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Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben (1964)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 6 / 10)
eingetragen am 03.11.2004, seitdem 1179 Mal gelesen



Der Kalte Krieg ist seit der Wiedervereinigung vorbei, ein atomarer Wettlauf zweier Supermächte ließ ihn glücklicherweise nie „heiß“ werden. Dagegen entwarf Stanley Kubrick in „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ ein ganz anderes Schreckenkabinett, in dem ein verrückt gewordener US-General einen Atomkrieg auslöst, aus Abscheu vor dem Kommunismus und um seine „Säfte“ reinzuhalten.

Eine wahnwitzige Szenerie, die sich damit auftut: Während Dutzende B-52-Bomber, mit Nuklearwaffen bestückt, Russland angreifen, können weder Lionel Mandrake im Luftwaffenstützpunkt, noch ranghöchste Offiziere, die im Pentagon mit dem Präsidenten diskutieren, die Katastrophe aufhalten. Vor allem im „War Room“ zeigt sich die Unfähigkeit des Menschen in solch einer prekären Situation: Anstatt zu handeln, werden kostbare Minuten mit Diskussionen verschwendet, egal ob mit den eigenen Leuten oder anderen Staatsoberhäuptern. In diesem Falle ist es der russische Präsident, welcher offenbar stark alkoholisiert am anderen Ende der Leitung den Ernst der Lage nicht zu erkennen scheint. Die Kommunikation beider Länder wird ausschließlich von Vorurteilen beherrscht, was vor allem bei den ständigen Streitereien zwischen dem russischen Gesandten und General Turgidson deutlich wird.

Der atomare Erstschlag steht unmittelbar bevor und als sich der dafür verantwortliche General Ripper selbst erschießt, kennt niemand mehr den Rückrufcode. Eine groteske Situation tut sich auf, als eine Armee den Stützpunkt angreift, in dem sie Ripper vermutet – Krieg im eigenen Land, unter eigenen Leuten! Kubrick filmt alles mit Handkamera und verleiht diesen Szenen somit einen semidokumentarischen Look, was von Regisseuren später gerne abgeschaut wurde.

Dagegen wirken die Szenen im „War Room“ fast surreal. Durch die Beleuchtung erscheinen die Gesichter der Verantwortlichen wie komische Fratzen. Trotz modernster Technik ist keiner von ihnen fähig, an die Fliegerstaffel zu funken und den Atomkrieg zu verhindern und als Mandrake endlich den Code herausbekommt, muss er sich zunächst gegen einen karrieregeilen Paragraphenreiter und dann den Tücken des Fortschritts (das Münzetelefon will mit Geld gefüttert werden) wehren, um Kontakt mit dem Pentagon aufzunehmen. Da ist es allerdings schon zu spät und der nukleare Erstschlag erfolgt, gleichzeitig eine der berühmtesten Szenen der Filmgeschichte: Der Kapitän der B-52 reitet die Bombe wie ein Cowboy beim Rodeo, seinen Hut schwenkend, zu Boden. Die Menschheit wird Opfer des eigenen Fortschritts, den sie selbst nicht mehr imstande war, aufzuhalten.

Für die Zeit nach dem nuklearen Alptraum hat ein deutscher Wissenschaftler, der sich ebenfalls im War Room befindet, schon seine Ideen: Dr. Seltsam äußert, an den Rollstuhl gefesselt, seine absurden faschistoiden Ansichten über strahlensichere Bunker tief unter der Erde, über Rassenideologie und Übermenschen. Dabei schnellt sein Arm immer wieder zum Hitlergruß hoch und aus „Mr. President“ wird des öfteren „mein Führer!“. Einen grandiose Leistung vom „Chamäleon“ Peter Sellers, der darüber hinaus noch zwei weitere Rollen spielt.

„Dr. Seltsam“ zeigt auf bitterböse Art und Weise, wohin der Kalte Krieg hätte führen können. In einem grotesken Rahmen wird die Unfähigkeit der Verantwortlichen in solch einer Situation entlarvt. Der Mensch kann seiner eigenen Erfindungen nicht mehr Herr werden, sondern ist ihnen im Notfall hoffnungslos unterlegen. Eine der konsequentesten Satiren der Filmgeschichte, von Stanley Kubrick treffsicher wie eine Bombe inszeniert.


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