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Snowpiercer (2013)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 7 / 10)
eingetragen am 15.12.2015, seitdem 410 Mal gelesen



Bereits mit „Memories of Murder“, „The Host“ und „Mother“ hatte sich Bong Joon-ho als Verbinder von Genrestoffen und größeren Ambitionen bewiesen, was er mit „Snowpiercer“, seinem ersten englischsprachigen Film, weiterführen sollte.
Basierend auf einer französischen Graphic Novel ist „Snowpiercer“ ein Film, dessen Prämisse man eher akzeptieren als sezieren muss: Bei Versuchen die globale Erwärmung zu stoppen war die Menschheit etwas zu effektiv und löste stattdessen eine neue Eiszeit aus, welche die Erdoberfläche zu einem lebensfeindlichen Ort machte. Der überlebende Rest der Menschheit rast in einem Zug, der stets im Kreis fährt, durch die Lande und lebt in diesem Perpetuum Mobile vor sich hin, vorne die reiche Oberschicht, hinter die geknechteten Habenichtse. Wie manches davon funktioniert, darüber denkt man besser nicht nach; anderes erklärt der Film später durchaus nachvollziehbar, doch kleinteilige Detail-Fuddelei der Marke Christopher Nolan hat Bong Joon-ho eh nicht auf dem Schirm.
Nachdem man die Ministerin Mason (Tilda Swinton) die Kinder von Tanya (Octavia Spencer) und Andrew (Ewen Bremmer) fortschaffen lässt, brodelt die Stimmung am Zugende hoch: Immer wieder werden Kinder auf Nimmerwiedersehen fortgeführt, die Menschen leben und schuften auf engstem Raum und zu Essen gibt es nur glibberige Proteinklumpen. Curtis (Chris Evans), zupackender Held der Arbeiterklasse, und sein Mentor Gilliam (John Hurt) haben den Aufstand schon länger geplant und in dem Moment entlädt sich die aufgestaute Wut: Man überwindet die Wachen und befreit den drogensüchtigen Tüftler Namgoong (Song Kang-ho), der wiederum die Wagentüren öffnen kann. Eine Revolutionsgeschichte also, deren Verlagerung der klassisch-dystopischen Reich=oben-arm=unten-Metaphorik in die Vertikale (vorn vs. hinten) nicht unbedingt raffiniert ist, aber bei Bong Joon-ho sind klassische Genresituation eh meist nur das Fahrwerk, auf denen er Neues aufbaut.

So kämpfen sich Curtis und seine Getreuen, darunter sein bester Freund Edgar (Jamie Bell) und Gilliams Bodyguard Grey (Luke Pasqualino) Waggon für Waggon, Abteil für Abteil vor und staunen bald ob der Dinge, die sie dort vorfinden…
Das Programm der einzelnen Wagen gibt „Snowpiercer“ seine Struktur, der den Zuschauer durch die Kraft seiner Bilder einnimmt und dadurch auch die Logiklücken effektiv zu übertünchen weiß. Dabei wird mit jedem Waggon das Genre wechselt, vom martial-arts-lastigen Hack and Slay zum Kinderfilm inklusive Gesangseinlage in nur wenigen Waggons, gleichzeitig aber auch heftige Genrebrüche innerhalb der einzelnen Waggons vornimmt – da wechseln sich Komik und Dramatik, friedliche Idylle und rohe Gewalt teilweise in Sekunden ab, das jedoch etwas homogener (oder vielleicht auch nur für westliche Zuschauer zugänglicher inszeniert) als etwa bei „The Host“. Egal ob Nahrungsmittelproduktion, Klassenzimmer oder Disco, hier ist alles vertreten, stets top ausgestattet und bildgewaltig in Szene gesetzt im Innern, selbst wenn man für das Außen budgetbedingt auf CGI-Shots setzen muss, die nicht ganz mit der Hollywoodkonkurrenz mithalten können.
Im Gegenzug erweist sich Bong Joon-ho über weite Strecken als kreativer Entertainer, der natürlich vor allem aus den Überraschungen und Tonlagenwechseln, welche die Wanderung nach vorn bestimmen, seine Trümpfe zu ziehen weiß, vor allem bei der Erstsichtung von „Snowpiercer“. Noch dazu ist die Action gleichzeitig roh und doch kraftvoll inszeniert, denn aufgrund von Munitionsknappheit auf beiden Seiten sprechen die Feuerwaffen nur selten und stattdessen wird Hack- und Hauwerkzeugen oder unter Körpereinsatz gekämpft, aber gleichzeitig ist die Choreographie dieser Szenen famos gelungen.

Problematisch wird es erst etwas auf der Zielgeraden, wenn sich der sense of wonder etwas abnutzt und „Snowpiercer“ sich gegen Ende etwas zieht, zumal die Zusammenführung der angefangenen Plotstränge manchmal etwas gewollt und die Erlöser-Mythik phasenweise aufgesetzt wirkt. So hinterlässt auf der ungewöhnliche Showdown einen zwiespältigen Eindruck. Anstelle einer großen Konfrontation stehen hier das Gespräch und die Erkenntnis, die teilweise interessante Fragestellungen aufwerfen. *SPOILER* Wer hat Recht: Der kühle Rationalist Wilford (Ed Harris), der Menschen wirtschaftlich betrachtet, oder der emotionale Revoluzzer Curtis? Tut Curtis das Richtige? Es gibt Andeutungen von neuem Leben auf der Oberfläche, aber können die Menschen es dort aushalten? Ist das Ende ein Hoffnungsschimmer mit Zukunftsperspektive oder wartet der Kältetod auf die Überlebenden? *SPOILER ENDE* Gleichzeitig wirkt „Snowpiercer“ dabei etwas überkonstruiert und in manchen Punkten könnte sich der finale Dialog durchaus kürzer fassen, da „Snowpiercer“ so ein Stück straffer und pointierter wirken würde.
Tadellos dagegen ist das Casting: Chris Evans als Held der Arbeiterklasse kann der Heroismus seiner Comicheldenrollen mit den schauspielerischen Nuancen seiner Indie-Produkte wie „Puncture“ verbinden, während die grell gestylte und auf alt getrimmte Tilda Swinton schon allein aufgrund von Make-Up und Kostüm ein Highlight ist, aber auch eine entsprechende Performance aufs Parkett legt. Ed Harris taucht zwar nur am Ende auf, verleiht seinem Auftritt aber die entsprechende Gravitas und auch wenn Schauspielschwergewichte wie John Hurt, Jamie Bell, Octavia Spencer und Ewen Bremmer hier nur Support liefern dürfen, so tun sie dies mit der gewohnten Hingabe. Mit Song Kang-ho ist zudem ein Star des südkoreanischen Kinos dabei, der mit dem Regisseur zusammen bereits „Memories of Murder“ und „The Host“ drehte.

Eine phantastisch inszenierte, comichafte und famos besetzte Sci-Fi-Dystopie, die schrägen Witz und starke Action besitzt, Genregrenzen lustvoll einreißt und durch ihre abrupten Brüche Unerwartetes bietet. Leider hält der Film diesen Parforceritt nicht ganz durch, läuft gegen Ende etwas aus dem Ruder und ist logisch nicht immer stimmig, aber das kostet „Snowpiercer“ nur etwas von seiner bildgewaltigen Kraft.


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