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Raid 2, The (2014)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 9 / 10)
eingetragen am 01.12.2014, seitdem 329 Mal gelesen



Was für ein einmaliges Szenario: Wir haben hier mit Gareth Evans einen Action-Inszenator, der sich mit einem rauen, kleinen Prügler Brötchen für etwas Größeres verdient hat, das er jetzt nachliefert. Dabei war der kleine Prügler schon so etwas wie der Phoenix in einem Berg aus Asche. Alles, was in den letzten Jahren in Sachen Action zu sehen war, selbst "The Raid", wird nun in den Hintergrund gedrängt, denn jetzt gibt es ja "The Raid 2".

Eine komplexere Story, mehr Action und Gewalt, eine massive Überlänge, vielschichtigere Charaktere, kurz, mehr von allem. Eigentlich macht Gareth Evans genau das, was schon so vielen Regisseuren von Fortsetzungen das Genick gebrochen hat, er scheint das Original übertreffen zu wollen und rennt damit in die hohe Wahrscheinlichkeit, es zu unterbieten. Die Angriffsflächen sind offensichtlich: Analysiert man "The Raid", kommt man immerhin zu dem Schluss, dass seine Stärken in der ungewöhnlich hohen Actiondichte und dem reduzierten Raum liegen. Stärken also, die "The Raid 2" in zweieinhalb Stunden an der frischen Luft kaum liefern können wird.

Allerdings befindet sich Evans in der komfortablen Situation, sein Pulver mit dem ersten Teil noch nicht verschossen, seine eigentlichen Gedanken überhaupt noch nicht ausformuliert zu haben. Dies holt er jetzt nach; bei weitem nicht mit einem der besten Filme generell gesprochen, aber doch einem der besten Actionfilme mindestens der letzten Dekade. Angesichts des dünn gesäten Bodens der 00er und 10er Jahre womöglich sogar noch mehr.

Denn dieser Fortsetzung gelingt das faszinierende Kunststück, puristisches Actionkino zu sein und doch all die eingerosteten Regeln des Genres aufzusprengen und in neue Dimensionen zu befördern. Der Aufbau gleicht längst nicht den 90-Minuten-Krawallorgien, wie die Oldies sie nach wie vor abliefern, allerdings auch nicht den aufgeblasenen 3-Stunden-Exzessen von Bay und seiner Gefolgschaft. Vielmehr erinnert er an all die Gangster-Epen von de Palma, Coppola und Scorsese. Zöge man deren Filme tatsächlich als Vergleichsobjekt heran, könnte Evans' Vision natürlich nicht mithalten; Plot und Charakterzeichnung, obwohl in Panorama-Vision ausgebreitet, bleiben viel zu simpel, um ernsthaft in einer Liga mit dem "Paten" oder "Scarface" zu spielen.

Doch gerade darum geht es ja: Evans macht sich fremdes Terrain zu eigen, um auf dem neu erkundeten "Spielplatz" nach Belieben eigene Genreträume wahr werden zu lassen. Anstatt beispielsweise die Gefängnissequenz primär als Handlungsknoten zu verwenden, wie die Großen es vormachen, verwandelt der Regisseur den Gefängnishof in eine Arena aus Schlamm und brechenden Knochen, um eine groß angelegte Nahkampf-Plansequenz bei fallendem Regen und Zeitlupe unter dem Einsatz anschwellender Musik wahr werden zu lassen. Die dabei eingesetzten Kameratechniken gleichen denen großer Momente des Suspense- und Thriller-Kinos, jedoch werden sie diesmal vor allem in Hinblick auf die nachfolgende Choreografie eingesetzt: Eine Schnittfolge etwa, die den bedeutungsvollen Blicken der Insassen nachgeht. Oder ein Wechsel der Schärfentiefe, als im Hintergrund plötzlich eine Bewegung registriert wird. Das Ich-Empfinden in diesem Abschnitt wird mit solchen alten, aber effektiven Tricks stark intensiviert, während viele andere Actionfilme plump mit einer Explosion beginnen würden, frei nach dem Motto „erst schießen, dann fragen“.

Evans hingegen schlägt sich im Verlauf der stattlichen 150 Minuten durch eine ganze Reihe dieser sorgfältig aufbereiteten Sequenzen, die sich allesamt aus dem Fluß des zwar simpel gestrickten, aber erstaunlich souverän erzählten Gangsterplots ergeben. Dabei variiert er den Typ der Action über die volle Laufzeit geschickt. Die Autoverfolgungsjagd im Enddrittel des Films zum Beispiel hätte in einem Hollywoodfilm zu diesem Zeitpunkt längst schon ermüdet, weil seither bereits Dutzende Autos in Rauch aufgegangen wären; hier ist es die erste ihrer Art. Der Aufbau von Begegnungen mit „Boss Fight“-Flair, wie sie bereits aus dem Vorgänger bekannt sind, wird ebenfalls erst zum Ende hin arrangiert. Ein weiteres besonderes Merkmal auch dieses "Raid"-Films ist die gnadenlose, jedoch eher medizinisch-präzise statt voyeuristische Art der Brutalität: Evans hält nicht drauf, wenn Köpfe platzen oder Gliedmaßen aufgeschlitzt werden, wendet aber auch nicht ab. Er bezieht keine Position und weist auch Uwais an, kaum Gefühle in seine Kampfhandlungen einzubinden. Jeder Tötungs- oder Verletzungsakt im Film dient lediglich dazu, den Gegner unschädlich zu machen, um sich einen Vorteil im Kampf zu verschaffen. Da wird dann auch mal abgewogen, ob man den Kopf des Gegners nur drei- oder vielleicht auch viermal in den Boden rammt. Viermal wäre sicherer, damit der Gegner sich nicht mehr aufrappelt, doch reicht die Zeit, wenn ein zweiter Gegner bereits anstürmt? Auch solche Fragen werden bei der Konkurrenz nicht gestellt. Antworten in Form von Onelinern scheinen längst alles, was diese noch zustande bringt; diese Erkenntnis blüht erst jetzt so richtig auf, nachdem man endlich mal wieder etwas Anderes gesehen hat.

In der Summierung all dieser unterschiedlichen Actionszenen, jede ihr eigenes kleines Meisterstück, könnte man den Vorwurf geltend machen, der beispielsweise bei den einstmals gefeierten Filmen von Tony Jaa greift: Den Vorwurf, das Filmgerüst sei lediglich ein Vorwand für eine Abfolge von Stunts. Als man aber selbst die x-te Kampfszene immer noch ohne Ermüdungserscheinungen verfolgt, als man bereits auf eine endlose Kette an spektakulären Ereignissen zurückblicken kann, als der Spannungsbogen immer noch nicht abgebrochen ist, bis auch der letzte Bastard sein Fett wegbekommen hat, aber noch bevor der Abspann endgültig eintritt, da kostet man bereits die süße Illusion der Komplexität aus. Die mag nüchtern betrachtet zwar faktisch ausbleiben, aber man hat das Gefühl, einer verschachtelten Geschichte beigewohnt zu haben, die sich zu keiner Zeit auch nur annähernd jene Blöße gibt wie Jaas Suche nach einem Elefanten oder einer Buddha-Statue, oder auch die Suche nach einem beliebigen geometrischen Gegenstand, wie er im großen US-Krawallkino in Mode gekommen ist.
Auch gerade die Darsteller tragen das Ihre zum Gelingen der Operation bei.; Arifin Putra beispielsweise transportiert die brodelnde Gefahr hinter dem bubihaften Äußeren hervorragend, Hauptdarsteller Iko Uwais ist ohnehin schon früh in seiner Karriere auf dem besten Weg, ein neuer Superstar des Actionfilms zu werden.

Als Film ist „The Raid“ sicher auch schon eine gute 7 bis 8 wert, als Genrefilm hingegen, da leistet er Bahnbrechendes, wie man es seit vielen, vielen Jahren nicht mehr gesehen hat. Was das für einen möglichen dritten Teil bedeuten kann, der nicht mehr den Vorteil des Ungesagten auf seiner Seite haben wird, geschweige denn für das geplante US-Remake, das den Verliererstempel schon jetzt auf der Stirn eingebrannt hat, mag man sich gar nicht erst ausmalen…


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