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Victoria (2015)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 9 / 10)
eingetragen am 13.12.2015, seitdem 880 Mal gelesen



„One shot-Volltreffer"

„Mittendrin, statt nur dabei." Dieser bekannte Werbeslogan gilt auch für einen wirklich guten Kinofilm. Teil des Geschehens zu sein, es quasi mitzuerleben, sich mit den Figuren identifizieren zu können, mit ihnen mitzufiebern, in die Handlung einzutauchen, all das hört sich nach einer Selbstverständlichkeit für einen gelungenen Film an. Macht man allerdings die Probe aufs Exempel, werden diese Prämissen nur selten eingelöst.

Um so schöner ist es dann, wenn man unvermittelt, weil völlig unerwartet mal wieder Zeuge eines solchen filmischen Homeruns werden darf. Die Geschichte einer jungen Spanierin, die sich im nächtlichen Berlin mit vier einheimischen, herumlungernden Mittzwanzigern anfreundet und mit ihnen buchstäblich um die Häuser zieht, klingt zunächst einmal lediglich nach einem weiteren Portrait urbaner Adoleszenz-Befindlichkeiten zwischen Orientierungs- und Perspektivlosigkeit. Also die verzweifelte Rebellion gegen eine Gesellschaft die alles hat, alles bietet und keine existenziellen Nöte kennt und gerade deshalb so erdrückend wirkt. Neu ist das aber eben nicht und wenn man als unbeteiligter (Kino-)Zuschauer nur den stillen Beobachter geben darf, auf Dauer auch recht ermüdend.

Regisseur Sebastian Schipper war sich dieser Problematik offenbar sehr bewusst und wählte einen radikalen Ansatz um dem Dilemma aus Vorhersehbarkeit, emotionaler Distanz und Ermüdung zu entgehen: den One-Take-Shot. Mit anderen Worten: er drehte den Film in einer einzigen, 140-minütigen Einstellung, ohne einen einzigen Schnitt. 15 Mal wurde das Ganze Projekt geprobt, drei volle Durchläufe wurden jeweils in einer Nacht von Samstag auf Sonntag vor Ort in Berlin gedreht. Der dritte Take schließlich ist der fertige Film.
Diese völlig unorthodoxe Herangehensweise erfordert von allen Beteiligten allerdings auch, sämtliche gängigen Arbeitsweisen über Bord zu werfen. Der Regisseur kann nicht nach wenigen Minuten „Cut" rufen, um die Szene erneut zu drehen, weil sie ihm nicht gefallen hat. Er kann damit bei der finalen Bearbeitung auch nicht aus mehreren Sequenzen die vermeintlich beste auswählen. Er kann zudem nicht die Anordnung verändern, um Erzählstruktur und Rhythmus anders zu takten, genauso wenig kann er das dazu gängigste und adäquateste Stilmittel einsetzen: den Schnitt.
Die Darsteller bewegen sich hier ebenfalls auf gänzlich unbekanntem Terrain. Meist müssen sie sich nur wenige Minuten konzentrieren und kaum Text merken. Geht etwas schief, gibt es einfach einen weiteren Take. Wird aber alles ohne Unterbrechung gedreht, mutiert der ansonsten reflexartig und wenig glaubhafte Mimen-Spruch von „die Figur leben" zur unabdingbaren Realität. Eine enorme Herausforderung und Anforderung, denn misslingt dies, fällt der Film in sich zu zusammen.
Besonders belastet ist schließlich vor allem auch der Kameramann. Hier gibt es kein Wechseln des Arbeitsgerätes und seiner Utensilien, kein Innehalten wegen schlechter Ausleuchtung oder ungünstiger Perspektive, hier heißt es volle zwei Stunden einfach drauf zu halten und in Sekundenbruchteilen über Schwenks, Fokussierung und Ähnliches zu entscheiden.

Der Norweger Sturla Brandth GrØvlen bewältigt diese Mammutaufgabe bravourös. Naturgemäß ist die Kamera etwas wackelig, schließlich folgt er der Truppe auf Schritt und Tritt, beginnend mit einem nebligen, Stroboskop-durchblitzten Nachtclub, über schummrig beleuchtete Straßen, Wohnhäuser, Hotelzimmer, Tiefgaragen bis zu einer fiebrig-hektischen Autoverfolgungsjagd. Doch anders wie bei vielen Stock-Footage-Filmen nimmt man diese Unruhe sehr schnell nicht mehr als störend wahr, man bemerkt sie sogar gar nicht mehr, sondern fühlt sich als Teil des herumziehenden Quintetts und wird völlig in ihr Erleben hineingesogen. Das ist nicht nur packend und intensiv, das ist auch ungemein spannend.

Spannend, weil man von Beginn an die Energie aller Beteiligten aufnimmt, spannend aber auch, weil der Fortgang der Handlung sehr viele Möglichkeiten offen lässt. Man spürt sofort, dass sich die Titelfigur Victoria auf etwas Gefährliches einlässt, als sie beim Verlassen des Clubs von dem chaotisch-charmanten „Sonne" (Frederick Lau) angequatscht wird. Zumal seine Freunde „Boxer", „Blinker" und „Fuß" einen eher zwielichtigen Eindruck machen. Eine junge Frau, noch dazu orstunkundig, zusammen mit einer eingeschworenen Männerclique, teilweise alkoholisiert, teilweise agressiv, spät nachts in einer wenig einladenden Gegend Berlins, da scheint alles möglich.
Sebastian Schipper spielt mit diversen Befürchtungen, löst mache davon ein, unterläuft andere wiederum und schlägt unerwartete Richtungen ein. Das ist faszinierend, aufregend und eben ungemein spannend. Es bleibt keine Zeit zum Atmen, zum Innehalten, alles passiert in Echtzeit und die Kamera ist permanent hautnah am Geschehen. Auf ein Genre lässt sich „Victoria" nicht festlegen, Liebes-, Action-, Thriller- und Drama-Kino verschmelzen zu einer Einheit, bei der die erzeugte Sogwirkung das eigentlich relevante Momentum ist.

Einen Film wie einen Banküberfall wolle er drehen, so Sebastian Schiffer in einem Interview zu „Victoria". Einen Film, bei dem sich der Adrenalinausstoß der Räuber auf die Zuschauer überträgt, bei dem sie nicht zuschauen, sondern erleben, fühlen, teilhaben. Ein sehr ambitioniertes Vorhaben, keine Frage. Um so befriedigender dann, wenn es gelingt. Noch dazu im für bahnbrechende Überraschungen und das Eingehen großer Risiken nicht gerade verdächtigen deutschen Kino. „Lola  rennt" hat schließlich auch schon fast 20 Jahre auf dem Buckel.
Es wäre allerdings nicht fair, den Lorbeer für diesen Coup allein Regisseur Schiffer und der kongenialen Kameraarbeit GrØvlens zuzuschreiben. Großen Anteil haben definitiv die fünf Darsteller Laia Costa (Victoria), Frederick Lau (Sonne), Franz Rogowski (Boxer), Burak Yigit (Blinker) und Max Mauff (Fuß), die mit ihren Charakteren verschmelzen, während des Drehs improvisierten und schon nach wenigen Minuten völlig vergessen machen, dass es sich „nur" um Schauspieler handelt. Ob der Name der Siegesgöttin „Victoria" irgendwelche Rückschlüsse auf die Entwicklung der Titelheldin zulässt, soll hier nicht verraten werden. So viel allerdings ist sicher: für den Film an sich könnte der Titel nicht besser gewählt sein.


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