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Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben (1964)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 9 / 10)
eingetragen am 15.03.2004, seitdem 3554 Mal gelesen



"Now then, Dmitri, you know how we've always talked about the possibility of something going wrong with the Bomb... The Bomb, Dmitri... The hydrogen bomb!", sagt Peter Sellers nerv├Âs in den Telefonh├Ârer. Sellers ist der amerikanische Pr├Ąsident Merkin Muffley, und er muss gerade dem russischen Premierminister Dmitri Kissoff klarmachen, dass diesmal wirklich etwas schiefgegangen ist mit der Bombe. Sein Gespr├Ąchspartner Kissoff scheint zu dem Zeitpunkt noch v├Âllig unbeeindruckt von dem vorsichtig-beschwichtigenden Ton in Muffleys Stimme, w├Ąhrend er sich langsam an das heikle Thema heranwagt, sondern l├Ąsst im Hintergrund Musik laufen und scheint Damenbesuch zu haben. Als er dann erf├Ąhrt, dass mehrere US-Bomber auf den Weg ins russische Heimatland sind, um dort strategisch durch den Einsatz von Bomben den "Ruskies den Arsch zu versohlen", scheint sich jede Promille Alkohol aus dem Blut des russischen Staatsoberhauptes verabschiedet zu haben. Ja, die Welt steckt in einer gigantischen Krise. Und wir, die Zuschauer, haben den Spa├č unseres Lebens.

Stanley Kubrick haben wir diesen Spa├č zu verdanken, der mit "Dr. Seltsam Oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben" zweifellos die beste Satire der Filmgeschichte drehte. Komischer, intelligenter, bissiger geht es kaum mehr. Filmisch, wie inhaltlich interessant, ist "Dr. Seltsam" einer der wichtigsten Kubrick-Filme ├╝berhaupt.

In "Dr. Seltsam" blicken die beiden Gegner im Kalten Krieg, Amerika und Russland in eine gemeinsame, d├╝stere Zukunft. Das Ende beider L├Ąnder k├Ânnte bevorstehen. Jedoch wurde der Konflikt nicht durch Kriegstaktiken, nicht durch ein strategisches Man├Âver heraufbeschworen, sondern findet seinen Ausl├Âser in schlichtem, menschlichen Versagen. Bestrebt, die Reinheit seiner K├Ârpers├Ąfte zu waren, beschlie├čt General Jack D. Ripper seinem Pr├Ąsidenten zuvorzukommen, und einfach eine Armada von B-52's nach Russland zu schicken, die dort den Atomkrieg entfachen sollen. Ohne Provokation, einfach nur, um endlich das As im ├ärmel auszuspielen. Da die Bomberpiloten denken, sie w├╝rden einen dringenden Notfallplan ausf├╝hren, sind sie nur durch einen Kommandocode zur├╝ckzurufen, den nat├╝rlich nur Ripper kennt.

Wenige Stunden bleiben der amerikanischen Regierung, um einen Ausweg aus der ungewollten Krise zu finden. Pr├Ąsident Merkin Muffley versucht aus dem Kriegsraum im Wei├čen Haus eine L├Âsung zu finden. Zur Seite stehen ihm der knallharte General Buck Turgidson, der dem bevorstehenden Ende f├╝r Russland eher gelassen entgegensteht, und darin sogar einen Vorteil f├╝r sein geliebtes, kapitalistisches Amerika sieht; der russische Botschafter Alexi de Sadesky, der enth├╝llt, dass Russland in dem Falle eines Abwurfs von Atombomben eine allesvernichtende, automatisierte Waffe erbaut h├Ątte, deren Gegenschlag unabwendbar die Erde f├╝r die n├Ąchsten 90 Jahre radioaktiv verseuchen w├╝rde; und der wahnsinnige Dr. Strangelove, ein Ex-Nazi im Rollstuhl.

Voller Niedertracht seziert Kubrick hier die Befehlskette amerikanischer Milit├Ąrs, als auch die Kaltbl├╝tigkeit, mit der Armeegener├Ąle von den n├Ąchsten Schachz├╝gen sprechen, und dabei ├╝ber Millionen von Menschenleben richten, so, als w├╝rde es sich wirklich nur um die Schachfiguren handeln. In einer Zeit des Wettr├╝stens, in der die Kontrolle ├╝ber "die Bombe" enormen politischen Einfluss hatte, erz├Ąhlt Kubrick hier die Geschichte, wie die Bombe, beziehungsweise die russische "Weltvernichtungsmaschine" sich dem Einfluss menschlicher Intelligenz entzieht, und selbst entscheidet. Kubrick f├╝hrt das kriegsm├Ąnnische Posieren mit der m├Âglichen Vernichtung alles Lebens ad absurdum und l├Ąsst uns den Schrecken in jedem Knochen sp├╝ren.

Doch nat├╝rlich ist "Dr. Seltsam" dadurch kein erschreckender, bedr├╝ckender Film. Der kurzweilige, flotte Kinofilm hat viel zu viele Lacher auf seiner Seite, als dass ernsthaft von dem satirischen Aspekt verschreckt werden k├Ânne. Doch so komisch die Dialoge auch sein m├Âgen, filmisch nimmt sich der Film durchaus ernst. In den wenigen Kriegsszenen, in denen nat├╝rlich, im Geiste der Satire, Amis gegen Amis k├Ąmpfen, drehte Kubrick mit wackeliger Handkamera und war damit einer der ersten, die solchen Actionszenen einen Dokumentarfilm-Touch gaben, um ihre realit├Ątsnahe Wirkungsweise zu intensivieren. Man hinterfragt den Wahrheitsgehalt der Bilder nicht, wenn sie nicht gewollt filmisch und durchkomponiert k├╝nstlerisch wirken; sondern wenn sie unruhig, verwackelt, ungenau, immer wieder aufbebend, wenn etwas in der unmittelbaren N├Ąhe explodiert, sind, nimmt man das Gesehene als bare M├╝nze hin. Jene Szenen sind ernst gedreht und keineswegs vordergr├╝ndig humorvoll (mal abgesehen von der Szene, in der Ripper aus seinem B├╝ro den Kampf f├╝hrt), sondern wirken erst in ihrer absurden Gesamtsituation verzweifelnd komisch.

Aber keine Angst, der Zuschauer hat Gelegenheit zum lauten Herausprusten. Zwar ist kein Dialog beschr├Ąnkt auf plumpen, zotigem Witz, aber bei S├Ątzen wie "Gentlemen, you can't fight in here! This is the War Room" d├╝rfte jedem das Gesicht mindestens zu einem breiten Grinsen entgleisen. Die Satire ist klug und scharf und verl├Ąsst sich voll auf seine Darsteller. Peter Sellers spielt gleich drei Rollen, ├Ąhnlich seines multiplen Vorkommens in Kubricks Vorg├Ąngerfilm "Lolita": Group Captain Lionel Mandrake, der zusammen mit dem wahnsinnigen Ripper in dessen B├╝ro eingesperrt ist. Hier muss er sich die psychotischen Theorien der S├Ąfte entkr├Ąftenden Russen anh├Âren, w├Ąhrend er verzweifelt versucht von dort aus, dem Treiben ein Ende zu setzen. Sp├Ąter hat es Mandrake dann mit einem amerikanischen Colonel zu tun, der ihn f├╝r einen Perversling h├Ąlt, da Mandrake befiehlt, einen Coca-Cola-Automaten aufzuschlie├čen. Amerikas Heiligtum wird als Geldwechselmaschine vergewaltigt. Keenan Wynn als der stoische Colonel droht Mandrake: "You're gonna have to answer to the Coca-Cola company".

Die zweite Sellers-Rolle ist die des nerv├Âsen US-Pr├Ąsidenten, eine weniger ├╝bertriebene, ernsthaftere Rolle. Hier hat Sellers die Chance, ein gesamtes Telefonat mit der russischen Seite des hei├čen Drahtes zu improvisieren. Eine grandiose Szene, in der Sellers jede au├čenpolitische Freundlichkeitsfloskel bem├╝ht, um die Schwere der Botschaft zu beschwichtigen. Seine dritte Rolle ist dann absolut over-the-top. Der im Rollstuhl sitzende Ex-Nazi-Wissenschaftler Dr. Strangelove, dessen Theorien meist von einem zwanghaft in die Luft zischenden rechten Arm und einem herausgebr├╝llten "Mein F├╝hrer!" unterbrochen werden. Dr. Strangelove ist eine herrlich ├╝berzeichnete Karikatur, v├Âllig neben der Kappe und ohne jeden Realismusanspruch.

So virtuos Sellers mit allen drei Figuren umgeht, das schauspielerische Highlight ist jedoch George C. Scott, der Kaugummi kauende General Buck Turgidson. Scott wurde von Kubrick zum Overacten ermutigt, und eine unglaublich energetische, gummigesichtige Vorstellung ist das Resultat. Sein Turgidson ist ein ├╝berschwenglicher General, der regelm├Ą├čig schlechte Nachrichten verk├╝ndet, und jegliche Menschlichkeit f├╝r eine eigene milit├Ąrische Logik opfert. Die Grimassen, die Scott zieht, die ├╝berreichliche Gestik - alles scheint hundertprozentig zu sitzen und zu passen. Selbst als Scott ├╝ber seine eigenen F├╝├če stolpert und auf den Boden st├╝rzt, l├Ąuft die Kamera weiter. Auch aus der Nummer kommt Scott hervorragend und ├╝berzeugend heraus.

Am Ende steht das Ende der Welt. Anstatt den Film einem Happy-End zu opfern, zeigt uns Kubrick jene schreckliche Konsequenz des Krieges: Kurz zuvor ritt Slim Pickens seine Bombe ins Ziel, nun vollf├╝hren Atompilze ihren morbiden Tanz zu Vera Lynns "We'll meet again". "Dr. Seltsam" ist eines der gro├čen Kubrick Meisterwerken, ein gro├čartiger, humorvoller, hintergr├╝ndiger Film, so intelligent, wie komisch zugleich. Toll geschauspielert, ebenso fabelhaft gedreht. Grotesk und doch wahr.


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