Ansicht eines Reviews

Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben (1964)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 10 / 10)
eingetragen am 21.03.2013, seitdem 858 Mal gelesen



Dr. Strangelove; or How I Stopped Worrying and Love the Bomb (1964) von Stanley Kubrick
Fail-Safe (1964) von Sidney Lumet

"Dr. Strangelove; or How I Stopped Worrying and Love the Bomb" ist der erste von drei aufeinanderfolgenden Science Fiction Filmen, mit denen Kubrick nicht blo√ü im Genre und in seiner eigenen Karriere als Filmemacher, sondern gleich in der gesamten Filmgeschichte drei beachtliche Meilensteine hinterlassen hat. Lumets "Fail-Safe" ist dagegen nur geringf√ľgig schw√§cher, allerdings - trotz hochkar√§tiger Besetzung - der bei weitem unbekanntere Film, der gerade wegen des √ľberaus √§hnlichen Inhalts stets im Schatten von Kubricks schwarzer Kom√∂die stehen musste. Schuld daran sind nicht unbedingt qualitative Unterschiede zwischen beiden Filmen, sondern eher Kubricks Bem√ľhungen, "Fail-Safe" erst nach dem eigenen Film in die Kinos gelangen zu lassen: w√§hrend Peter Bryan George, der Autor der "Dr. Strangelove"-Vorlage "Red Alert" (1958), aufgrund eines Plagiatsverdachtes gegen Eugene Burdick und Harvey Wheeler, die Autoren der "Fail-Safe"-Vorlage "Fail-Safe" (1962), klagte, setzte Kubrick bei Columbia Pictures durch, seinen eigenen Film einige Monate vor dem ebenfalls von Columbia vertriebenen "Fail-Safe" zu ver√∂ffentlichen.[1] Als Folge davon ist der k√ľnstlerisch zwar durchaus erfolgreiche "Fail-Safe" beim Publikum dann jedoch hinter Kubricks Meisterwerk, das quasi wie eine Bombe eingeschlagen war, zur√ľckgeblieben. Diesen Status des etwas untergegangenen Films hat "Fail-Safe" trotz aller W√ľrdigungen bis heute inne; "Dr. Strangelove; or How I Stopped Worrying and Love the Bomb" erfreut sich indes nach wie vor gr√∂√üter Beliebtheit - wom√∂glich auch, weil Kubrick im Gegensatz zu Lumet noch all denen ein Begriff als gro√üer Meisterregisseur ist, die ansonsten (bis auf Hitchcock, Spielberg und Tarantino wom√∂glich) √ľberhaupt keine Regisseure kennen.

"Dr. Strangelove; or How I Stopped Worrying and Love the Bomb" weicht nicht nur dem Titel nach von seiner Romanvorlage "Red Alert" ab; mit deren Autor Peter Bryan George und mit Terry Southern (ihm besonders!) schrieb Kubrick ein Drehbuch, das gegen Ende mit dem (hierzulande nur im Grabbeltisch-Verlag Erich Pabel erschienenen) Roman kaum noch etwas gemeinsam hat: von einer gl√ľcklichen F√ľgung, die auch noch einen Wandel der Ansichten des Pr√§sidenten bewirkt, bleibt im Film nichts mehr √ľbrig - dort endet alles mit dem v√∂lligen Weltuntergang. Und der ernsthafte Tonfall der Vorlage ger√§t in Kubricks Verfilmung zur teils klamaukigen Satire. Die Besetzung mit Peters Sellers in drei (urspr√ľnglich sogar vier) tragenden Rollen unterstreicht den humoristischen Aspekt des Films nachhaltig.
Alles beginnt damit, dass [Achtung: Spoiler!] ein wahnsinnig gewordener, die Verunreinigung seiner K√∂rpers√§fte durch die Russen f√ľrchtender General mit dem sch√∂nen Namen Jack D. Ripper (Sterling Hayden) eine Gruppe von B-52-Bombern samt Angriffsbefehl gen Russland schickt. Seinen Irrsinn durchblickt der von ihm eingeweihte - und bald auch eingeschlossene - Captain Mandrake (Peter Sellers) zwar sehr schnell, aber es mangelt ihm mal an Mut, mal an Weitsicht, mal an Kleingeld, als dass er rechtzeitig genug effektiv eingreifen k√∂nnte. Derweil wird der etwas uninformierte und recht vergessliche Pr√§sident Merkin Muffley (Peter Sellers) im War Room des Pentagons von General Buck Turgidson (George C. Scott) in die Vorg√§nge eingeweiht: die Bomber k√∂nnten nicht zur√ľckgerufen werden, es fehle der R√ľckholcode. Um diesen zu erhalten, st√ľrmt man General Rippers Luftwaffenst√ľtzpunkt Burpleson, wobei Ripper seinerseits die Angreifer als vermummte Russen hinstellt und bek√§mpfen l√§sst. Der Pr√§sident l√§sst zudem den russischen Botschafter Alexi de Sadesky¬† (Peter Bull) in den War Room kommen und telefoniert eifrig mit dem russischen, etwas begriffsstutzigen Premier Dimitri Kissov, um die Karten offen zu legen und einem Gegenschlag vorzubeugen. Durch den Botschafter muss Pr√§sident Muffley erfahren, dass die Russen mittlerweile √ľber eine (nicht beeinflussbare oder abschaltbare) Weltvernichtungsmaschine verf√ľgen, die im Falle eines atomaren Angriffs selbstt√§tig den gesamten Erdball f√ľr Jahrzehnte radioaktiv verstrahlen und alles Leben austilgen w√ľrde. Auf dem St√ľtzpunkt Burpleson nimmt sich Ripper schlie√ülich das Leben, als sein St√ľtzpunkt eingenommen wird; Mandrake hingegen findet in dessen Aufzeichnungen den R√ľckholcode, kann ihn aber zun√§chst nicht dem Pr√§sidenten zukommen lassen - unter anderem weil ihn ein etwas debiler Colonel 'Bat' Guano (Keenan Wynn) behindert. Als das Codewort endlich seinen Weg ins Pentagon gefunden hat, ist die Freude zun√§chst gro√ü. Doch ein von den Russen angeschossener Bomber, der sich im Tiefflug ihrem Radar entzieht und noch dazu seinen Kurs wechseln muss, kann nicht erreicht werden, da die Technik seit dem Treffer defekt ist. Und w√§hrend ein im Rollstuhl hockender Dr. Strangelove (Peter Sellers), ein ehemaliger Nazi-Mad-Scientist, der einst Merkwurdigliebe hie√ü, dem Pr√§sidenten seine Pl√§ne f√ľr das √úberleben weniger Ausgew√§hlter in einem Bunkersystem darlegt und der russische Botschafter noch ein paar letzte Spionage-Fotos macht, steuert Bomberpilot Major T. J. Kong (Slim Pickens) sein Ausweichziel an und schmei√üt die Bombe ab, auf der er - weil die Technik versagt und er den Abwurf manuell in die Wege leiten muss - w√§hrend ihres Sturzflugs wie ein reitender Cowboy hockt. Dr. Strangelove redet sich noch kurz in Rage, derweil aufgrund einer Apraxie seine rechte, schwarz behandschuhte Hand immer wieder in den Hitlergru√ü verf√§llt; schlie√ülich erhebt er sich aus seinem Rollstuhl, wankt auf den Pr√§sidenten zu und nach den Worten "Mein Fuehrer, I can Walk!" endet der Film mit einer Reihe von Atombombenexplosionen zu den Kl√§ngen von Vera Lynns "We'll Meet Again".

Ein guter Film ist "Dr. Strangelove; or How I Stopped Worrying and Love the Bomb" allein schon wegen der hervorragenden Inszenierung, die sogar ihre Fehler und Unsauberheiten genau einplant. Solche geplanten Fehler & Unsauberheiten w√§ren etwa: das penetrante Overacting von George C. Scott, das Kubrick aus diesem herauskitzelte und gegen seinen Willen benutzte; oder aber die bewusst krakelige Handschrift des Vorspanns, inklusive Fl√ľchtigkeitsfehler; oder aber der schmutzige, willk√ľrlich anmutende Stil der Kameraf√ľhrung bei der St√ľrmung des St√ľtzpunktes Burpleson, der freilich blo√ü authentisch, dokumentarisch erscheinen soll. Solche unfeinen, groben Szenen stehen neben vollkommen beherrschter film noir √Ąsthetik (General Rippers Arbeitszimmer w√§hrend der St√ľrmung), neben geschickt montiertem Bild/Ton-Zusammenspiel (Vorspann und Epilog), neben eindrucksvollen Kulissen (Ken Adams James-Bond-Film-w√ľrdiger War Room) und eindrucksvollem Schauspiel (Peter Sellers kom√∂diantisches Talent kommt voll zur Geltung). Formal h√§lt der Film ein sehr hohes Niveau; inhaltlich besa√ü der Film zumindest einige Monate nach der Kuba Krise und in der Zeit des Nuclear Test Ban Treaty eine gro√üe Aktualit√§t: den Irrsinn des Kalten Krieges, die Gefahr eines atomaren Schlagabtausches, die Nukleare Abschreckung mit den Mitteln des Klamauks, der Zote, der Satire, des galligen Humors und der subtilen Seitenhiebe als v√∂lligen Wahnwitz hinzustellen, hat seinerzeit durchaus sein provozierendes Potential voll entfalten k√∂nnen. Obwohl der Film ganz deutlich ein Kind seiner Zeit ist, blickt er jedoch von au√üen auf den Kalten Krieg: keine haltbaren, ernsthaften Meinungen zur politischen Situation werden mehr vorgef√ľhrt - stattdessen sind einfach durchweg alle Figuren vollkommen gaga... Das konnte man damals nur "destruktiv" finden, wie es etwa bei der New York Times der Fall war. (Und die U.S. Air Force bestand noch auf einer beruhigenden Schrifttafel zu Beginn des Films.)
Und destruktiv geht Kubrick besonders dann zu Werke, wenn es ihm darum geht, seine Figuren in Szene zu setzen: Jeder einzelne Charakter wird geh√∂rig diffamiert. Dr. Strangelove, irgendwo zwischen Nazi-Mad-Scientist, Fritz Langs Rotwang und Henry Kissinger anzusiedeln, ist in dieser Hinsicht sicherlich das (titelgebende) Aush√§ngeschild des Films; aber auch der paranoide General Ripper, dessen Name an einen der ber√ľchtigsten M√∂rder denken l√§sst, ger√§t zur Zielscheibe des Spottes. Ebenso der polterige texanische Bomberpilot 'King' Kong (der urspr√ľnglich ebenfalls von Sellers gespielt werden sollte)... oder der russische Botschafter, der noch im Angesicht des Todes als Spion t√§tig ist... oder ein tumber Colonel mit dem unr√ľhmlichen Namen Bat Guano... Der glatzk√∂pfige Pr√§sident Merkin Muffley (merkin = Schamhaarper√ľcke, muff = Schambehaarung), der k√ľhl und bem√ľht bleibt, zugleich aber so ratlos und unwissend ist wie der russische Premier... nichts und niemand ist vor Spott und H√§me sicher.
In diesem respektlosen Umgangston finden dann auch die scheinbaren Unsauberkeiten ihren Platz: die krakelige Schrift des Vorspanns, Scotts Overacting, der dreckige, ruckelig-unsaubere dokumentarische Anstrich - ein derartig respektloser Film k√ľmmert sich nun mal nicht gro√üartig darum, durchg√§ngig sch√∂n zu sein... bzw. tut er so, indem er sich hin und wieder penibel darum k√ľmmert, nicht sch√∂n zu sein.

Seine Respektlosigkeiten l√§sst "Dr. Strangelove; or How I Stopped Worrying and Love the Bomb" allerdings nicht willk√ľrlich erfolgen - es gibt durchaus ein System f√ľr den w√ľsten Rundumschlag, welches aus dem Film eine Art Unterleibswitz werden l√§sst: im Namen Dr. Strangelove klingt es bereits an. Diese Merkwurdigliebe (so Strangeloves ehemaliger, deutscher Name in der Originalfassung[2]) verweist bereits darauf, dass Kampf & Krieg ein sexuelles Spektakel darstellen, ein erotisch aufgeladenes, triebgesteuertes Spiel kleiner Jungs,[3] in welchem sie ihre Begierden verfolgen und sich richtig austoben k√∂nnen. Konsequent wird alles und jeder sexualisiert: Vom ber√ľhmten Vorspann, der zu den Kl√§ngen von "Try a Little Tenderness" das Auftanken eines Flugzeuges durch ein anderes als Akt der Besteigung pr√§sentiert, √ľber die vielen - mal mehr, mal weniger - obsz√∂nen Namen (Buck Turgidson, Merkin Muffley, de Sadesky, Kissov, Strangelove), √ľber Rippers Angst um seine wertvollen K√∂rpers√§fte, die er sogar den Frauen verweigert, √ľber den Playboy lesenden King Kong, der am Ende mit der phallischen Bombe zwischen den Beinen auf die Erde zurast, bis hin zur ekstatischen Verz√ľckung Strangeloves angesichts der Katastrophe und der freudigen Reaktion Turgidsons auf den geplanten Frauen√ľberschuss im anvisierten Rettungsbunker... Die Politik des Kalten Krieges (und nicht nur des kalten!) wird nicht nur als Wahnwitz hingestellt, sondern sogar als ekstatisches Spiel triebgesteuerter M√§nner, die sich in ihm ausleben k√∂nnen und wollen.[4] Die Respektlosigkeit bekommt dadurch mehr und mehr auch den Anstrich der Beleidigung.

In "Fail-Safe" geht Sidney Lumet dagegen ganz anders vor: Lumet schaut nicht von au√üen auf einen Kalten Krieg, der dann in seiner ganzen Absurdit√§t dargelegt wird, sondern quasi von innen - jede Wendung wird ernst genommen, jede Figur (selbst all jene, die die Fassung verlieren, zusammenbrechen) wird ernsthaft und mit W√ľrde gezeichnet. Bei Lumet herrscht √ľberall Verst√§ndnis f√ľr Situationen und Entscheidungen, wo bei Kubrick Unverst√§ndnis herrscht.
Die Handlung setzt [Achtung: Spoiler!] am fr√ľhen Morgen ein: General Warren Black (Dan O'Herlihy) erwacht nach einem Alptraum, der ihn schon seit langem verfolgt und in welchem er als Zuschauer einem blutigen Tierkampf beiwohnt. Black verabschiedet sich bald von seiner Frau, um an einer Konferenz in der Kommandozentrale des Pentagons teilnehmen, der ein neuer Minister beiwohnen wird. Zeitgleich neigt sich eine Abendgesellschaft ihrem Ende entgegen: einer der G√§ste, Prof. Groetschele (Walter Matthau), pl√§diert noch f√ľr einen Erstschlag der Amerikaner, um einem m√∂glichen Atomkrieg vorzubeugen, der noch weit mehr Menschenleben fordern w√ľrde, und verl√§sst dann die Gesellschaft, um ebenfalls der Konferenz im Pentagon beizuwohnen. Anderswo sucht General Bogan (Frank Overton) nach Colonel Cascio (Fritz Weaver), der sich gerade bei seinen Eltern aufh√§lt, f√ľr deren Lebensverh√§ltnisse (verarmt und alkoholabh√§ngig) er sich sch√§mt; beide werden sie an der Konferenz teilnehmen. Und wieder an einem anderen Ort debattiert Colonel Grady (Edward Binns) mit einem Freund und Kollegen √ľber die zunehmende Technisierung im Rahmen der US-Luftwaffe - um anschlie√üend seinen letzten Flug anzutreten.
Schnell zeigt sich, dass die Technisierung jenen Punkt darstellt, um den sich alles drehen wird: Bogan erw√§hnte schon zuvor gegen√ľber Cascio, dass er statt "going up like a rocket" fr√ľher noch "going up like a balloon" gesagt h√§tte. Die Technik beschleunigt alles immer st√§rker und der Mensch legt mit seinen nicht mehr ausreichenden Reaktionszeiten jede Verantwortung in die H√§nde der Maschinen - General Black wird sp√§ter auf der Konferenz eine entsprechend beschleunigungskritische Rede halten, wobei Prof. Groetschele hingegen als Beschleunigungsbef√ľrworter auftritt.
Dann jedoch schl√§gt die Theorie in die Praxis um: im Rahmen einer relativ schlichten Routineaktion bekommt ein Bombengeschwader ungl√ľcklicherweise durch einen technischen Defekt den Befehl, einen Nuklearangriff auf Moskau zu starten. √úber Funk sind sie aufgrund russischer St√∂rsender zun√§chst nicht erreichbar. Der Pr√§sident (Henry Fonda), ein alter Freund von General Warren 'Blackie' Black, erf√§hrt von dem verh√§ngnisvollen Missgeschick und verlangt schweren Herzens, die eigenen Bomber abschie√üen zu lassen, sollten sie nicht umkehren: das ist jedoch f√ľr die J√§ger ein Himmelfahrtskommando, haben sie doch rein rechnerisch keine M√∂glichkeit, die Bomber noch einzuholen - darauf macht Colonel Cascio vergeblich aufmerksam. Der Pr√§sident und sein Dolmetscher Buck (Larry Hagman) telefonieren nach dem gescheiterten Einsatz mit dem russischen Ministerpr√§sidenten, um gemeinsam mit diesem nach einer L√∂sung des Problems zu suchen, w√§hrend Prof. Groetschele im Kontrollraum - √§hnlich wie Buck Turgidson bei Kubrick - daf√ľr pl√§diert, alle verf√ľgbaren Mitteln zum Erstschlag einzusetzen. Der Pr√§sident erkl√§rt sich bereit, alles m√∂gliche zu tun, um den russischen J√§gern den Abschuss der amerikanischen Bomber zu erleichtern; der Ministerpr√§sident lehnt zun√§chst ab, muss aber schlie√ülich einsehen, dass man aufgrund des amerikanischen Tarnvorhangs nur einen von sechs Bombern abschie√üen konnte. Obwohl seine Gener√§le ihm zu einem Gegenschlag raten, sucht er nun mit dem Pr√§sidenten nach einer L√∂sung: der russische St√∂rsender - von dem der Ministerpr√§sident nichts gewusst haben will - wird abgeschaltet, Grady jedoch reagiert gem√§√ü seiner Richtlinien nicht mehr auf den m√ľndlichen Befehl des Pr√§sidenten, der nun zwar erfolgen kann, ungl√ľcklicherweise jedoch viel zu sp√§t. Der amerikanische Pr√§sident stellt zwar die Mittel zur Verf√ľgung, den eigenen Tarnvorhang zu umgehen (woraufhin der vom Pr√§sidenten entt√§uschte Cascio gar mit Gewalt versucht, General Bogan vom Befolgen des Befehls abzuhalten - nicht zuletzt auch wegen seines tief sitzenden Minderwertigkeitskomplexes), die russischen J√§ger jedoch k√∂nnen nur vier von f√ľnf Bombern abschie√üen.
Letztlich ist die Katastrophe unabwendbar. Um den Gegenschlag abzuwenden, l√§sst der Pr√§sident zwei 20-Megatonnen-Bomben auf New York abwerfen; sein Freund Blackie erkl√§rt sich bereit, den (auch f√ľr ihn t√∂dlichen) Einsatz zu fliegen, obwohl sich seine Familie gerade in New York befindet. Vor seinem Tod kommentiert er noch den eigenen Alptraum ("The Matador! The Matador! The Matador! Me!"), dann wird alles Leben in New York ausgel√∂scht: allt√§gliche Szenen frieren w√§hrend schneller Zooms zu Standbildern ein, dann l√§uft der Abspann.

Auch Lumets Film ist formal √ľberragend - von der kontrastreichen Traumsequenz bis zum Standbild-Schluss. Die Kulisse f√§llt zwar im Vergleich zu Ken Adams Entwurf f√ľr Kubrick weniger beeindruckend aus, die sterilen, n√ľchternen Bauten, in denen dem Menschen seine Technik zum Verh√§ngnis wird, folgen allerdings durchaus konsequent einem Konzept. Die dramatischen Zuspitzung werden √ľberzeugend mit Gro√ü- und Nahaufnahmen von Henry Fondas sorgenvollem Gesicht bebildert - und die Wirkung ist wahrlich effektiv: kein galliger Gag wie bei Kubrick, sondern ein Hieb in die Magengrube l√§sst den Film enden.
Dramaturgisch wirkt der Film allerdings ein wenig √ľberkonstruiert. Vieles ist - wom√∂glich aufgrund der Romanvorlage - arg literarisch geraten: Ein Flirt Groetscheles nach der anf√§nglichen Abendgesellschaft charakterisiert ihn ausgesprochen dialoglastig, theatralisch und direkt, der rahmende Traum General Blacks gibt der Episode dieser Figur einen pointierten, runden Abschluss, der jedoch das Gleichgewicht des Films selbst eher durcheinanderbringt und dem Stoff insgesamt nichts hinzuf√ľgt; und auch die kurz angerissene famili√§re Situation Cascios, die seinem Ausraster gegen Ende einen weiteren Kontext geben soll, wirkt im R√ľckblick ausgesprochen zielgerichtet und aufdringlich. Der gesamte Film ist sorgf√§ltig konstruiert worden, die Konstruktion jedoch schimmert best√§ndig durch. Die kammerspielartigen Debatten jedoch (mit denen Lumet bereits in "12 Angry Men" (1957) Erfahrung sammeln konnte) werden effektiv in Szene gesetzt.

Doch in seiner Aussage geht der beklemmende und hochwertig inszenierte Film weniger weit als Kubricks Konkurrenzprodukt: Lumet kritisiert keinesfalls ein Kriegstreiben an sich, sondern blo√ü sein quasi veloziferisches Moment. Ausl√∂ser der Katastrophe ist eine Technik, die - wenn sie mal au√üer Kontrolle ger√§t - kaum noch zu b√§ndigen ist. Jeder Beteiligte handelt nachvollziehbar, folgt klaren Argumenten oder zumindest verst√§ndlichen Motiven. Und gerade der US-Pr√§sident ger√§t - nicht zuletzt durch Fondas Image - zu einem Musterbeispiel an Verantwortungsbewusstsein und moralischem Gewissen, w√§hrend er bei Kubrick allenfalls noch als Bild bem√ľhter Inkompetenz auftrat: hier gibt sich Lumets au√üergew√∂hnlicher Film doch recht konventionell.
Verglichen mit Kubricks Version eines hei√ü werdenden kalten Kriegs mag Lumets Film bodenst√§ndiger sein, will jedoch nicht zu den psychologischen Ursachen des Krieges vordringen (bei Kubrick irgendwo zwischen Macht-Geilheit und √úberlebens-Trieb angesiedelt), sondern ein worst-case-Szenario durchspielen, bei dem die moralische Frage (der Konflikt zwischen Groetschele und Black) und eine beschleunigungskritische These (die Technik √ľbersteigt l√§ngst die Reaktionszeit des √ľberwachenden Menschen, der mehr und mehr auf die Technik vertrauen muss) den Lauf der Dinge flankieren. In seiner Ablehnung atomaren Wettr√ľstens und Nuklearer Abschreckung geht Kubrick letztlich viel weiter als Lumet, warnt er doch nicht blo√ü vor Folgen, sondern attackiert er doch mit aller Macht auch noch die Motivationen - radikaler noch als in seinen drei reineren Kriegsfilmen. (Das √∂ffnet zwar auch der billigen Annahme, dass die M√§chtigen irre sein m√ľssen, T√ľr und Tor, zugleich aber bietet es auch Anreize, sich mit grunds√§tzlichen gesellschaftlichen Problemen zu besch√§ftigen: denn die fanatischen antikommunistischen Str√∂mungen waren vor allem ein gesellschaftliches Problem und nicht blo√ü ein Problem weniger Politiker.)

Wenn auch nicht so bedeutsam und √ľberragend wie Lumets im gleichen Jahr entstandener "The Pawnbroker" (1964), d√ľrfte es sich bei "Fail-Safe" wohl um einen der besten Lumets der 60er Jahre handeln. Im Vergleich mit Kubricks "Dr. Strangelove; or How I Stopped Worrying and Love the Bomb" muss er aber doch den K√ľrzeren ziehen. (9/10 f√ľr den Lumet, 10/10 f√ľr den Kubrick.)


1.) Wenn es um den kommerziellen Erfolg seiner Filme ging, war Kubrick nicht zimperlich: davon zeugen auch die kommerziellen K√ľrzungen und Straffungen, die er vielfach an seinen eigenen Filmen vornahm.
2.) Die eher unerfreuliche deutsche Fassung reduziert beide Namen auf Seltsam bzw. Merkw√ľrdig und tilgt damit ganz nebenbei eines der Schl√ľsselmotive des Films: das Motiv einer verschrobenen, aus der Fassung geratenen Liebe, einer Liebe zum Krieg. Diese Liebe zum Krieg, diese Verwechslung von Liebe und Kampf, von Frieden und Krieg zieht sich auch durch das "PEACE IS OUR PROFESSION", das auf zahlreichen Schildern den St√ľtzpunkt Burpleson schm√ľckt - besonders w√§hrend der Kampfhandlungen.
3.) Tatsächlich gibt es nur eine - auf ihre Bikini-Figur reduzierte - Frau im gesamten Film: das Frauenbild ist klassisch und das sexuell aufgeladene Kriegsspiel, die Selbstbehauptung, die Machtgeilheit, der Eroberungstrieb wird als Männersache hingestellt.
4.) Von den zeitgenössischen Artikeln zu Kubricks Film kehrt vor allem F. Anthony Macklins Aufsatz "Sex and Dr. Strangelove" (Film Comment, 01. Juni 1965) die sexuelle Aufladung des Films in den Vordergrund.


Surprise me!
"Surprise me!" BETA
Lassen Sie sich überraschen! Wir führen Sie zu einem zufälligen Treffer zu einem Thema Ihrer Wahl... Wollen Sie eine andere Kritik von "PierrotLeFou" lesen? Oder ein anderes Review zu "Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben (1964)"?


Zur Übersichtsseite des Films
Liste aller lokalen Reviews von PierrotLeFou

Zurück


Copyright © 1999-2018 OFDb.de - Die Online-Filmdatenbank
Alle Rechte vorbehalten.
Nutzungsbedingungen · Werben · Impressum
Hosted by Net-Build



Quicksearch






User-Center

Benutzername: 
Paßwort:
Login nur für diese Sitzung:

·

420 Besucher online


SSL  SSL-gesicherte
Verbindung aktiv


Abonnement


Abonnement - Bitte erst anmelden
Melden Sie sich bitte an, um Abonnements vornehmen zu können



Neue Reviews


Frozen Money (2015)
Sieben Samurai, Die (1954)
Split (2016)
Jason Goes to Hell - Die Endabrechnung (1993)
Dragon - Die Bruce Lee Story (1993)



News


Unser News-Bereich wurde überarbeitet und wird in Kürze weiter ausgebaut werden, damit Sie stets aktuell über alle Neuigkeiten rund um die Welt des Films informiert sind.

» Zum neuen News-Bereich