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Andere Heimat - Chronik einer Sehnsucht, Die (2013)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 9 / 10)
eingetragen am 02.10.2013, seitdem 518 Mal gelesen



Ein knapp vierstündiger Film über eine Familie, die im Jahr 1842 ihr Dasein in einem kleinen Ort im Hunsrück fristet - das klingt nach einem zähen und wenig unterhaltsamen Kinoabend. Auch die Figur des Protagonisten - ein junger, literarisch Interessierter Mann inmitten einer bäuerlichen, nur an der Bewältigung der täglichen Arbeit interessierten Umgebung - aus dessen Blickwinkel heraus die Geschichte erzählt wird, ist kein unbedingt origineller Ansatz. Dessen Schicksal lässt sich leicht vorhersagen - vom strengen, durch den ständigen Überlebenskampf verbitterten Vater (Rüdiger Kriese) drangsaliert und vom älteren, tüchtigeren Bruder (Maximilian Scheidt) in den Schatten gestellt, der ihm auch Jettchen (Antonia Bill), das hübscheste Mädchen der Umgebung, wegnimmt, sucht er Ablenkung in seinen Büchern und träumt von fernen Gestaden. Einzig die von der täglichen Mühsal zunehmend gezeichnete Mutter (Marita Breuer) hat Verständnis für ihren gebildeten und sensiblen Jüngsten.

Die äußeren Umstände, unter denen die Dreharbeiten stattfanden, scheinen dieses Bild einer am neorealistischen Stil orientierten Dokumentation eines armseligen Lebens noch zu verdichten, das in keinem größeren Gegensatz zur aufgeregten, bunten und ständig nach Abwechslung schreienden Gegenwart stehen könnte. Neben einer bis ins Detail nachempfundenen Authentizität - die Darsteller sprechen im nicht immer leicht verständlichen Dialekt der Region - entschieden sich Regisseur Edgar Reitz und sein Kameramann Gernot Roll, den Film in Schwarz-Weiß zu drehen, nutzten die Digitaltechnik aber für selten eingestreute farbig gezeigte Details - nicht als Gimmick, sondern in einer die Realität noch unterstützenden Wirkung. Die Entscheidung gegen farbige Bilder war konsequent, denn sie hätten der dünn besiedelten Landschaft automatisch einen pittoresken Anschein verliehen, der nicht zu der Lebenssituation der Menschen gepasst hätte, die zunehmend jedes Vertrauen in ihre Zukunft verloren haben, weshalb Hunderttausende von ihnen beschließen ihre Heimat zu verlassen, um nach Brasilien auszuwandern.

Brasilien - damit fällt schon früh im Film das entscheidende Stichwort, dass dem Film eine andere Richtung gibt, als die äußeren Parameter erwarten lassen. Brasilien steht hier nicht nur für eine weit entfernt scheinende Sehnsucht - Jakob Simon (Jan Dieter Schneider) liest alles, was er über das Land erfahren kann und lernt aus den Büchern die Sprache der Indios - sondern wird für viele Menschen zu einer realen Alternative, obwohl es nur wenige, zudem idealisierte Informationen über die Lebenssituation dort gibt. Doch das spielt letztlich keine Rolle, angesichts einer Heimat, die ihre Bewohner im Stich lässt. Es wird deutlich, warum Reitz die Zeit benötigt, den Betrachter vollends in eine deutsche Realität eintauchen zu lassen, die erst 170 Jahre zurückliegt und deren Auswirkungen heute fast vollständig in Vergessenheit geraten sind.

Dank des überzeugenden Spiels der Darsteller, dem zeitgemäßen Tempo und dem detailliert gezeigten, überschaubaren Umfeld entfaltet sich ein Leben vor dem Betrachter, dass sich den typischen Klischees entzieht, denn keine romantischen Verwicklungen oder überbordenden Ideen bestimmen das Geschehen, sondern die Jahreszeiten, die tägliche Arbeit und der allgegenwärtige Tod - voraussehbar und planbar war kaum etwas. Reitz gelingt es ein Gleichgewicht zwischen der Liebe zur Heimat, den Momenten des Glücks in der Gemeinschaft und der täglichen Mühsal darzustellen, dass zunehmend von willkürlichen Gesetzgebungen, langen Wintern und mangelnder Arbeit aus dem Gleichgewicht gebracht wird, weshalb sich stark verwurzelte Menschen dazu entschieden, ihre Heimat zu verlassen - Mitte des vorletzten Jahrhunderts war Deutschland (hier am Beispiel der preußischen Rheinprovinz) ein Auswanderungsland.

Die Länge der Laufzeit ist notwendig - der Betrachter sollte den Film möglichst ohne Unterbrechung sehen - um das damalige Lebensgefühl nachempfinden zu können und einen Begriff von "Heimat" jenseits reaktionärer Schönfärberei zu bekommen, die zu verlassen einen schweren Verlust für Jeden bedeutete - für die Emigranten, wie für die Zurückgebliebenen – eine Entscheidung, die als Folge lang anhaltender Hoffnungslosigkeit, gepaart mit einer illusionären Erwartungshaltung an ein gelobtes Land, getroffen wurde. Edgar Reitz verfolgte mit seinem Film zwei Ziele - einerseits wollte er eine nicht lang zurückliegende Vergangenheit wieder in Erinnerung rufen, andererseits damit auch ein Verstehen für die Situation der heutigen Emigranten nach Deutschland erzeugen. Diese unterschwellige Intention spielt sicherlich ein Rolle, aber die entscheidende Wirkung des Films liegt darin, dass ihm das gelingt, wofür Kino steht – das Eintauchen in eine Welt, die nur im ersten Moment fremdartig wirkt. (9/10)


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