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Kill Your Friends (2015)

Eine Kritik von (Bewertung des Films: 9 / 10)
eingetragen am 24.03.2016, seitdem 474 Mal gelesen



„Soundkiller"

Steven Stelfox ist ein Arschloch. Ein sehr ehrgeiziges und ein sehr skrupelloses. Jack Underwood wäre mächtig Stolz auf seinen Seelenverwandten, wenn ihm vielleicht auch das deutlich leichtgewichtigere Metier ein wenig sauer aufstossen dürfte. Andererseits geht auch Steven buchstäblich über Leichen um an den begehrten Chefsessel zu kommen, der - wenn schon nicht zur Regentschaft - so doch immerhin zur Beeinflussung eines Millionenpublikums taugt. Denn Steven ist nichts weniger als Teil der redaktionellen Führungsriege einer Londoner Plattenfirma, die kräftig auf dem internationalen Musikmarkt mitmischt.

„Kill your friends" ist in vielerlei Hinsicht das Entertainment-Äquivalent zur bitterbösen Politsatire „House of cards". Der fast schon schwelgerisch vorgetragene Zynismus im Verbund mit einem bis zum Anschlag selbstverliebten, machtgierigen Strippenzieher, der seine Opfer um den ebenso charmanten wie eloquenten Finger wickelt bis das Blut hervorquillt, generiert eine garstige Demontage der ohnehin schon mit einem zweifelhaften Ruf ausgestatteten Musikbranche.

Der junge Talentscout und A&R (Artists and Repertoire)-Manager Steven - „About ab Boy"-Darling Nicholas Hoult darf hier endlich einmal so richtig fies sein - steht dabei exemplarisch für den sich häufig  aufdrängenden Eindruck eines Primats reinster Gier nach wirtschaftlichem Erfolg und des totalen Desinteresses an künstlerischer Wertigkeit. Einen irgendwie gearteten Musikgeschmack besitzt er nicht, ein Interesse an den jeweiligen Interpreten noch viel weniger. Ob die potentiellen Vertragskunden singen können, geschenkt. Ob sie ihre Songs selbst schreiben, unwichtig. Ob sie irgendeine Botschaft mit ihrer Musik verbinden, hoffentlich nicht. Schon der Begriff Band ist für ihn ein Reizwort, die dazugehörigen Sichtungskonzerte erträgt er nur im Drogenrausch.
Gut ist, was sich verkauft und sei es noch so anspruchslos, seicht und billig produziert. Und sind die Mädels einer angesagten Girlgroup etwas aus dem Leim gegangen und ungelenk, werden es  Fitnesscoaches und Tanzchoreographen schon richten, singen tun ohnehin schon andere. Verliert ein Drum and Bass-Guru nach seinem kometenhaften Aufstieg im Drogenrausch seinen Restverstand, so wird das Folgewerk einfach als psychedelisches Kunstwerk vermarktet. Der nerdige Fan wird die Kult-Verarsche mit Sicherheit schlucken.

Dem Film liegt der gleichnamige Roman des ehemaligen A&R-Managers John Niven zugrunde, dessen genüsslich gnadenlose Abrechnung mit dem Musikbusiness erst auf Umwegen zum Bestseller wurde. Niven verfasste auch das Skript für die Filmversion und das merkt man schlagartig. Ein solches Dauerfeuer an pointierten Dialogtreffern bekommt man nicht alle Tage geboten. Schon die Auftaktviertelstunde enthält mehr satirische Breitseiten als so manche TV-Serie. Die geschliffenen - von Steven immer wieder auch aus dem Off vorgetragenen - Wortsalven sind von solch schwarz-humoriger Güte, dass der Film auf höchstem Bissigkeits-Niveau unterhält, obwohl er praktisch keinerlei Sympathieträger aufbieten kann. Stevens Kollegen stehen ihm in Karriere- und Geldgeilheit nur unwesentlich nach und blicken mit vergleichbarer Abscheu auf Kunden und Angestellte herab. Die näher beleuchteten Musikacts sind entweder dümmlich prollig, militant alternativ, oder im drogenumnebelten Größenwahn angekommen. Einen besonders brülligen Auftritt hat dabei Moritz Bleibtreu, der als zottelmähniger, teutononischer Gossen-DJ-Star dem erfolgsgeilen Steven einen zotigen Dancefloor-Hit aufschwätzt. Nur einer von vielen derben Späßen, die sich der Film erlaubt.

Der Roman stammt von 2005, als Setting dienen die späten 1990er Jahre. Für den Film ist das ein weiterer Glücksgriff, da die kongenial ausgewählten Songs damaliger Britpop-Stars und Indiebands (u.a. „Beetlebum" von Blur, „Cigarettes & Alcohol" von Oasis, „Karma Police" von Radiohead oder „Smack my bitch up" von The Prodigy) die gallige Handlung textlich und auch atmosphärisch perfekt vertiefen.  
Den Rest besorgen ein gehöriges Maß an Abgedrehtheit, ekstatisch selbstzerstörerische Drogenexzesse und vor allem der Kniff, den Zuschauer nicht nur aus dem Voiceover, sondern auch bildlich direkt zu adressieren. Dies hat uns schon bei „House of Cards" die schwer zu spielende Empathie-Karte wenigstens als stille Komplizenschaft untergejubelt sowie ein seltsam wohliges Zwittergefühl zwischen Abscheu und Faszination erzeugt. Das Musikbusiness ist hier dennoch kein Verlierer, denn schlechte Presse ist häufig die beste Promotion.


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