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Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben (1964)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 8 / 10)
eingetragen am 10.05.2006, seitdem 672 Mal gelesen



We'll meet again, don't know where, don't know when
But I know we'll meet again, some sunny day
Keep smiling through, just like you always do
Till the blue skies drive the dark clouds far away


Songzeilen, die man sich eigentlich gar nicht als Untermalung eines atomaren Weltuntergangsszenarios vorstellen kann. Stanley Kubrick wäre aber nicht Stanley Kubrick, wenn er nicht gerade das Gegensätzliche als die perfekte Symbiose ansehen würde, und so beschließt er eine der besten Satiren der Filmgeschichte mit den Bildern von atomaren Explosionen, untermalt durch diesen Song von Vera Lynn: „Dr. Strangelove“ hat einen würdigen, grotesken Abschluss gefunden…

General Jack D. Ripper (Sterling Hayden) sieht das Unheil nahen: Die Russen haben das Wasser vergiftet (weshalb sonst sollten die Russen nur Wodka trinken?), um so die Weltherrschaft an sich zu reißen. Bei dieser Bedrohung durch den Kommunismus ist schnelles Handeln gefragt, und er ordnet den „Code Red“ an, den Code, den eigentlich nur der Präsident in absoluter Gefahr für die amerikanische Nation anordnen darf: er schickt mit Nuklear-Waffen bestückte B52-Bomber auf ihren Weg in Richtung Sowjetunion. Eine Katastrophe bahnt sich an und selbst der Krisenstab, der unter der Leitung des amerikanischen Präsidenten Muffley im War-Room des Pentagon tagt, kann das Unheil scheinbar nicht mehr abwenden…

Dass die Handlung dieses Filmes inmitten des Kalten Krieges seinen Platz findet, sollte eigentlich nahezu selbstverständlich sein. Dass dieser Film jedoch zudem auch noch in ebendieser Zeit gedreht wurde, sollte besondere Beachtung finden: In jenen Zeiten, in denen das nukleare Wettaufrüsten der beiden Mächte USA und Sowjetunion immer weiter auf die Spitze getrieben wurde, wagte es Stanley Kubrick, einen Film zu drehen, der sowohl satirischer Blick auf das Verhalten der beiden mächtigsten Nationen der Erde und deren militärische Apparate, als auch warnender Fingerzeig in genau deren Richtung und in Richtung der Bevölkerung war. Er zeigt hier auf, dass selbst durch Belanglosigkeiten oder durch die Wahnvorstellungen eines einzelnen bereits das Ende der Welt eingeläutet werden kann. Das, was zuvor nur Gott vorbehalten war, der gesamten Menschheit durch die Apokalypse, den Tag des Jüngsten Gerichts, ein Ende zu bereiten, kann nun in den Zeiten der nuklearen Bedrohung dies- und jenseits des Atlantiks durch eine einzige Person angestoßen werden.

Doch richtig bedrohlich erscheint „Dr. Strangelove“ dabei keineswegs. Zwar wird dem Zuschauer permanent vor Augen geführt, dass das Ende der Welt, wie wir sie kennen, naht, doch geschieht dies auf unnachahmliche Art. Großen Anteil daran hat zweifelsohne Peter Sellers, der hier gleich in drei Rollen auftritt: Zu Beginn wird er uns als britischer Captain Mandrake vorgestellt, der gerade zufällig auf der Militärbasis von General Jack D. Ripper zugegen ist, als dieser den „Code Red“ anordnet. Dieser Rolle Sellers’ wird zwar im Gesamtvergleich der drei durch ihn besetzten Rollen die geringste Leinwandpräsenz zuteil, aber man kann auch in den wenigen Szenen, die er als Mandrake hat, sagen: Er überzeugt als ängstlicher, um das Wohl der Menschheit fürchtender, aber dennoch tapferer Kämpfer gegen Ripper auf voller Linie. Wenig später erblicken wir dann Peter Sellers Nummero zwei: Diesmal als amerikanischer Präsident Muffley, der verzweifelt versucht, seinem sowjetischen Amtskollegen Kissov klar zu machen, dass zwar Bomben auf dem Weg in die Sowjetunion sind, dies aber alles ein schreckliches Missverständnis ist. Wie Sellers in dieser Rolle mal um Vergebung fleht, mal um Fassung ringt, um dann wiederum nicht an das Ende der Welt zu glauben und kämpfen zu wollen, das Unstoppbare doch noch stoppen zu wollen; das ist alles so wunderbar bissig und zugleich liebenswert realistisch gespielt, dass Sellers auch für seine Leistung als US-Präsident einfach nur das Prädikat Weltklasse verliehen werden kann. Das kann nicht mehr getoppt werden? Oh, doch! Denn Sellers hat ja noch eine dritte, letzte Rolle: er spielt den Titelhelden: Dr. Strangelove, einen Ex-Nazi-Wissenschaftler im Rollstuhl, der nach dem Zweiten Weltkrieg die Lager gewechselt hat und nun als Berater für die USA tätig ist. Er berät auch in diesen schweren Stunden den Krisenstab rund um Präsident Muffley. Allein die Rollenbeschreibung klingt schon herrlich kurios. Betrachtet man nun noch das, was Sellers aus dieser Rolle gemacht hat, fällt man zeitweilig schon fast vom Sofa vor Lachen. Einfach göttlich, dieser Tausendsassa Sellers, der mit dieser Dreifach-Besetzung sein Talent in jeglicher Hinsicht unter Beweis gestellt hat. Und es ist schon fast ein bisschen traurig, dass die Nebendarsteller dieser Satire aufgrund der Allgegenwärtigkeit und erschlagenden Leistung Sellers’ stark in den Hintergrund gelangen; denn schließlich sind auch diese Rollen wirklich stark besetzt: der texanische Bomberpilot „King“ Kong wird mit seinem für den Texaner scheinbar so typischen Pragmatismus ebenso herrlich durch Slim Pickens interpretiert wie der bullige General Turgidson, der der Tat des verrückt gewordenen Ripper eigentlich noch das eine oder andere abgewinnen kann, von George C. Scott gemimt wird.

Optisch kann „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ zwar aufgrund seines nun doch stark fortgeschrittenen Alters nicht mit filmischen Produkten der jüngeren Generation mithalten, aber es ist ja auch nicht die Optik, die bei diesem Film im Vordergrund steht, sondern die Botschaft. Und genau die vermittelt dieser Film überragend. Aufgrund der etwas angestaubten Erscheinung des Filmes „nur“ 8,5 von 10 Punkten…

Das Ende der Welt ist nah! Machen wir das Beste daraus!


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