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Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben (1964)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 10 / 10)
eingetragen am 19.04.2011, seitdem 633 Mal gelesen



Gentlemen, you can't fight in here, this is the war room!

Stanley Kubricks bitterböse Atomkriegs-Satire rief einiges an Aufsehen hervor. Zu Recht! Kaum ein Film traf sein Ziel so genau wie dieses Meisterwerk. Kubrick zeigt uns eindrucksvoll eine mögliche Schwäche im System, die schon durch einen kleinen Fehltritt in einer grausamen Katastrophe enden könnte.

Dr. Seltsam oder: wie ich lernte, die Bombe zu lieben beginnt mit dem erschreckenden Befehl eines US-amerikanischen Generals eines atomaren Luftangriffs auf die Sowjetunion. Ihr Angriff hätte schon stattgefunden heißt es und das schon seit vielen Jahren über geheime Operationen. Captain Mandrake, ein britischer Offizier, hält dies zuerst für eine Übung und lächelt begeistert: Man müsse ja die Truppen immer auf Trab halten. Sein Lächeln wandelt sich jedoch schlagartig in blankes Entsetzen als es sich als todernste Angelegenheit herausstellt.

Alle Figuren aus Kubricks Film erscheinen einem auf irgendeine Art und Weise leicht verrückt, jeder hat mit seinen Problemen zu kämpfen die sich teilweise in eindeutigen Zwangsneurosen äußern. All diese Figuren, von hohen Generälen bis zum Präsidenten, versammeln sich daraufhin zu einer Krisensitzung im Pentagon. Der oberste General Turgidson erklärt dem Präsidenten die Aussichtslosigkeit der Lage und lässt dabei klar durchblicken, dass er für den Angriff ist. Was folgt sind groteske Telefongespräche mit dem völlig betrunkenen russischen Präsidenten. Die Zeit rinnt dahin und es wird sich mit Belanglosigkeiten abgegeben. Das alles ist so absurd, dass man oft nicht weiß ob man schmunzeln oder vor Entsetzen verwirrt dreinschauen sollte.

Als dann ein russischer Botschafter erstmals das Pentagon betreten darf, bricht auf Anhieb eine kindische Prügelei zwischen ihm und General Turgidson aus und obiges Zitat findet seine bedeutungsschwere Anwendung. Auch der titelgebende Dr. Seltsam ist eine Kritik in Person, so ist er doch ein ehemaliger deutscher Wissenschaftler der im Dienste von Nazis stand. Er macht seinem Namen alle Ehre, denn er scheint keinerlei Kontrolle über seine Hand zu haben, welche sich zu jeder Gelegenheit gern zum Hitlergruß ausstrecken würde. Das versucht er zwar zu unterdrücken, doch gelingt ihm das nicht immer. Am Ende bricht all die unterdrückte Energie aus ihm heraus. Wie so oft bietet der Regisseur uns eigentlich erschreckende Bilder, unterlegt mit fröhlicher Musik. Dieser starke Kontrast lässt den Zuschauer staunen. Kubrick trifft mit dieser Satire einen Nerv und löste Kontroversen aus.

Bemerkenswert sind auch die von Kubrick so oft verwendeten sexuellen Anspielungen, von denen es hier nur so trieft. Schon die Eröffnungssequenz ist ein Symbolbild für Sexualität: Eine Betankung eines großen B-52 Bombers in der Luft. Des Weiteren kommt nur eine einzige Frau vor, welche auch noch eine bedeutungslose Liebschaft zu sein scheint und leicht bekleidet vor die Kamera tritt. Der ganze Film zeigt eine Männerdomäne und die tiefe Symbolik der Bilder strotzt vor männlicher Sexualität. Die bewusst überzeichneten Charaktere scheinen selbige zu unterdrücken und versuchen jeweils auf ihre Art damit klarzukommen. Nicht umsonst erinnert der Name des geistesgestörten Generals Jack D. Ripper an den Prostituiertenmörder Jack the Ripper. Als dann Pläne geschmiedet werden die Erde nach einem möglichen Atomkrieg neu zu bevölkern horchen alle begeistert auf, denn es sollen jeweils zehn fruchtbare Frauen auf einen Mann kommen. Das eigentliche Thema, die fast vollständige Auslöschung der menschlichen Rasse, erscheint den Männern nur noch nebensächlich.

Fazit:
Eine brilliante Satire über den kalten Krieg, gespickt mit zahlreichen Anspielungen und einer Menge Kritik am System. Musik, Bilder, Charaktere und Inhalt sind hier perfekt aufeinander abgestimmt und zeigen erneut wie zielsicher Stanley Kubrick war. Die Symbolik seiner Bilder ist so einprägsam wie bei kaum einem anderen Regisseur.


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