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St. Vincent (2014)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 3 / 10)
eingetragen am 11.01.2015, seitdem 433 Mal gelesen



Bill Murrays erste echte Hauptrolle seit “Broken Flowers”, seit fast zehn Jahren also, hätte eine Zelebration verdient. Doch dazu bräuchte es einen angemessenen Rahmen, den ihm der langjährige Produzent und Autor Theodore Melfi in seinem Spielfilm-Regiedebüt nicht bieten kann. Ganz im Gegenteil, er versaut ihm die Party mit sentimentaler Rührseligkeitssoße, die vorgibt, sich in die Einzelschicksale hart kämpfender Menschen hineinversetzen zu können, die in Wahrheit aber schmierige Stereotypen zu einem ebenmäßigen Ball des Lebens formt und den Leitsatz „Alles wird gut“ wie Opium in die Kinosäle bläst.

Dass Melfi Großes mit seiner Geschichte vorhatte, wird spätestens klar, als der „Directed By“-Schriftzug selbstgerecht mitten in einen zynischen Gag geblendet wird, von denen sich anfangs noch so einige finden lassen. Die reine Häufigkeit der Volltreffer lässt jedoch bereits Wehmut aufkommen: Wird die zweite Hälfte ebenso bissig sein? Ein Blick auf den Titel nur begräbt die letzte Hoffnung, doch schon Soundtrack, Montage, Story-Ansätze verraten früh jenen unauslöschlichen Typ Film, den die Jackass-Crew etwa jüngst mit „Bad Grandpa“ zu parodieren pflegte. Und sie alle nehmen zuverlässig stets die gleiche Abzweigung (und haben schon deswegen mit der Realität nicht viel gemein): Mürrischer Alter findet durch jungen Naseweis neuen Lebensmut – und wird praktischerweise für die Nachbarschaft gleich viel erträglicher. Alles. Wird. Gut.

Das benötigt einen knorrigen Altdarsteller, der idealerweise früher mit waschechter Comedy zu tun hatte, und einen talentierten Newcomer, dessen Gesicht noch unbeschrieben ist und die Menschen zu einer „Schaut mal, der Kleine“-Reaktion bewegt. Murray agiert eigentlich nicht mit weniger Verve, als würde ein Jim Jarmusch auf dem Regiestuhl sitzen. Sein Vincent ist selbst in Gegenwart all der Nicholson- und Eastwood-Charaktere (ersterer war wenig überraschend ursprünglich im Gespräch für die Hauptrolle) ein Unikat, auch wenn er im Groben die gleichen Eigenschaften pflegt. Saufen, Pöbeln, Geld in Nutten und Wetten investieren… ja, das kennt man alles von anderswo, aber der zur Drehzeit 64-Jährige macht sich den Stereotyp zu eigen, indem er sich von der Stand-Up-Comedy über den sarkastischen Ghsotbusters- und Die-Geister-die-ich-rief-Humor der 80er bis zur Melancholie und Improvisation der 00er Jahre eine erlesene Auswahl aus der eigenen Vita zusammenstellt. Dem verlotterten Erscheinungsbild verleiht er mit markanter Körperhaltung besondere Würze. Vincent ist also ein durch und durch gelungener Charakter.

Und damit ein offensichtlicher Fremdkörper in einem Film, der ansonsten fast vollständig aus glatt geschliffenen Teilen besteht. Dazu gehört auch der 11-jährige Jaeden Lieberher, ein offensichtlich talentierter Junge, der aber eben noch nicht im gleichen Maße wie ein 64-Jähriger über Selbstbestimmung verfügt und daher voll auf seinen Regisseur vertrauen muss, der ihn als höflichen, aber nicht auf den Mund gefallenen Spross einer von Scheidung belasteten Unterschichtenfamilie maßschneidert, so wie man sich das eben als Elternteil in einer solchen Situation wünschen würde (doch was man sich wünscht und was ist, sind bekanntermaßen verschiedene Dinge). Melissa McCarthy nimmt sich gegenüber ihren jüngsten Comedy-Eskapaden enorm zurück, eine besondere Leistung ist aus reiner Zurückhaltung aber auch nicht zu lesen. Wohingegen Naomi Watts ein ähnliches Schicksal ereilt wie Murray: Sie passt nicht ganz in den Ton, in ihrem Fall aber hat das andere Ursachen, denn sie spielt tatswahrhaftig eine hochschwangere russische Prostituierte und liefert folgerichtig ein trashiges Comic Relief, das in einem anderen Film möglicherweise hervorragend funktionieren würde, der Glaubwürdigkeit eines Social-Comedy-Dramas jedoch nicht förderlich ist.

Und dann kommt es, wie es kommen muss – die herrliche Grantigkeit Murrays (mit einer Hauskatze, die jedem James-Bond-Bösewicht hervorragend stehen würde), die auf angenehme Weise lebensbejahende Offenheit in der Vermittlung religiöser Grundkenntnisse (liefert gute Arbeit in einer Nebenrolle: Chris O’Dowd), alles löst sich langsam in Wohlgefallen auf. Vincents Schicksal wird mühsam mit Maggies Job verknüpft, der als Vorzeigemodell für hart arbeitende Geringverdiener fungiert, selbst der Schul-Bully wird zum besten Kumpel des viel schmächtigeren Oliver, wobei Melfi jeweils dem Missverständnis unterliegt, er würde hiermit Filmklischees aufbrechen. Selbst auf eine bühnenartige Finalpräsentation à la „Little Miss Sunshine“ möchte er nicht verzichten.

Problematisch an „St. Vincent“ ist in erster Linie nicht, dass er aus kaputten Teilen eine heile Welt formt, so wie es viele harmlose Filme machen, die niemandem wehtun. Problematisch ist vielmehr, dass er vorgibt, ein authentisches Charakterportrait zu sein, das in Sphären von „Gran Torino“ unterwegs ist. Wie groß die Enttäuschung, als man feststellt, dass nur Bill Murray alleine diesem Anspruch gerecht wird.
3.5/10


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