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Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben (1964)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 8 / 10)
eingetragen am 10.01.2012, seitdem 372 Mal gelesen



Stanley Kubricks („A Clockwork Orange“) Kalter-Krieg-Satire „Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ aus dem Jahre 1964 zieht auf herrlich makabre Weise das Wettrüsten zwischen den USA und der UdSSR bzw. die daraus resultierenden möglichen Folgen durch den Kakao. US-General Jack D. Ripper fällt dem Wahnsinn anheim und gibt einer Fliegerstaffel Befehl zum Angriff des kommunistischen Gegners. In der US-Kommandozentrale überlegt man, wie mit der Situation umzugehen ist und versucht letztlich, die noch nicht abgeschossenen Flieger zurückzufunken. Einer jedoch wurde ausgerechnet soweit beschädigt, dass der Funk nicht mehr funktioniert...

Kubrick verarscht nicht nur die US-Kommunisten-Paranoia nach Strich und Faden, indem er, anscheinend bezugnehmend auf tatsächliche Theorien, General Jack D. Ripper über kommunistisch infiltriertes Trinkwasser schwadronieren lässt, sondern zeigt die Zuspitzung des Kalten Krieges mittels nuklearer Aufrüstung, als das, was sie war: Eine unverantwortliche, bizarre Farce, die die Welt an den Rande des Abgrunds brachte. Wie man da also in der fiktiven US-Kommandozentrale in prächtigen Kulissen von „James Bond“-Ausstatter Ken Adams zusammensitzt und debattiert, stellt sich US-Präsident Muffley als friedliebender Zeitgenosse heraus, der das Unheil noch diplomatisch abzuwenden versucht, der Rest hingegen wirkt wie ein ungefickter Haufen pathologischer Spinner mit Allmachtsphantasien – wobei Kubrick anscheinend auch hier auf seinerzeit real existierende Personen anspielte. Besonders hervor tut sich Wissenschaftler Dr. Seltsam, der mit seinem ein Eigenleben führenden rechten Arm und seinen touretteartigen Führertreuebekundungen symbolisiert, wie bereitwillig sich die USA nach Ende des Zweiten Weltkriegs mit Altnazis gegen den Sozialismus verbündeten. Einer der wenigen vernunftbetonten Menschen ist Offizier Mandrake – wie Kubrick Brite (ein Schelm, wer...) –, der sich außerhalb der Kommandozentrale mit ignoranten und bornierten US-Militärs herumschlagen muss, um Ripper zu stoppen. Der ernste Hintergrund, die Möglichkeit der Verselbständigung der Ereignisse nach einem individuellen Fehler in einem durch einzelne Befehle oder Tastendrücke vom kalten in einen heißen mutierbaren Krieg, bleibt bei allem Humor allgegenwärtig und unmissverständlich.

Jenen Humor möchte ich als eine feine Mischung aus intelligenter Politsatire, typisch Britisch-Makabrem und einigen ins Absurde gesteigerten Übertreibungen charakterisieren, der auch unbedarfte Zuschauer an die Hand nehmen und durch die Handlung führen dürfte. Politische Vorkenntnisse zu haben, scheint mir für den Filmgenuss nicht unbedingt notwendig. Als besonders gut herausgearbeitet sind mir die einzelnen Rollen in Erinnerung, die allesamt höchst charismatisch und erinnerungswürdig ausfielen – und von denen Hauptdarsteller Peter Sellers („Der rosarote Panther“) allein drei übernahm: Präsident Muffley, Offizier Mandrake und Dr. Seltsam. Der knorrige George C. Scott („Hardcore – Ein Vater sieht rot“) als zweckoptimistischer General „Buck“ Turgidson ist ebenfalls eine Traumbesetzung, auch Sterling Hayden („Die schwarze Mamba“) als Ripper und Slim Pickens („The Howling – Das Tier“) als Pilot Major „King“ Kong erscheinen mir prädestiniert für ihre Rollen und tragen ihren Teil dazu bei, den Unterhaltungsfaktor stetig aufrecht zu erhalten, obwohl man das Ende bereits vorausahnt.

Mit „Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ gelang Meisterregisseur Kubrick ein ebenso mutiger und respektloser wie wichtiger, allgemein anerkannter Beitrag zur Rüstungsdebatte des Kalten Krieges, der sich ins kollektive kulturelle Bewusstsein eingebrannt hat – sowohl inhaltlich als auch mit Bildern wie der berühmten Bombenreitszene Major Kongs, die für sich allein schon den selbstgefälligen, destruktiven US-Patridiotismus versinnbildlichend aufs Korn nimmt. Ein ganz hervorragend gereifter Klassiker, zeitloser als so manche bierernste Auseinandersetzung mit einem Themenkomplex, der die Nachkriegsgeneration wie kaum ein anderer prägte.


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