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Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben (1964)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 10 / 10)
eingetragen am 03.01.2007, seitdem 1183 Mal gelesen



In einer Zeit, in welcher der Cineast nach bösen, rücksichtslosen Satiren geradezu lechzt, wo jeder Borat mit einem strahlenden, politisch unkorrekten Lächeln aufgenommen wird, wo man auch einen Lord of War freudig liebkost, trotz seiner Konventionalität... In einer solchen Zeit sehnt man sich zurück nach den guten alten, nicht miterlebten Zeiten, da gnadenlose Satiren, wie MASH, Catch-22, aber auch Le charme discret de la bourgeoisie die Kinosäle zum Lachen brachten. Da sehnt man sich zurück in das Jahr 1964, als der hotteste junge Regisseur Hollywoods einen Film herausbrachte, der den hottesten britischen Comedy-Export in gleich drei Hauptrollen versammelte und das damals (im wahrsten Sinne des verstümmelten englischen Wortes) hotteste Thema der Zeit aufgriff: den Kalten Krieg.

Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb wurden die 96 Minuten poetisch getauft und nie zuvor hatte ein Zelluloidstreifen derart gekonnt die politischen Gegebenheiten der Zeit karikiert, kaum jemals hatte man es gewagt, derart respektlos mit den verantwortungsvollen Führern der US of A herumzuspringen. Ganz vorn auf der Anklagebank musste das Militär Platz nehmen, denn wer sonst, wenn nicht die uniformierten Beschützer des Volkes, hatte das größte Interesse daran, einen atomaren Wettlauf anzuheizen?

So ist es denn auch ein verrückt gewordener General, gespielt vom wunderbar manischen Sterling Hayden, der den Stein ins Rollen bringt und seine Bomber auf die UdSSR hetzt, um den Krieg endlich heiß werden zu lassen. Im Pentagon ist man derweil bemüht, den Schaden zu begrenzen, oder doch nicht?
Der nicht minder verrückte General "Buck" Turgidson drängt den um Ausgleich bemühten Präsidenten Merkin Muffley (Peter Sellers) zum Gegenschlag gegen den noch nicht erfolgten Gegenschlag. Währenddessen irrt ein von der Außenwelt abgeschnittener Bomber gen Russland, verzweifelt darum bemüht, den wahnsinnigen Befehl zu erfüllen.

Das Spiel mit dem Schrecken der von der Kubakrise gebeutelten Zuschauer beherrscht Kubrick hier wie kaum ein anderer. So ist man versucht den Film aufgrund der aberwitzigen Namensgebung nicht ernst zunehmen (wie könnte man das auch, wenn eine Figur Maj. T.J. "King" Kong heisst). Gleichzeitig aber bleibt einem auch heute noch das Lachen im Halse stecken, wenn man den Gecken im Pentagon zusieht, wie sie mit den Millionen Toten hantieren, als ob es sich um Eisenwarenlieferungen handelt. So entsteht der Schrecken, aber auch der entlarvende Blick des Films durch die Beschränkung auf drei Schauplätze, von denen keiner ein notdürftig zusammengezimmerter Bunker in einem Vorort ist, gefüllt mit hysterischen Müttern und weinenden Babies. Kubrick beschränkt sich auf den War Room, Rippers Air Base und den Bomber. Er beschränkt sich, wenn man so will, auf die drei Befehlsebenen, vom Pentagon bis hinunter zum ausführenden, kleinen Licht.

Man könnte meinen, dass der Wahnwitz des Films, die Übertreibung, die sich durch jedes seiner Bilder zieht, noch gesteigert wird durch den Fakt, dass ein Schauspieler hier drei verschiedene Rollen verkörpert. Doch hat Kubrick weise entschieden und mit Peter Sellers jemanden eingebunden, der es schafft, allen drei Charakteren eine individuelle Note zu verleihen, der uns Glauben macht, wir würden drei Schauspielern zusehen. Sellers ist hier auf dem Höhepunkt seiner Komödienkunst, denn er nimmt seine Charaktere ernst. Muffley ist der entscheidungsschwache Präsident, der als einziger im War Room ein Gewissen zu haben scheint und sich doch v.a. um seinen Stand in der Geschichte Sorgen macht. Mandrake ist der prinzipientreue Brite, der erst zum Handeln fähig wird, als sein Vorgesetzter nicht mehr in der Lage ist, ihm Befehlsverweigerung vorzuwerfen. Schließlich ist da noch Dr. Strangelove, der stellvertretend für die Gewissenlosigkeit der Wissenschaft den Massenmord nicht nur kühl berechnet, sondern geradezu herbeisehnt, für den der Gedanke ans millionenfache Sterben als Potenzmittel fungiert. In dieser Figur führt Kubrick die Motive des Militärisch-Industriellen Komplexes ad absurdum.

Was könnte man nicht noch alles schreiben über diesen Film: Angefangen bei den fabelhaften Improvisationen von Sellers, über die hervorragende Leistung von George C. Scott, der dem Begriff over acting eine neue Note verleiht, bis zu den ebenso wegweisenden, wie zeitlosen Sets von Ken Adam.

Kubrick drehte diesen Film zu einem Zeitpunkt, da der Kalte Krieg nie heißer schien, da der Konflikt nicht in einem weitentfernten Satellitenstaat ausgetragen wurde, sondern unmittelbar vor der eigenen Haustür. In einer solchen Zeit ist zumeist der nationale Zusammenhalt angesagt, jede kritische Stimme muss vor dem Patriotismus weichen, denn innerer Zwiespalt wird als Schwäche ausgelegt werden.
In einer solchen Zeit einen Film zu drehen, der die heiligen Institutionen eines jeden von außen bedrohten Staates lächerlich macht, ist nicht nur mutig. Es ist eine Verantwortung, an die gerade Hollywood auch heute noch erinnert werden sollte. Nicht zuletzt weil einer der lustigsten Filme aller Zeiten daraus entstehen kann.


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