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Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben (1964)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 8 / 10)
eingetragen am 17.03.2004, seitdem 998 Mal gelesen



Wenig regt die Phantasie der Menschen seit Jahrhunderten stärker an, als die Vorstellung vom Ende der Welt. Die Apokalypse blieb dabei stets den Göttern oder Gott überlassen, Menschen waren nur die Opfer des Geschehens. Der Weltuntergang ist in der christlichen Tradition auch der Tag des Gerichts, an dem jeder Mensch nach seinen Taten abgeurteilt wird. Die Furcht und der Schrecken vor jenem Tag spornten die Künstler an, ihren Alpträumen Gestalt zu verleihen, in dem sie mit bizarrer Lust am Detail den jüngsten Tag in Bildern und Büchern schilderten.
Was scheinbar dauerhaft nur eine religiöse Schreckensvision war, rückte in der Mitte des 20.Jhs. innerhalb weniger Jahre in den Bereich des technisch Machbaren. In den fünfziger Jahren wurde das Publikum bald im Wochenrhythmus mit Bildern von Atombombentests überflutet, bei denen ganze Südseeatolle pulverisiert wurden. Der Schrecken wurde nicht mehr in religiösen Größen gemessen, sondern in Megatonnen. Das Zeichen der Apokalypse hatte jetzt die Form einer pilzförmigen Wolke und es begann die Alpträume zu beherrschen.

Stanley Kubricks „Dr.Seltsam“ reiht sich einerseits also in eine Jahrhunderte alte Tradition von Weltuntergangsschilderungen ein, die mit unseren Alpträumen spielen, andererseits ist er ganz am Puls der Zeit und zeigt uns die aktuelle Version. Kubricks Weltuntergang hat nichts Jenseitiges mehr, er ist keine Erfüllung einer religiösen Prophezeiung, sondern eine ganz irdische Angelegenheit mit farcenhaften Zügen. Kubrick sah, dass das Gleichgewicht des Schreckens von zwei Bürokratien aufrecht gehalten wurde, die zwar miteinander verfeindet waren, aber einander nicht mehr bekriegen konnten, da sie sich sonst gegenseitig auslöschten. Wie alle Bürokratien funktioniert die Bürokratie des Schreckens nach Ritualen, die eine Satire geradezu herausfordern. Wie alle Bürokratien entwickelt sie ihre eigene Zwangslogik und beginnt die Menschen, die sie geschaffen haben, zu beherrschen. Wie alle Bürokratien hält sie sich für unfehlbar in ihren wohl geplanten Abläufen, kann aber gerade deshalb umso wirksamer vom Zufall getroffen werden.

Kubrick wollte eine Satire, die den Schrecken mit Komik beschwört und den Atomkrieg letztlich als eine obszöne Farce erscheinen lässt. Ein wirklichkeitsgetreues Drama, das die beteiligten Personen als psychologisch vielschichtig angelegt hätte, lag nicht in seiner Absicht. Kubricks Blick richtete sich auf ein System, dessen tödliche Mechanik er durch satirische Zuspitzung bis an die Grenze des Absurden und an manchen Punkten weit darüber hinaus, bloßlegen wollte. Eine Bürokratie ist was Ungreifbares. Um sie sichtbar zu machen, erfand Kubrick Symbole der Bürokratie, deren Bildkraft solche Überzeugungsstärke hatte, dass man sie für Wirklichkeit hielt. Am bekanntesten ist davon sicherlich der „war room“ des Pentagons, in dem die amerikanischen Entscheidungsträger rund um den Präsidenten an einem Tisch versammelt waren. Im Hintergrund eine riesige Weltkarte, in der die Flugrichtungen der Atombomber durch blinkende Lämpchen markiert werden. Dieser „war room“ ging in die allgemeine Vorstellungswelt ein, er wurde unzählige Male in Filmen kopiert und doch: er war bloßes Phantasieprodukt.

Ebenso bevölkert Kubrick die Bürokratie des Schreckens mit einem mit einem durchweg phantastischen Personal. Alle Charaktere sind völlig überzogene Karikaturen, Typen, die alle aus gängigen Klischees zusammengebaut sind. Realismus ist gar nicht angestrebt. An der Komik der bizarren Typen will er den Wahnsinn des Systems sinnfällig werden lassen.
Vorneweg General Jack D. Ripper (Sterling Hayden), der, von Verfolgungswahn gepackt, eine irrsinnige Theorie entwickelt hat, wonach die Kommunisten durch die „Fluoridation des Trinkwasser“ die „Lebenssäfte“ der Amerikaner schwächen wollen. Daher muss er den Erstschlag führen. Kubrick verzichtet auf jeden ernsthaften Kriegsgrund, es soll nur durch einen absurden Zwischenfall die angeblich fehlerfrei funktionierende Militärmaschinerie in Gang gebracht werden.
Ausführendes Glied der Befehlskette ist ein Bomberpilot (Slim Pickens), der mehr texanischer Cowboy ist, als John Wayne es je war. Die Szenen an Bord des B-52 Bombers, die erstmals die technische Routine des Kalten Krieges in einer bis dahin unbekannten Detailverliebtheit zeigten, sind nach heutigen Maßstäben natürlich nicht mehr so neuartig, ja sie sind im heutigen Empfinden zu langatmig geraten. Und doch gelang Kubrick zum Abschluß noch mit dem Ritt auf der Bombe ein Symbol von einzigartiger Stärke.
Peter Sellers spielt gleich mehrere Rolle, wovon zwei die einzigen Stimmen der Vernunft im ganzen Film sind. Zum einen der britische Austauschoffizier Lionel Mandrake, der es fast schafft, die Welt zu retten und Präsident Muffley, einem durch und durch verantwortungsvollen Menschen, dem es ebenfalls fast gelingt, den Wahnsinn zu stoppen, der aber dann trotzdem im Kampf gegen die Kriegslogik unterliegt.

Gegenpol zum Präsidenten im „war room“ ist General Turgidson, mit genialem Overacting verkörpert von George C. Scott. Ein erwachsener Mann, der sich vollkommen kindisch und jungenhaft verhält. Er behandelt seine Sekretärin und Geliebte wie ein Spielzeug und ebenso naiv ist seine Begeisterung für die Kriegslogik und die Bomberpiloten. Stets misstrauisch gegen die Sowjets, schwankt er immer zwischen Begeisterung für die Pläne General Rippers und Phasen der Ernüchterung, wenn ihm die Konsequenzen dieser Pläne bewusst werden. Doch er bleibt unbelehrbar bis zum Schluss, als er zu den eifrigsten Zuhörern Dr.Seltsams zählt.

Ein sowjetischer Botschafter sowie ein sowjetischer Generalsekretär, die alle Klischees, die über Russen umlaufen, hundertfünfzigprozentig erfüllen, müssen den Amerikanern leider mitteilen, dass den Sowjets beim Wettrüsten die Puste ausgegangen ist. Daher haben sie eine kostengünstige Weltvernichtungsbombe gebaut, die ohne menschliches Zutun computergesteuert gezündet wird, sobald die Amerikaner angreifen. Einmal gezündet, wird die ganze Erde für hundert Jahre radioaktiv verseucht und alles Leben stirbt. Hier wird die Logik der Abschreckung konsequent zu Ende gedacht, wie Dr.Seltsam sogleich erkennt. Der Mensch als einziger Störfaktor ist nun ausgeschaltet.

Peter Sellers spielt noch eine dritte Rolle, die alles in den Schatten stellt. Fast wie aus einem B-Film der Science-Fiction Abteilung entlaufen ist die Figur des Dr. Seltsam. Ein deutscher Wissenschaftler, einst im Solde Hitlers, der nun in amerikanischen Diensten steht. Gelähmt sitzt er in seinem Rollstuhl. Er ist keineswegs der Urheber des Bösen, aber nachdem die Logik des Atomkrieges den Weltuntergang unausweichlich gemacht hat, denkt er die Dinge zu Ende. Er entwickelt wilde Visionen vom Überleben der Menschheit nach dem Weltkrieg, und während er das tut, beginnt sein gelähmter Körper sich zu regen und zu zucken. Peter Sellers führt eine bizarren Tanz auf, als Dr.Seltsam versucht, die zuckende Hand, die sich unwillkürlich immer wieder zum Hitlergruß ausstreckt, unter Kontrolle zu halten. Wenn es etwas gibt, was für die Ewigkeit bleibt von diesem Film, dann sind es diese Szenen. Als Dr.Seltsam geendet hat, erhebt er sich vorsichtig von seinem Rollstuhl: „Mein Führer, ich kann wieder gehen“. Ein symbolisches Bild. Die vollendete Logik des Kalten Krieges hat letztendlich dem Faschismus neue Lebenskraft gegeben. Dann regnen die Wasserstoffbomben. Mit diesem düstren Bild schließt der Film.

Gerade die Figur des Dr.Seltsam hat viel zur Legende beigetragen, die diesem Film vorausgeht. Doch reicht der Film heute nicht mehr an seine eigene Legende heran. Wiedersehen mit Legenden kann manchmal unangenehme Begleiterscheinungen haben, vor allem, wenn die Legenden inzwischen einige Jahre auf dem Buckel haben. Dr.Seltsam wird in höchsten Tönen gelobt, doch hat er leider inzwischen etwas an Glanz verloren. Die Komik, die aus dem Spiel mit dem Entsetzen stammt, hängt hier doch sehr am Zeitgefühl des Kalten Krieges. Vielleicht ist dieser Film, der bei Erscheinen enorm gewirkt hat, einfach zu oft kopiert worden, vielleicht sind viele seiner Gags einfach Allgemeingut geworden. Die Idee, dass ein einfach-mal-so wahnsinniger General die Welt in den Abgrund stürzt, wirkt inzwischen altbacken. Man muss schon so etwas wie Humorarchäologie betreiben, um dem gerecht zu werden. Trotz dieser Einschränkungen: Der Film ist immer noch sehr unterhaltsam, die Leistungen der Schauspieler sind auch heute noch überzeugend und Dr.Seltsam selbst ist als Type immer noch einzigartig.
10/10 schafft dieser Film heutzutage nicht mehr. Ich schwanke zwischen 8 und 9, es reicht für solide 8/10.


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