Ansicht eines Reviews

Snowpiercer (2013)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 10 / 10)
eingetragen am 09.04.2014, seitdem 1568 Mal gelesen



Was soll man über einen Film schreiben, der unbeschreiblich ist?
Vielleicht erst mal gar nichts. Vielleicht sollte man sich erst mal an ihn rantasten, in der Hoffnung irgendwann die richtigen Worte zu finden...

Bong Joon-Ho hat bereits einige Male bewiesen, dass er einer der besten Regisseure unserer Zeit ist. International wurde man erstmals mit Memories of Murder auf ihn aufmerksam, der eine bis heute ungeklärte Mordserie in Korea thematisiert und uns zuerst als einen modernen Thriller verkauft, der auch ganz klar in normalen Thrillerpfaden wandert, nur um dann dem Zuschauer gegen Ende komplett den Boden unter den Füßen wegzureißen und in einen Abgrund blicken zu lassen, der hoffnungsloser nicht sein könnte.
Auch sein Folgefilm The Host - augescheinlich ein billiger Monsterfilm - entwickelt sich mit zunehmender Dauer zu einem verzweifelten Versuch einer kaputten Familie in einer hoffnungslosen Welt zu überleben. Und letztlich drehte er Mother - ein Festivalliebling von einem Film - der die verzweifelten Bemühungen einer Mutter schildert, die in einer kranken Welt versucht, die Unschuld ihres inhaftierten geistig zurück gebliebenen Sohnes zu beweisen. Wie weit würde eine Mutter gehen dafür?
Allen Filmen ist gemeinsam, dass sie extrem erfolgreich, von der Kritik sehr wohlwollend aufgenommen, und durchaus intelligent waren. Bong Joon-Ho nimmt seine Zuschauer für voll und traut ihnen auch zu, eigene Schlüsse zu ziehen, er setzt ihnen nicht alles vorgekaut vor, und er hat immer eine gehörige Portion System- und Gesellschaftskritik parat, welche er immer wieder, mal bitterböse pointiert, mal skurril verspielt auf den ahnungslosen Zuschauer losläßt.
Wenn Bong Joon-Ho in Höchstform ist, dann kann er mit jedem anderen der großen Regisseure seiner Generation locker mithalten.

Und Snowpiercer ist sein bisheriges Meisterstück in seinem Schaffen. Alle wichtigen Elemente seiner bisherigen Werke (verschrobene, verloren wirkende Charaktere, die nach Erlösung suchen, System- und Gesellschaftskritik, abrupte Eruptionen von schwarzem Humor, Mainstreamkinoelemente für den anspruchsvolleren Zuschauer) sind enthalten und auf die Spitze getrieben.
Desweiteren gelingt es ihm mit Snowpiercer etwas, was den heutigen Blockbusterfilmen, der Snowpiercer zweifelslos wäre, wäre er eine US-Verfilmung eines bekannten US-Buches, nur bedingt gelingt: In knapp zwei Stunden Laufzeit wird jeder Hauptcharakter mehr als genügend Tiefe verliehen und jede einzelne Motivation wird klar ersichtlich.

Bong Joon-Ho macht nicht nur erzählerisch keine Gefangenen, stilistisch hat der Mann alles drauf, was im zeitgemäßen Kino angebracht ist, und mehr, er hat eindeutig seine Hausaufgaben gemacht: Er kann Bilder erzeugen, die für die Ewigkeit sind und ikonografisch wirken, er bedient sich im modernen Klopperfilm, er bedient sich bei Sergej Eisenstein, er bedient sich bei Chaplin, er bedient sich bei Orwell, er bedient sich kurz gesagt bei den Besten, nur um sein Bestes abzuliefern.

Während der heutige US-Blockbuster kurze Momente der Atempause nur einstreuen, weil es sonst zu teuer und dem Zuschauer ermüdend wäre, wenn 80 Minuten Showdown wäre (Ausnahme hier Michael Bay, der auch mal gerne einen 3-Std Showdown abliefert), sind hier die Atempausen wirklich dafür da, die Charaktere zu vertiefen, und Details für den weiteren Verlauf des Films zu pflanzen. Kurz: Es ist von vorne bis hinten alles durchdacht, scheinbar offene Fragen werden alle im weiteren Verlauf beantwortet. (Und hier nochmal ein kurzer Abstecher zu einer Serie, die das so nie hingekriegt hat: Selbst solche Pille-Palle-Fragen wie "Was hat es mit dem Eisbär auf sich" in Lost würde Bong Joon-Ho unaufdringlich und souverän beantworten :-) )

Die Darsteller sind - man muß es leider sagen - nicht alle sehr gut, aber diejenigen, auf die es ankommt sind es allemal, und noch mehr:
Chris Evans hätte wohl niemand zugetraut so eine Performance hinzulegen.
Song Kang-Ho, einer der größten Stars aus Südkorea, ist die coolste drogenabhängige Socke seit Trainspotting - da noch ein Zugfilm!
John Hurt macht seine Sache richtig gut, was sonst.
Tilda Swinton ist köstlich ekelig.
Octavia Spencer wirkt auf den ersten Blick wie eine Karikatur aus einem frühen Tom und Jerry Cartoon, wird aber zunehmend zum Herz des Films, der einem irgendwann sprichwörtlich aus dem Leib gerissen wird.
Jamie Bell ist ein unglaublich cooler Sidekick.
Und das sind nur ein paar, die Erwähnung finden, damit man nicht zu viel verrät.

Es ist auch nicht zu viel verraten, wenn man sagt, dass was anfangs wie eine dystopische Verfilmung à la Tribute von Panem (dieser Hinweis ist für die jüngeren Leser eingestreut) beginnt, dann zu einem Actionmelodram im Stile der Glorreichen Sieben gekreuzt mit Videospielästhetik, dann zu einer regelrechten 1984-Satire in bester Brazil-Manier wird, nur um letztendlich zu einem niederschmetternden Exkurs über Effizienz und Systematik einer Führung sowie der Korruption jeglicher Ziele wird.
Am Ende ist Hoffnung verloren, eine Revolution, die nie war.
Und doch, irgendwas kommt dann doch noch.

Wenn man aus so einem Film heraus kommt, und dann doch noch sagen kann, dass er ein positives Ende hatte, obwohl wir kurz vorher das absolut Böse gesehen haben, dann muß der Film das Absolut Große sein.

Er muß einfach, und er ist es auch.

Ein Meisterwerk: 10 Punkte


Surprise me!
"Surprise me!" BETA
Lassen Sie sich überraschen! Wir führen Sie zu einem zufälligen Treffer zu einem Thema Ihrer Wahl... Wollen Sie eine andere Kritik von "Der Ewige Lawrence" lesen? Oder ein anderes Review zu "Snowpiercer (2013)"?


Zur Übersichtsseite des Films
Liste aller lokalen Reviews von Der Ewige Lawrence

Zurück


Copyright © 1999-2017 OFDb.de - Die Online-Filmdatenbank
Alle Rechte vorbehalten.
Nutzungsbedingungen · Werben · Impressum
Hosted by Net-Build



Quicksearch






User-Center

Benutzername: 
Paßwort:
Login nur für diese Sitzung:

·

555 Besucher online


SSL  SSL-gesicherte
Verbindung aktiv


Abonnement


Abonnement - Bitte erst anmelden
Melden Sie sich bitte an, um Abonnements vornehmen zu können



Neue Reviews


Mother! (2017)
Rick and Morty [TV-Serie] (2013)
Savage Dog (2017)
Bowling for Columbine (2002)
Eyes of My Mother, The (2016)



News


Unser News-Bereich wurde überarbeitet und wird in Kürze weiter ausgebaut werden, damit Sie stets aktuell über alle Neuigkeiten rund um die Welt des Films informiert sind.

» Zum neuen News-Bereich