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Freddy's New Nightmare (1994)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 7 / 10)
eingetragen am 27.03.2009, seitdem 1107 Mal gelesen



Noch bevor Craven 1996 nach einem Drehbuch von Kevin Williamson mit "Scream" den Klassiker des postmodernen Slasherfilms - selbstironisch, selbstreferenziell und selbstreflexiv - inszenierte, legte er mit dem sechsten Sequel zu seinem Klassiker "A Nightmare on Elm Street" (1983) bereits eine nicht minder doppelbödige und komplexe Horrorstory vor, die Horrorfilm und Kommentar zum Horrorfilm zugleich ist.

"Wes Craven's New Nightmare" setzte die 10 Jahre zuvor begonnene und mit "Freddy's Dead: The Final Nightmare" (1991) eigentlich beendete Reihe um den untoten Kindermörder Freddy Krueger fort, da die riesige Fangemeinde durchaus auf hohe Einspielergebnisse hoffen ließ. FĂŒr die Wiedererweckung einer der grĂ¶ĂŸten modernen Horrorikonen wollte man unbedingt deren Schöpfer Wes Craven verpflichten, der eigentlich kein Interesse an einer x-ten Fortsetzung hatte, sich durch eine verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig hohe Gage und die Zusicherung kĂŒnstlerischer Freiheit aber ĂŒberzeugen ließ. Craven hatte jedoch nicht die Absicht um die zentrale Figur des Bösewichts eine neue Gruppe austauschbarer Opfer um ihr Leben kĂ€mpfen zu lassen, sondern er wollte sich auf eine Weiterentwicklung der von ihm geschaffenen Charaktere und des von ihm geschaffenen Konzepts einlassen. Ihn reizte der Gedanke, Protagonisten einzusetzen, die mittlerweile das Alter der Kinozuschauer von "A Nightmare on Elm Street" erreicht hatten, anstatt Identifikationsfiguren fĂŒr ein jugendliches Publikum abzuliefern. (Vgl. Cravens Audiokommentar; 00:28:07)
Und um nicht an die im Laufe der Teile immer kruder und konstruierter anmutende Dramaturgie der vorangegangenen Filme gebunden zu sein - was freilich auch durch einfaches Ignorieren der entsprechenden Teile möglich gewesen wĂ€re, wie Craven auch schon als am Drehbuch von "A Nightmare on Elm Street 3: Dream Warriors" (1987) Beteiligter den (nicht nur in seinen Augen) schlechten zweiten Teil ausblendete - distanzierte er sich vom Handlungsverlauf der Reihe, indem er seinen siebten Teil außerhalb dieser ansiedelte: In "Wes Craven's New Nightmare" ist die Nightmare on Elm Street Reihe ebenso fiktiv wie sie es in der RealitĂ€t ist, bis schließlich das Albtraumwesen aus den Filmen in die RealitĂ€t hereinbricht.

ZunĂ€chst beginnt "Wes Craven's New Nightmare" wie andere Vertreter der Reihe auch: In seinem Heizungskeller schmiedet sich Krueger eine neue Krallenhand, als das erste Blut spritzt entpuppt sich das Gesehene allerdings als Film im Film. Unter der Regie von Wes Craven (Wes Craven) wird gerade ganz offenbar ein neuer Nightmare-Film gedreht und am Set beĂ€ugt Heather Langenkamp (Heather Langenkamp) mit ihrem Sohn Dylan (Miko Hughes) die Trickeffekte ihres Mannes Chase (David Newsom), der in der innerfilmischen RealitĂ€t fĂŒr Freddys neue Klingenhand verantwortlich ist. Diese spielt plötzlich verrĂŒckt und kostet zwei Crewmitgliedern das Leben - und erneut muss der Zuschauer feststellen, dass er in die Irre gefĂŒhrt worden ist: Die Ereignisse entpuppen sich als Alptraum von Heather, die zuhause in ihrem Bett zusammen mit Mann und Kind von einem Erdbeben geweckt wird.
Bereits in den ersten Minuten fĂŒhrt Craven somit effektvoll die drei Ebenen des Films (Traum, Film, RealitĂ€t) vor, deren Beziehung zueinander immer wieder (spielerisch) thematisiert wird.

Und die Beziehungen sind enger, als es zunĂ€chst noch den Anschein hat - denn wĂ€hrend Heather die AlptrĂ€ume noch auf terrorisierende Anrufe eines fanatischen Freddy-Fans zurĂŒckfĂŒhrt (hier orientierte sich Craven an der außerfilmischen RealitĂ€t; Langenkamp musste sich tatsĂ€chlich mit solcherlei Anrufen herumschlagen), zeigt sich bald dass mehr dahintersteckt: tatsĂ€chlich ist bei New Line Cinema ein neuer Nightmare on Elm Street Film geplant, Craven schreibt bereits an einem Drehbuch und Heathers Mann wurde ohne ihr Wissen bereits fĂŒr die Spezialeffekte eingespannt. Und schnell zeigt sich, dass nicht nur Heather von AlptrĂ€umen geplagt wird: Wes selbst leidet seit geraumer Zeit an AlptrĂ€umen und Freddy-Darsteller Robert Englund malt hier gĂ€nzlich unbewusst ein PortrĂ€t von Freddy Krueger. Und auch Heathers Sohn trĂ€umt mehrfach vom bösen Mann mit der Krallenhand und bald weist auch sein Stofftier erste "Schnittwunden" auf. Und bald sind auch erste Tote zu beklagen, darunter auch Heathers Mann, der wĂ€hrend der Autofahrt im Sekundenschlaf sein Leben lĂ€sst - irritierenderweise mit vier tiefen Schnittwunden in der Brust.

FĂŒr diese Ereignisse hat Wes schließlich auch eine ErklĂ€rung parat, als ihn Heather aufsucht nachdem man sie bei New Line gebeten hatte erneut in die Rolle der Nancy zu schlĂŒpfen: Ihm zufolge existiert ein uraltes Böses, das nur durch das ErzĂ€hlen von Geschichten einzufangen ist, mit denen man seinen wesentlichen Kern fasst, und dieses Böse sei die letzten Jahre in den filmischen Geschichten um Freddy Krueger herum gefangen gewesen. Wenn solch eine Geschichte jedoch sterben wĂŒrde (sei es, weil man sie aus ökonomischen GrĂŒnden verĂ€ndert oder weil sie so schrecklich sind, dass sie verboten werden - zwei Attacken auf Kommerzialisierung und Zensur, mit denen Craven gerade auch bei der Nightmare-Reihe seine Probleme hatte) dann wĂŒrde auch das Böse darin freigesetzt werden. Und nach dem vermeintlichen Ende der Nightmare-Serie mit Teil 6 sei das Böse nun entfesselt und in den AlptrĂ€umen von ihm, Heather und den anderen gegenwĂ€rtig.
Dieses GesprĂ€ch zwischen Heather und Wes wird von Craven kombiniert mit AuszĂŒgen des Drehbuches, an dem Wes schreibt um das Böse wieder zu bannen. Da Teile des GesprĂ€ches tatsĂ€chlich zwischen Langenkamp und Craven stattgefunden haben sollen - freilich als bloßes Ersinnen einer PrĂ€misse fĂŒr den siebten Teil - bricht Craven ganz besonders in dieser Szene (und spĂ€ter nochmal im Finale) die Grenzen zwischen RealitĂ€t, Film und Film im Film auf um damit einen Zusammenhang zwischen RealitĂ€t und Kunst herzustellen, der zum einen auf einer sehr simplen Ebene die Bedrohung durch Freddy Krueger verstĂ€rken soll indem man ihm zur durchaus realen Bedrohung stilisiert (in den Credits steht dann auch dementsprechen bei Robert Englund wie bei Freddy Krueger "as himself"), und der zum anderen auf einer schon etwas subtileren Ebene den Horrorfilm bzw. den gewalttĂ€tigen Film gegen die ĂŒblichen VorwĂŒrfe verteidigen soll, wie es Craven spĂ€ter auch in der Scream-Trilogie - die nun womöglich doch noch um ein Sequel erweitert werden soll - machen sollte.
Gerade der mÀrchenhafte Charakter des Films (der in der Idee vom nur durch das GeschichtenerzÀhlen zu bannenden Bösen bereits anklingt) spielt dabei noch eine tragende Rolle. Ganz deutlich wird dieser Charakter im Finale anklingen.

Bis dahin muss Heather die Erfahrung machen, dass das Böse in Form von Freddy, der hier auch ein neues Erscheinungsbild besitzt (weniger Haut, gedĂ€mpftere Rot/GrĂŒn-Töne, ein langer schwarzer Mantel, direkt an der Hand angebrachte Klingen und ein stĂ€ndig wutverzerrtes Gesicht - Fans der vorherigen Versionen bekommen "ihren" Freddy nur bei Robert Englunds Auftritt in einer TV-Show geboten... dort dann allerdings gleich mehrfach, denn das halbe Publikum trĂ€gt sein Outfit ebenfalls), tatsĂ€chlich existiert und nach ihrem und auch Dylans Leben trachtet. Nach einem in jeder Hinsicht unangenehmen Krankenhausbesuch, bei dem Heathers Freundin Julie stirbt, als sie auf Dylan aufpasst, welcher unter dem Einfluss eines Schlafmittels hinter ihr Freddy Krueger auftauchen sieht, welcher sie mit seinen Klingen an der Wand und der Decke zerfetzt (eine Szene die man aus dem ersten Teil kennt) und anschließend Dylan selbst entfĂŒhrt, macht sich Heather auf ihren Sohn zu retten. Dabei gerĂ€t sie immer mehr in die Rolle der Nancy hinein: Ihr Haar bekommt eine graue StrĂ€hne, John Saxon, der ihr erst behilflich ist, wird zu Nancys Vater und rĂ€t ihr zu einem erholsamen Schlaf und ihre Umgebung wird schließlich zur Elm Street. Mittels einer Schlaftablette begibt sie sich dort dann endgĂŒltig in Freddys Reich - und genau hier setzt Craven die MĂ€rchenmotive um, dier zuvor im Film schon direkt zitiert hat: Haben Heather und Dylan zu Beginn noch ausgiebig HĂ€nsel und Gretel gelesen (die Hexe in den Illustrationen war sicherlich nicht zufĂ€llig schon mit klauenartigen HĂ€nden und einer rot/grĂŒnen Strumpfhose ausgestattet) (00:24:40), versucht Freddy nun Dylan mit Pfefferkuchen zu locken und treibt ihn kurz darauf in einen riesigen Ofen. Freilich kann sein Opfer entkommen und Freddy selbst ins Feuer stoßen. Anschließend erwachen Mutter und Sohn daheim im Bett, wo sie auf das Drehbuch zu "Wes Craven's New Nightmare" stoßen, aus welchem Heather vorzulesen beginnt, als Dylan ein MĂ€rchen hören will. Damit wird der Film nicht nur mit MĂ€rchenzitaten ausgestattet, er erklĂ€rt sich darĂŒber hinaus sogar selbst zum MĂ€rchen. Und damit nimmt Craven fĂŒr sich als Horrorfilmer in Anspruch, was man dem MĂ€rchen gemeinhin schon zusprechen wĂŒrde, dem brutalen Horrorfilm hingegen eher nicht. Craven spricht sich hier ganz deutlich fĂŒr jede Art von fiktiven Stoffen aus, die menschliche Ängste behandeln und deren Produktion wie Rezeption eine befreiende Wirkung darstellt und die Elemente abbaut, die einen insgeheim in den (Alp-)TrĂ€umen verfolgen.
Diese Annahme bleibt letztlich etwas naiv - nicht zuletzt deswegen, weil Craven in keinster Weise auf die Mechanismen verschiedener Medien wie etwa Literatur und Film eingeht - stellt aber zumindest den löblichen frĂŒhen Versuch eines narrativen Genrefilms dar, ĂŒber sich selbst reflektierend Stellung zur Thematik von Gewaltverherrlichung und -verharmlosung zu beziehen.
Zudem fĂ€llt die NaivitĂ€t nicht allzusehr ins Auge, da allerlei Zitate (etwa eine Nosferatu-Nachstellung (01:24:35), die auch in Teil 5 schon ansatzweise zu betrachten war), der stĂ€ndige Wechsel zwischen den Ebenen und zahlreiche "Gastauftritte" schon genug vergnĂŒgliche BeschĂ€ftigung liefern.

Damit ist der Film sicherlich kein ĂŒbermĂ€ĂŸig intelligenter Film, der intelligenteste Beitrag in der Nightmare-Reihe ist er aber sicherlich geworden. Auf formaler Seite ist zudem anstĂ€ndig gearbeitet worden (auch wenn einige Effekte hier budgetbedingt etwas unzulĂ€nglich erscheinen mögen) und auch die Darsteller/innen, die sich weitestgehend selber spielen, können auf voller Linie ĂŒberzeugen.
Die Konzept-Änderungen und Freddys neues Erscheinungsbild sorgten in Verbindung mit seinen verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig wenigen Auftritten bei den eingefleischten Fans mitunter fĂŒr sehr schwache Bewertungen, zumal der Film vielen auch nicht blutig genug geraten ist. Diese Zielgruppe musste noch fast ein Jahrzehnt warten ehe Ronny Yu mit "Freddy vs. Jason" (2003) ein Funsplatter-Spektakel veranstaltete. Wer jedoch ein Sequel erwartet, dass sich am ehesten an den dĂŒsteren Tonfall des ersten Teil hĂ€lt und darĂŒber hinaus als Vorstufe zur spĂ€teren Scream-Reihe funktioniert, der wird keinesfalls enttĂ€uscht und bekommt einen von Cravens besten und wichtigsten Filmen geboten.
Solide 7/10.


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