf eigentümliche Weise losgelöst von den dramaturgischen Hauptlinien, die für jeden sichtbar in der Einleitung entworfen worden sind.
Das Thema der Auseinandersetzung zwischen den gesellschaftlichen Klassen wird nur angerissen, aber nicht weiterentwickelt. Martins Truppe gelingt es Agnes (Jennifer Jason Leigh), die Verlobte des jungen Arnolfini, zu entführen. Die vermeintliche Unschuld entpuppt sich aber als ausgekochtes Früchtchen, die alle gegeneinander ausspielt. Dies spannende Handlungselement wird leider nicht mit den politischen Motiven des Films verknüpft. Agnes als Spaltpilz, die durch ihre verdeckten Intrigen die Gemeinschaft der Söldner spaltet, bleibt gesellschaftlich unbestimmt. Sie scheint ganz als kaltblütig kalkulierende Intrigantin, die mit zwei Männern spielt, und zuwenig als Vertreterin des Adels. Alles opfert Verhoeven dem Spannungsmoment der Intrige, sogar die Möglichkeiten der Eifersuchtsgeschichte. Martins ehemalige Geliebte Celine gebärdet sich verständlicherweise eifersüchtig, was jedoch merkwürdig eindimensional bleibt und zu keiner dramatisch voll ausgeschöpften Dreiecksgeschichte führt. Angesichts der Bedeutung, den dieser Konflikt haben müsste, verschwindet er sang- und klanglos aus der Handlung.
Dem Zerfall und Untergang der Söldnertruppe durch eine mittelalterliche Form von biologischer Kriegführung – es wird pestverseuchtes Fleisch eingesetzt - fehlt es an gesellschaftlicher und psychologischer Tragik. Wenn man sich nur kurz vergegenwärtigt, welchen Schrecken die Pest unter den Menschen des späten Mittelalters auslöste, dann mangelt es Verhoevens Inszenierung einfach an existentiellem Gewicht. Die Brunnenvergiftung mit dem verseuchten Tierkadaver gibt Anlass zu einem vordergründigen Ränkespiel und lautstarkem, aber wenig konsequentem Entsetzen unter Martins Leuten.
Am blutigen Ende steht mehr eine private Abrechnung, als die Auseinandersetzung von zwei Gesellschaftsgruppen. Obwohl sehr symbolisch die Statue des heiligen Martin gestürzt wird, hat man nicht den Eindruck, hier sei eine politisch bedeutsame und auch bedrohliche Idee untergegangen, sondern eine kleine nebensächliche Spinnerei. Der symbolische Aufwand, mit dem das Leitmotiv des heiligen Martin eingeführt wurde, steht in einem groben Missverhältnis zu seiner dramaturgischen Bedeutung im weiteren Verlauf des Films.

Leider konzentriert sich das Drehbuch sehr Verhoeventypisch auf die äußere Drastik und belässt es bei sehr typisierten Charakteren, denen wenig Differenziertheit und Entwicklung zugestanden wird. Im Vordergrund steht die körperliche Gegenwart der Figuren. Angesichts dieser Vorgaben wurden die Rollen respektabel besetzt und die schauspielerischen Leistungen der wichtigen Nebendarsteller (Arnolfini senior, Hawkwood usw.) sind solide. Sehr unterschiedlich sind allerdings die Leistungen der drei Hauptdarsteller.

Am schwächten spielt Tom Burlinson die Rolle von Steven, dem Sohn Arnolfinis. Dies ist umso bedauerlicher, als ihm eigentlich vom Drehbuch die interessantesten Vorgaben gemacht werden, allerdings oft hart an der Grenze der Glaubwürdigkeit und nicht selten auch darüber hinaus. Steven ist zu Beginn der etwas weichliche, intellektuelle Sohn des Machtmenschen Arnolfini senior. Er hat studiert und begeistert sich als Renaissancemensch für die neu entdeckten Ergebnisse der Wissenschaft und verachtet den Aberglauben.
Als er aus Familienräson mit Agnes verheiratet werden soll, sträubt er sich. Er wirkt hier wie ein Schuljunge, der nichts ernsthaft mit einer Frau anzufangen weiß. Wenig überzeugend dann seine Wandlung zu Liebhaber, als er endlich Agnes kennen lernt. Für die Szene, in der die beiden unter einem Baum mit Gehenkten nach einer Alraunewurzel suchen, um sie als Zaubermittel ewiger Liebe gemeinsam zu essen, gehört Verhoeven nachträglich der Trashpreis 1985 verliehen. Verhoevens Idee war wohl, hier die Spannung zwischen abergläubischem Mittelalter und neuzeitlicher Wissenschaft sinnfällig zu machen. Was dabei herausgekommen ist, wirkt immer wieder unfreiwillig komisch. Als Lachnummer in Erinnerung bleibt insbesondere die von Steven konstruierte Belagerungsmaschine, mit der er Martins Burg erstürmen will. Geradezu legendär die Idee, wie Steven sich von seinen Ketten befreien will: er schlingt die Kette bei Gewitter um einen Baum und wartet bis der Blitz einschlägt. Steven soll sich im Laufe des Films vom blässlichen Studenten zum skrupellosen Rächer wandeln, was Milchgesicht Burlinson hoffnungslos überfordert.

Am wenigsten braucht man zu Rutger Hauers Darbietung zu sagen, da er hier sein bekanntes Pensum voll abspult. Alle Elemente, die mit körperlicher Präsenz und Action verbunden sind, bringt er souverän auf die Leinwand, auch als rauer Liebhaber geht er noch durch, doch alles, was etwas mehr mimische und geistige Beweglichkeit erfordert, bleibt flach wie eh und je. Wer Hauers Art mag, wird hier jedenfalls bestens bedient.

Der eigentliche Star des Films ist aber Jennifer Jason Leigh, die selbst Rutger Hauer locker an die Wand spielt. Ihre Qualitäten zeigen sich insbesondere darin, dass sie es schafft, der mageren Vorlage, die das Drehbuch auch ihrer Rolle gab, ein erstaunliches Maximum an Nuanciertheit und Überzeugungskraft abzugewinnen. Logiklöcher und Glaubwürdigkeitsprobleme in der Handlung werden von ihr souverän überspielt oder zumindest erträglich gemacht. Jennifer Jason Leigh steht schauspielerisch mindestens drei Klassen über Knallchargen wie Denise Richards oder Elizabeth Berkley, mit denen Verhoeven in späteren Filmen meinte, die weiblichen Hauptrollen besetzen zu müssen. Sie ist die einzige Schauspielerin, die es bisher geschafft hat, dem typischen Verhoeven Standard der kaltherzigen Verführerin etwas Eigenständiges entgegenzusetzen. Selbst Sharon Stones schauspielerische Bandbreite ist deutlich enger, ihr gelingt es eher ungeheuer effektiv Verhoevens Klischeevorstellungen Körper zu verleihen, als wirklich zu nuancieren oder gar gegen das Klischee eigene Akzente zu setzen.
Und ja, die damals noch sehr junge Jennifer Jason Leigh ist wunderschön, selbst in den Nacktszenen aber von echter Klasse. Und nein, mein Urteilsvermögen wurde nicht so sehr von Testosteron benebelt, als dass ich ihre Schönheit mit schauspielerischem Talent verwechselte.

Einen völlig falschen Ruf hat die Indizierung diesem Film eingetragen. Verglichen mit anderen Verhoeven Filmen und angesichts des Themas bleiben die bluthaltigen Szenen auf geradezu moderatem Niveau. Wenn man nicht gerade die Ritterfilme der Fünfziger Jahre zum Maßstab nimmt, liegt der Blutgehalt der Schlachtszenen absolut auf Normalniveau der Achtziger Jahre. „Der Name der Rose“ oder „Excalibur“ bieten sich als Vergleich an. Der reißerische Titel „Fleisch+Blut“ verspricht weit mehr, als der Film bietet. Abgesehen von der Vergewaltigungsszene könnte der Film heute problemlos auf FSK 16 eingestuft werden. Und selbst diese Szene unterscheidet sich in ihrer Anlage und objektiven Drastik nicht von den anderen Vergewaltigungsszenen, die Verhoeven in viele seiner Filme eingebaut hat. Die homosexuelle Vergewaltigung in „Spetters“ (FSK 16) ist weitaus härter, zeigt aber weniger nacktes Fleisch. Vermutlich zu Recht hat die FSK die eigenartige gefühlsmäßige Reaktion des Opfers als problematisch an der Szene angesehen. Agnes scheint nämlich ihre Vergewaltigung zu genießen. Wäre dies so, der Film gehörte verdient auf den Index. Jedoch verhält es sich ja ganz anders. Agnes simuliert ihre Gefühle nur, um Martin dazu zu bringen, sie nur für sich zu beanspruchen und den Rest der Söldnertruppe von ihr fernzuhalten. Oberflächlich betrachtet scheint ihr Verhalten also durchaus logisch als Selbstschutz. Restlos mag man sich aber einer derartigen Argumentation nicht anschließen. Wie schon mehrfach angedeutet, unterbleibt bei allen Figuren die charakterliche Entwicklung. Keine hat wirkliche Tiefenschärfe oder Glaubwürdigkeit. So spottet es aller Erfahrung, dass eine Frau, die wenige Szenen vorher noch nicht mal sexuell aufgeklärt war und behütet aufgewachsen sein soll, derartig kaltschnäuzig auf die begonnene Massenvergewaltigung durch eine besoffene Söldnertruppe regiert. Nicht zuletzt an solchen Szenen zeigt sich der hohe Preis, den Verhoeven für seine Oberflächenästhetik zahlen muss. Sein Mangel an psychologischem Einfühlungsvermögen lässt ihn eine Vergewaltigung als Klacks darstellen, den man mit entsprechender Cleverness locker im Griff haben kann. Verständlich, dass die FSK einer derartigen Leichtfertigkeit nicht folgen wollte und reines Exploitationkino darin sah.

Mit satten 120 Minuten Laufzeit scheint der Film auch etwas zu lang für seine erzählerische Substanz. Viele Motive, die aufwendig eingeführt worden sind, erfüllen einen viel zu geringen dramaturgischen Zweck, die ausführlichen Sauf- und Raufszenen wiederholen sich zu oft. Wirklich langweilen tut man sich nicht, da Verhoeven dem Auge stets Futter bietet. Gestrafft um eine Viertelstunde wäre die Wirkung des Films weitaus intensiver gewesen. Fühlbar schränkte auch das zu geringe Budget die Möglichkeiten des Films ein, obwohl er von Kulissen her sehr schöne Aufnahmen bietet. Man drehte die Belagerungen in der Umgebung von spanischen Burgen, die malerisch in der leeren Landschaft gelegen sind. Die Schlachten wirken allerdings wie bessere Familienhändel oder Wirtshausschlägereien, da oft gerade mal ein Dutzend Komparsen in der Gegend herumstehen. Verhoeven kann seine an sich stimmigen Drehorte, die er mit monumentaler Wucht zeigt, nie recht mit ausreichend filmischem Leben füllen. Von der Anmutung her wirkt es wie ein Kammerspiel, das eine Großproduktion vortäuschen soll. Trotzdem kann man dem Film zugestehen, mit der Unterbudgetierung relativ geschickt umzugehen und nicht trashig oder minderwertig zu wirken.

Fazit: „Fleisch+Blut“ bietet zwei Stunden satte Abenteuerunterhaltung in historischer Kulisse. Zwar glaubte Verhoeven wohl einige weitergehende Inhaltsebenen einzuziehen, in dem er Aspekte des beginnenden wissenschaftlichen Denkens der Renaissance mit dem mittelalterlichen Aberglauben kontrastierte und gesellschaftskritische Akzente mit symbolischen Hinweisen auf revolutionäre Gruppen einflocht, jedoch fehlt es an wirklicher Auseinandersetzung mit derartigen Phänomenen. Das Drehbuch liefert eine spannende und farbige Handlung um Liebe, Krieg und Tod, wobei ab und an Logik und Glaubwürdigkeit zu sehr strapaziert werden. Die Charaktere bleiben oberflächlich, werden aber von einer insgesamt gut besetzten Schauspielerriege ansprechend verkörpert, wobei Jennifer Jason Leigh heraussticht.
Sicher kein Hauptwerk von Paul Verhoeven, aber doch eine überdurchschnittlich unterhaltsame Räuberpistole.


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