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Marsianer - Rettet Mark Watney, Der (2015)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 9 / 10)
eingetragen am 12.10.2015, seitdem 2013 Mal gelesen



„Der Mars-McGyver"

„Ridley goes into space!" Science-Fiction-Jüngern dürfte diese Nachricht ein seliges Grinsen ins Gesicht zaubern. Zwar schwächelte der Meister mit „Prometheus" (2012) zuletzt etwas, aber die Messlatte lag hier ja auch in schwindelerregenden Höhen. Nichts weniger als ein Prequel zum Meilenstein „Alien" (1979) hatte er gewagt - und zumindest visuell gewonnen. Und „Blade Runner" (1982) war bei Kinostart auch nicht gerade umarmt worden, weder vom Publikum, noch von der Filmkritik.
Nun also die Verfilmung des Bestsellers „Der Marsianer", ein überraschend humorvoller Abenteuerroman über einen auf dem Mars gestrandeten US-Astronauten. Bevor jetzt wieder die ersten Zweifel sprießen, nach dem Motto „Ridley Scott und Humor ist wie Michael Bay und Anspruch", der sei daran erinnert, dass er mit „Tricks" (2003) und „Ein gutes Jahr" (2006) zwei fluffige Dramödien hingelegt hat, die u.a. mit einem erstaunlichen Gespür für komisches Timing punkten.

Scott gilt zudem als Meister der optischen Gestaltung, ein Regisseur mit einem unverkennbaren visuellen Stil, der schon wiederholt Bilder für die Ewigkeit geschaffen hat. Wahr ist aber auch, dass schon ein mittelmäßiges Drehbuch deutlich am glänzenden Lack kratzt. Anders ausgedrückt: Scotts Bilder können starke Geschichten signifikant veredeln, ohne sie können sie aber oft nicht mehr viel retten. Sein letztes Historienepos „Exodus" gab davon mal wieder ein beredtes Zeugnis.

Bei „Der Marsianer" war schon die Romanvorlage eine ungemein stimmige Mischung aus spannendem Survival-Thriller, wissenschaftlich fundiertem Sachbuch und witzigem Unterhaltungsschmöker. Drehbuchautor Drew Goddard - der schon bei seinem Regiedebut „The Cabin in the woods" bewiesen hatte, dass er ein ernstes Szenario kräftig durch den Humor-Wolf drehen kann, ohne diesem das Kommando zu überlassen - bewahrte die Stärken des Originals und sorgte lediglich für eine stärkere Akzentuierung der Rahmenhandlung und einiger Nebenfiguren.

Buch wie Film werden aus der Perspektive Mark Watneys erzählt, Crew-Mitglied der Ares III Mars-Mission der Nasa. Während eines Staubsturms wird Watney vermeintlich tödlich verletzt, so dass die Mannschaft auf Befehl von Kommandantin Lewis allein zur Erde zurück fliegt. Doch Watney hat überlebt und ist nun völlig auf sich allein gestellt, eine Kommunikation ist nicht mehr möglich, die Überlebenschance praktisch gleich null. Nicht nur, dass einiges an Ausrüstung zerstört wurde, die nächste Mission erreicht den roten Planeten erst in vier Jahren, die Nahrungsvorräte reichen allerdings nur für wenige Wochen. Aber der Botaniker Watney ist ein überaus pragmatischer und erfindungsreicher Optimist. Er pflanzt, repariert, bewässert und experimentiert. Als er es sogar schafft mit der NASA Verbindung aufzunehmen, scheint das Unmögliche zumindest wieder vorstellbar. Aber neben den enormen praktischen Schwierigkeiten einer Rettungsaktion, gibt es plötzlich auch politische Hindernisse zu überwinden. Schon das Eingeständnis von Watleys Überleben bringt die NASA in arge Erklärungsnöte, was würde da erst eine gescheiterte Rettungsmission bewirken ...

Es sind diese „Nebenkriegsschauplätze" auf der Erde und dann auch an Bord der zurückkehrenden Fähre, denen Goddard mehr Raum gibt und die aus dem Robinson Cruso-Szenario ein Ensemblestück machen, das nicht nur für mehr Abwechslung sorgt, sondern auch für mehr Spannung und Dramatik. Diese Akzentverschiebung wird schon an der namhaften Besetzungsliste deutlich. Jeff Daniels, Sean Bean, Kristen Wiig und Chiwetel Ejiofor arbeiten im Nasa-Hauptquartier an Watleys Rettung und Jessica Chastain, Michael Pena sowie Kate Mara gehören zur Hermes-Crew.

Das Hauptaugenmerk liegt aber natürlich auch in der Filmversion auf dem unfreiwillig gestrandeten Mark Watley. Matt Damon hat schon in der Ocean´s Eleven-Trilogie allerlei Erfahrungen als pfiffiger Problemlöser gesammelt. Als cleverer Wissenschaftler mit staubtrockenem Humor ist er der perfekte Mars-MacGyver. Seine oftmals ungewöhnlichen bzw. verblüffend simplen Lösungen für die teilweise komplexen und immer drängenden Probleme haben höchsten Unterhaltungswert. Watleys lakonische Kommentare in seinen Video-Block legen da nochmals eine Schippe drauf, so dass der im Kern fast aussichtslose Kampf gegen immer neue Probleme und die Wahrscheinlichkeit eines glücklichen Ausgangs häufig den Charakter eines vergnüglichen Survival-Abenteuer  annimmt.

„Der Marsianer" ist damit ein absolutes Kontrastprogarmm zu Christopher Nolans wesentlich tiefgründigerem und vielschichtigerem SF-Opus (Magnus) „Interstellar". Er entbehrt allerdings auch dessen teilweise verschwurbelte Theorien und inhaltliche Schwerfälligkeit. Zudem strahlt er wesentlich mehr Wärme und Menschlichkeit aus, ein Unterfangen an dem Nolan trotz Brechstange wieder einmal scheiterte. Keine Frage, Herz und Hirn gleichermaßen anzusprechen ist gerade im an der Realität orientierten Weltraum-Kino ein eher seltenes Phänomen. Auch Ridley Scott gelingt dies nicht vollständig, dennoch kommt er diesem Ideal deutlich näher als Christopher Nolan.
Optisch spielt er ohnehin seit jeher in einer eigenen Liga. Sowohl die Panorama-Aufnahmen des roten Planeten (Jordanien durfte hier doubeln), wie auch die Sets von Mars-Station, Rover und Hermes-Fähre zeugen von Scotts Ausnahmetalent für visuelle Gestaltung und beeindruckende Bilder(-Welten). Mit Kameramann Dariusz Wolski hat er dabei einen kongenialen Partner gefunden (es ist bereits ihre vierte Zusammenarbeit seit 2012), der es perfekt versteht Scotts visuelle Konzeption in Stimmungen umzuwandeln, die noch lange nachwirken.

„The Martian" ist damit eine Feel-Good-Version von Alfonso Cuaróns „Gravity", bei dem ebenfalls eine missglückte Weltraum-Mission in einen einsamen Überlebenskampf mit geringen Erfolgsaussichten mündet. Aber wo Cuarón die Spannungsschraube unerbittlich anzieht, die Dramatik bis zum Anschlag steigert, setzt Scott auf trockenen (Galgen-)Humor und gewitzten Erfindergeist. Man muss nicht unbedingt schweißgebadet aus dem Kinosaal kommen, um dem Gefühl nach etwas Besonderes erlebt zu haben. Manchmal reicht dazu auch einfach nur ein breites Grinsen.


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